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Digitales Shopping in der Stadt

Ohne Facebook und Instagram geht im Karlsruher Einzelhandel nichts mehr

Der Einzelhandel in Karlsruhe setzt mehr und mehr auf digitale Kanäle. Wie wichtig besonders in Corona-Zeiten der Internet-Kontakt ist und warum sich das trotz der Übermacht von Großkonzernen lohnt, dafür hat jeder Händler eine eigene Erklärung.

Einzelhandel übers Smartphone: Esther Laut bewirbt ihren Laden Minette auch per Insta-Story. Direkt über Instagram kann man außerdem in ihrem Online-Shop einkaufen. Foto: Jörg Donecker

Facebook, Instagram und eine eigene Präsenz im Internet gehören für viele Karlsruher Einzelhändler nicht erst seit der Corona-Pandemie dazu. Mehr noch: „Instagram ist der neue Überlebenskanal für Einzelhändler”, sagt Marc Ephraim, der mit seiner gleichnamigen Modeboutique physisch in der Südlichen Waldstraße und digital bei Facebook, Instagram und mit eigenem Onlineshop präsent ist. Das Internet sei „eine strategisch wichtige Plattform, die uns während des Lockdowns geholfen hat, Kontakt zu den Kunden zu halten und Ware zu verkaufen”, sagt er.

Der reine Offline-Einzelhandel hat keine Zukunft.
Marc Ephraim, Boutique-Inhaber

Instagram eigne sich vor allem dazu, neue Kunden zu gewinnen. „Das Problem vieler Einzelhändler ist ja, dass es nur eine gewisse Zahl an Stammkunden gibt.” Zu ihnen hält Ephraim auch per Whatsapp Kontakt. Doch um dauerhaft wirtschaftlich zu bleiben und neue Kunden zu gewinnen, reichten die Kundenfrequenzen in den Innenstädten schon lange nicht mehr aus. Von der Einrichtung eines Onlineshops hätten ihm anfangs viele abgeraten: zu teuer, zu aufwendig, zu zeitintensiv. „Aber es geht heute nicht mehr anders”, ist Ephraim überzeugt. „Man braucht eine Plattform, über die man auch verkaufen kann. Der reine Offline-Einzelhandel hat keine Zukunft mehr.”

Wie Ephraim gehen viele vor allem der jüngeren Geschäfte vor: Präsenz bei Instagram und Facebook zeigen etwa auch Home of Blues in Durlach, Unser Onkel in der Weststadt oder Hergard Kindermoden in der Innenstadt. „Als ich mich selbstständig gemacht habe, war das Erste, eine Facebook-Seite einzurichten, inzwischen auch Instagram”, erklärt Manuela Seith vom Laden Zwei in der Weststadt.

Ein eigener Onlineshop gehört heutzutage auch für inhabergeführte Geschäfte dazu. Unikat in der Kaiserstraße bildet so das Angebot im Laden digital ab. Foto: Jörg Donecker

Die Zielgruppen der beiden Sozialen Netzwerke seien völlig unterschiedlich, so wie die Kunden, die zu ihr kommen. „Deshalb brauche ich beides.” Die Kanäle bespielt sie aber nicht einer bestimmten Strategie folgend, sondern eher spontan. „Ich schaffe es gar nicht, immer alle Neuheiten vorzustellen. Die Fotos sollen vor allem ein Gefühl rüberbringen.”

Instagram ist das neue Google.
Esther Laut, Inhaberin Minette Concept Store

Dem gegenüber steht das Rundum-Angebot bei Minette in der Amalienstraße: Inhaberin Esther Laut hat während des Corona-Lockdowns sogar angefangen, die neu eingetroffene Ware in Instagram-Videos selbst zu präsentieren. „Es hat schon etwas Überwindung gekostet”, gesteht sie.

Doch die kurzen Clips in den Insta-Stories hätten eine persönlichere Verbindung zu den Kunden hergestellt. „Reden bringt Segen und schafft Dynamik”, sagt Laut. „Ich konnte viel erklären und zeigen, wer hinter dem Geschäft steckt. Das spricht die Kunden an.” Zudem sei Instagram eine Plattform, über die man sich Inspiration suche – nicht nur in der Mode, auch in vielen anderen Lebensbereichen. „Man sieht ein Produkt auf Insta und will es gleich haben”, sagt sie.

Deshalb nutzt Minette intensiv die Verlinkungsmöglichkeiten zum eigenen Onlineshop. „Instagram ist das neue Google”, sagt Laut. Und das habe sich durch Corona noch verstärkt. „Die Leute haben sich während dieser Zeit überlegt, ob sie das Produkt in der Stadt im stationären Handel bekommen – darüber haben sie sich online über Social Media informiert.” Die Produkte bei Minette folgen den Trends, Marken werden öfter mal durchgewechselt – je nachdem, was auf Instagram gerade gehyped wird. Das bringe auch mit sich, dass man immer neue Ideen entwickeln müsse. „Es wird viel nachgemacht, zum Beispiel wurde das Konzept unseres Flohmarkts schon oft kopiert”, sagt Laut. Für die geplante Fünfjahresfeier im September werde sie schon wegen Corona wieder einmal neu denken müssen.

Es gibt kein Patentrezept. Man muss seinen Kundenstamm kennen.
Andreas Preißler, Mit-Inhaber Unikat Store

Doch auch wer bewusst nicht den Trends folgt, kann sich als Einzelhändler kaum noch leisten, im Internet nicht stattzufinden. Andreas Preißler setzt mit Unikat in der Kaiserstraße auf Individualität und Nachhaltigkeit. Die Preißler-Brüder experimentierten schon vor gut drei Jahren mit einem Onlineshop, sind selbstverständlich auch auf Facebook und Instagram präsent.

Andreas Preißler setzt mit seinem Unikat Store eher auf Individualität als auf wechselnde Trends. Diese Strategie geht auch im Onlineshop auf: Auch aus Berlin bestellen Kunden regelmäßig. Foto: Jörg Donecker

„Wir sind kein Fan von Onlineshops, aber man muss das verknüpfen”, sagt Preißler. Die Präsenz auf vielen Kanälen sei „ultrawichtig”, diese Erfahrung habe er vor allem in der Lockdown-Zeit gemacht. Der Onlineshop sei ein digitales Abbild des Ladengeschäfts. „Die Kunden können tagesaktuell sehen, welche Ware neu reingekommen ist.” Das sei zwar aufwendig. Doch angesichts sinkender Umsätze im stationären und steigender im Online-Handel müsse man auf möglichst vielen digitalen und auch analogen Kanälen präsent sein, um die Zielgruppen zu erreichen.

Wo diese sich tummeln, sei höchst unterschiedlich. Gerade durch Corona müsse man nun viel ausprobieren, quer denken. „Es gibt kein Patentrezept”, sagt Preißler. „Man muss seinen Kundenstamm kennen.” Bei diesem habe er durch den Lockdown ein Umdenken beobachtet: „Auch in Karlsruhe merken viele jetzt, was man eigentlich alles hier hat. Es ist schön zu sehen, dass sich die Menschen im letzten halben Jahr Gedanken gemacht haben über Regionalität und Nachhaltigkeit.” Die Mischung sei das Entscheidende, um sowohl die Menschen anzusprechen, die nicht in den Laden kommen können oder wollen, als auch diejenigen zu bedienen, denen die Anprobe und das persönliche Gespräch im Laden wichtig ist.

Die Präsenz im Netz ist eine Form von Dienstleistung.
Holger Witzel, Geschäftsführer Modehaus Nagel

Auf die Mischung setzt auch das alteingesessene Modehaus Nagel in Durlach. Auf dessen Facebook- und Instagram-Kanal sieht man Fotos der Mitarbeiter, die die angebotene Kleidung tragen. „Wir sind ein inhabergeführtes Haus, wir wollen greifbar sein. Identifikation ist uns sehr wichtig.” Einen Onlineshop hat das Modehaus derzeit nicht. „Wir hatten mal einen Shop ausschließlich für einen Hersteller von Herrenanzügen”, erklärt Witzel. Bis zu einem Hackerangriff vor etwa zehn Jahren habe es gut funktioniert, danach habe sich der Hersteller entschlossen, einen eigenen Onlineshop aufzubauen.

Auch das Modehaus will neben Facebook und Instagram wieder mit einem digitalen Shop einsteigen. „Das ist ein langer, aufwendiger Prozess”, sagt Witzel. „Aber es ist ein Angebot, das man dem Kunden heutzutage machen muss.” Er sehe die Digitalkanäle als eine Art zusätzliches Schaufenster für das Ladengeschäft. „Die Präsenz im Netz ist eine Form von Dienstleistung.”

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