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Zeitzeugen erinnern sich

Gründungsparteitag der Grünen 1980 in Karlsruhe: "Das war eine ziemlich schwere Geburt"

Am 13. Januar 1980 strömten 1.004 Delegierte aus allen Himmelsrichtungen zusammen, um in der Karlsruher Stadthalle die Bundespartei der Grünen aus der Taufe zu heben. Zeitzeugen erinnern sich an die Zeit vor nun 40 Jahren.

Grüne Geschichte: 1.004 Delegierte versammelten sich am 12. und 13. Januar 1980 in der Karlsruher Stadthalle, einige brachten auch gleich die ganze Familie mit. Foto: imago images/Friedrich Stark

Am 13. Januar 1980 strömten 1.004 Delegierte aus allen Himmelsrichtungen zusammen, um in der Karlsruher Stadthalle die Bundespartei der Grünen aus der Taufe zu heben. Zeitzeugen erinnern sich an die Zeit vor 40 Jahren.

„Eigentlich war es doch ein Wunder, dass damals die Gründung überhaupt geglückt ist“, erinnert sich Dieter Balle. Die 1.004 Delegierten, die da am 13. Januar 1980 aus allen Himmelsrichtungen eintrafen, konnten unterschiedlicher kaum sein. Da gab es Vertreter des linksradikalen Frankfurter Spektrums ebenso wie National-Ökologen vom Schlage des schon optisch hervorstechenden Baldur Springmann, es debattierten der frühere CDU-Mann Herbert Gruhl und der Karlsruher Cheforganisator der Versammlung, Uli Tost.

„Das war schon eine ziemlich schwere Geburt“, meint Zeitzeuge Dieter Balle. Tag und Nacht hatten er und seine Mitstreiter das Mammut-Treffen vorbereitet; am 13. Januar selbst waren sie – gekennzeichnet mit „Helfershelfer“- Stickern – ständig unterwegs, um den technisch-organisatorischen Ablauf so reibungsarm wie möglich sicherzustellen.

"Eine heitere Atmosphäre"

Mangels anderer Schlafmöglichkeiten hatte Balle vier Teilnehmer kurzerhand in seiner Wohngemeinschaft einquartiert. „Die Atmosphäre damals war lustig und heiter“, erinnert sich auch der Karlsruher Harry Block. Wie Dieter Balle war Block in der „Grünen Liste“ organisiert. Dort verband viele der Aktiven eine grundsätzliche Skepsis gegenüber politischen Parteien; stattdessen engagierte man sich der Sache willen.

Mit einer Mischung aus Schauder und Belustigung nannten Leute wie Harry Block die Protagonisten aus der national-ökologischen Ecke „braunstichige Chlorophyll-Romantiker“, mit einer Mixtur aus Anerkennung und Reserviertheit nahm man die Organisationsleistung und den Machthunger von Uli Tost zur Kenntnis, der als Asta-Vertreter der Karlsruher Fachhochschule bereits ab 1973 die „undogmatischen Basisgruppen“ aufgebaut und sich seither beträchtlichen Einfluss auf die Bundesgrünen erworben hatte.

Die Zeitzeugen sind sich weitgehend einig: Dass Karlsruhe in der Gründungsphase der heute so erfolgreichen Bundespartei eine beträchtliche Rolle spielte, ist vor allem dem zwischenzeitlich verstorbenen Tost zu verdanken.

Prominenter Gast: Künstler Joseph Beuys beim Gründungsparteitag. Foto: imago images/Friedrich Stark

Gründungsversammlung mobilisierte die Menschen

Identifikationsfläche boten indessen auch Persönlichkeiten wie Rosel und Fred Braun, die 1956 aus dem Exil wieder nach Karlsruhe gekommen waren und sich in der Friedens- und Antiatombewegung einen Namen machten. Nicht zu vergessen Protagonisten wie die spätere Karlsruher Rechtsanwältin Aune Riehle, die in der Gründungsphase erheblichen Einfluss ausübte. Vor elf Jahren wurde sie in Südamerika ermordet.

„Für mich war diese Karlsruher Gründungsversammlung der Auslöser, um sogleich in die neue Partei einzutreten“, erinnert sich die Karlsruherin Renate Rastätter. Sie war zwar keine Delegierte auf dem legendären Konvent, aber sehr viele der Themen, die die junge Lehrerin damals bewegten, hatte die Gründungsversammlung an jenem 13. Januar 1980 auf der Agenda.

Es ging um Umweltzerstörung, das Ende des Wachstums, um Frauenrechte, Nato-Nachrüstung, Atomwirtschaft und globale Solidarität. Ein beträchtlicher Teil der Versammlungsteilnehmer hatte das Buch „Ein Planet wird geplündert“ des späteren ÖDP-Gründers Herbert Gruhl gelesen.

Protest zum Auftakt: Feministinnen machten in Karlsruhe ihrem Unmut Luft und forderten mehr Frauen in der Grünen-Partei. Foto: imago images/Friedrich Stark

Harry Block betrachtet Politiker mit Argwohn

Es war die Zeit von saurem Regen und dem Ausbau des Frankfurter Flughafens, von Mutlangen und Wyhl. Auch wenn die Gründungsversammlung leicht chaotisch verlief und der eigentliche Gründungsakt unter dem Zeitdruck des Bundesbahn-Fahrplans stand: „Die Grünen haben mit ihrer Gründung dazu beigetragen, dass der technische Fortschritt nicht vollends aus dem Ruder lief“, ist Harry Block heute überzeugt.

Seit Jahrzehnten kämpft der frühere Lehrer für ökologische Vernunft und gegen großtechnische Risikoprojekte. Karrierismus ist ihm fremd. Das entsprechende „Glitzern in den Augen“ auch grüner Politiker betrachtet er bis heute mit Argwohn.

Karlsruher Grüne traditionell deutlich weiter links

Dieter Balle sitzt heute für die Linkspartei im Kreistag des Landkreises Rastatt. Mit der Position des damaligen Außenministers Joschka Fischer im Jugoslawien-Krieg kam der Bruch. Auch die Karlsruher Grüne Monika Knoche schloss sich der Linken an.

Renate Rastätter hingegen blieb durchgängig bei den Grünen aktiv. Sie war im Gemeinderat, sie war Landtagsabgeordnete und enge Vertraute von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Es war unausweichlich, dass die Grünen in Parlamenten und Regierungen Verantwortung übernehmen mussten“, ist die heutige Stadträtin überzeugt.

Aus Sicht grüner Landespolitik stehen die Karlsruher Grünen traditionell deutlich weiter links als der Rest im Land. Das korrespondiert mit den Ereignissen von 1982 rund um die Grüne Liste Karlsruhes. Nachdem man zwei Jahre zuvor mit Jürgen Seeberger und Lüppo Cramer die ersten Sitze in einem Kommunalparlament im Südwesten errungen hatte, trat Lüppo Cramer aus ebendieser Listenverbindung aus. Er mochte sich nicht damit arrangieren, dass dort auch Mitglieder des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) aktiv sein durften. Später gründete er die Karlsruher Liste (KAL).

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