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Private Angebote wurden eher wenig genutzt

Karlsruher Nachbarschaftshilfen im zweiten Lockdown: Mehr Helfer als Hilfesuchende

Seit dem ersten Corona-Lockdown im Frühling haben sich in Karlsruhe zahlreiche private Initiativen der Nachbarschaftshilfe gebildet, online und offline sind Netzwerke entstanden. Welche von ihnen sind noch immer aktiv, und wie sehr werden sie gebraucht?

Durchhalteparolen: An einer Litfaßsäule in der Kaiserstraße wurde im März unter anderem zur Nachbarschaftshilfe aufgerufen. Im zweiten Shutdown im November 2020 stehen viele damals aufgebaute Strukturen weiter zur Verfügung. Foto: kas

Und schon ist Karlsruhe wieder mittendrin im Corona-Shutdown: Das öffentliche Leben ausgebremst, das Private weitgehend in die eigenen vier Wände zurückgezogen. Um „die Welle zu brechen“ und die Kurve der Neuansteckungen mit Covid-19 erneut zum Abflachen zu bewegen, heißt das Gebot der Stunde: zu Hause bleiben, um sich und andere zu schützen.

Doch was machen diejenigen, die zur Risikogruppe zählen oder aus anderen Gründen nicht einmal zum Einkaufen nach draußen gehen können oder wollen? Nachbarschaftshilfe ist das Stichwort, unter dem schon im März zahlreiche private Initiativen entstanden sind. Viele von ihnen sind noch immer oder jetzt wieder aktiv – es scheint, als sei auch im Spätjahr das Angebot weit größer als die Nachfrage.

Auf Facebook gelingt die Vernetzung besonders schnell

Auf Facebook gelang die Vernetzung im März besonders schnell – mehrere Nachbarschaftshilfe-Gruppen bildeten sich. In der privaten Gruppe „Nachbarschaftshilfe Karlsruhe“ werden nach wie vor Hilfsgesuche und Angebote geteilt. Nicht immer geht es um Corona, aber immer wieder.

Eine Karlsruherin sammelt etwa Geschenkepäckchen im Schuhkarton, die im Dezember an Obdachlose ausgegeben werden sollen. Eine andere bietet Hilfe im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung an, da sie eigentlich in der Gastronomie arbeitet und während des Shutdown viel Zeit hat. Jemand, der in Quarantäne ist, sucht jemanden, der in dieser Zeit mit dem Hund Gassi geht.

Ebenfalls „Nachbarschaftshilfe Karlsruhe“ heißt eine Community-Seite auf Facebook, die im März von mehreren jungen Leuten aus Daxlanden, Grünwinkel und Mühlburg gegründet worden ist. Ihr erklärtes Ziel ist es, Personen aus Risikogruppen im Alltag zu helfen. Dort scheint aber seit dem Frühjahr nicht mehr viel passiert zu sein – der letzte Beitrag ist vom 30. März. Auf die telefonische BNN-Anfrage war bis Redaktionsschluss niemand erreichbar.

Die Studenten Lars Eckmann (rechts) und Rafael Schreiber gründeten im März eine Hotline, über die Hilfesuchende und Helfer vernetzt werden können – auch noch im Spätjahr 2020. Foto: privat

Die auf die private Initiative zweier KIT-Studenten zurückgehende Website Kahilft.de mit zugehöriger kostenloser Hotline ist auch in der zweiten Pandemie-Welle aktiv. Das Kernteam ist schnell auf sieben junge Leute angewachsen, die die kostenlose Hotline betreuen. Die Kosten für Einrichtung und technischen Betrieb der Hotline trage die Firma Sipgate, die somit als Unterstützerin fungiere. Aktuell sind mehr als 800 Helferinnen und Helfer bei dem Vermittlungsdienst eingetragen sind – knapp 70 Hilfsanfragen wurden bisher vermittelt. „Wir bekommen nach wie vor viele Anrufe“, sagt Rafael Schreiber. „Wir vermitteln mittlerweile sehr oft weiter, wenn es bereits Angebote gibt, zum Beispiel an den Sozialen Dienst der Stadt.“ Die Hotline unter (07 21) 98 61 47 55 ist montags, mittwochs und freitags von 12 bis 14 Uhr erreichbar.

Bürgervereine und andere Stadtteil-Strukturen bleiben bestehen

Auch die Karlsruher Bürgervereine boten und bieten Hilfe für diejenigen an, die zur Risikogruppe zählen oder aus anderen Gründen nicht selbst zum Einkaufen oder in die Apotheke gehen können. In Rintheim etwa besteht die gemeinsame Initiative mit der evangelischen Kirchengemeinde und anderen Organisationen weiterhin.

„Das Angebot wurde im Frühjahr aber kaum in Anspruch genommen“, erklärt Helmut Rempp, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Bürgervereine (AKB). „Ich vermute, dass die Leute einfach selbst rausgehen wollen, wenigstens um das Allernötigste zu erledigen“, sagt er.

Ebenso wie in Rintheim steht man in Durlach und Aue als Ansprechpartner für Nachbarschaftshilfe auch im Spätjahr bereit, erklärt der Vorsitzende der dortigen Bürgergemeinschaft, Roger Hamann. In der Markgrafenstadt habe es bisher aber nur wenige Anfragen gegeben, vereinzelt wurde um die Abholung eines Medikamentenrezeptes aus der Apotheke gebeten.

Weil der Verein wegen der Pandemie seinen jährlichen Herbstempfang absagen musste, sollen die dafür geplanten Ausgaben dieses Jahr an von der Krise getroffene Durlacher Vereine gespendet werden.

Der Bürgerverein Daxlanden steht wie bisher mit zwei Quartiersmanagerinnen für Anfragen jeder Art unter Telefon (07 21) 82 48 71 50 zur Verfügung, wie der Vorsitzende Reimund Horzel erklärt. „Im Augenblick ist es aber relativ ruhig“, sagt er.

Viele haben ja jetzt nichts anderes zu tun, als ihre Siebensachen zu besorgen
Ursula Hellmann, Vorsitzende Bürgerverein Knielingen

In Knielingen wurde im März eine „schnelle Eingreiftruppe“, bestehend aus mehreren Frauen des TV Knielingen Handball, gegründet. Der Einkaufsservice ruhe derzeit, könne aber bei Bedarf reaktiviert werden, wie Bürgervereins-Vorsitzende Ursula Hellmann erklärt. „Jetzt hoffen wir mal, dass wir alle einigermaßen gut durchkommen“, sagt sie. Auch sie hat den Eindruck, dass die Menschen lieber noch selbst einkauften, als sich Hilfe zu holen. „Viele haben ja jetzt nichts anderes zu tun, als ihre Siebensachen zu besorgen.“

Kontaktinformationen zu allen Karlsruher Bürgervereinen sind auf der Internetseite der Arbeitsgemeinschaft unter www.akb-karlsruhe.de zu finden.

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