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Persönliche Kontakte

Karlsruher Soziologin rechnet mit zunehmenden Spannungen wegen Corona

Die Corona-Krise hat Auswirkungen auf die Gesellschaft und den Umgang der Menschen miteinander. Die Spannungen werden noch zunehmen, glaubt die Karlsruher Soziologin Annette Treibel-Illian. Doch sie rechnet langfristig auch mit positiven Effekten.

Annette Treibel-Illian ist Leiterin des Master-Studiengangs „Interkulturelle Bildung, Migration und Mehrsprachigkeit“ an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Foto: Sandbiller

Das öffentliche Leben ist durch die Corona-Krise in großen Teilen zum Erliegen gekommen. Die Pädagogische Hochschule (PH) Karlsruhe hat ihren Semesterbeginn vorerst auf den 20. April verschoben. PH-Professorin Annette Treibel-Illian beschäftigt das Thema aber noch in anderer Form. Sie forscht unter anderem in Öffentlicher Soziologie und Zivilisationstheorie. BNN-Redakteur Pascal Schütt hat mit ihr über die Auswirkungen der Krise auf die Gesellschaft gesprochen.

Wie verändert die Corona-Angst den Umgang der Menschen in der Region?

Treibel-Illian: Die Menschen achten derzeit mehr auf sich und auf andere. Das hat gute wie schlechte Seiten. Bei vielen hat sich der Blick verändert. Sie gruppieren ihre Mitmenschen anders ein als noch vor ein paar Wochen. Die große Mehrheit ist dabei sehr vernünftig. Sie beachten die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen wie regelmäßig Hände waschen.

Veranstalter müssen teils harte Entscheidungen treffen - aber auch sie ernten Verständnis dafür. Grundsätzlich ist es ja etwas Gutes, wenn Menschen auf die achten, für die sie verantwortlich sind. Und genau das passiert zur Zeit.

Gesellschaftliche Arbeitsteilung bricht weg

Hamsterkäufe, Diebstähle von Desinfektionsmitteln: Wird der Mensch in vermeintlichen Krisensituationen egoistischer?

Teilweise. Es überrascht mich auch nicht. Dass Menschen in Sorge die Kontrolle verlieren und ein solches Verhalten an den Tag legen, ist ein Extrem. Im Einzelfall ist das befremdlich, manchmal gar kriminell. Aber die Mehrheit beweist Rücksichtnahme und Verständnis. Das wird auch so bleiben.

Viele persönliche Kontakte werden derzeit eingeschränkt, Veranstaltungen abgesagt. Was bedeutet das für die Gesellschaft?

Das ist schwer zu prognostizieren. Es entwickelt sich jedenfalls ein anderes Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit. Privatsphäre ist aktuell sehr gefragt. Das ist vernünftig, aber es führt auch zu einer größeren Belastung und Frust.

Unsere gesellschaftliche Arbeitsteilung bricht weg. Wenn beispielsweise kleine Kinder kaum noch raus können, zerrt das am Nervenkostüm der Eltern. Andersrum verstärkt sich bei Alten oder allein Lebenden die Vereinsamung.

Mal ganz locker gesprochen: So viele Serien kann man gar nicht schauen, dass es da nicht langweilig wird. Vielleicht telefonieren die Menschen bald wieder mehr statt Nachrichten zu schreiben. Aber der persönliche Kontakt ist durch nichts zu ersetzen.

Wunsch nach Distanz ist omnipräsent

Es gibt Berichte über Anfeindungen von Kranken oder ethnischen Gruppen. Nehmen Sie eine Stigmatisierung wahr?

Als Migrationsforscherin schaue ich da natürlich besonders genau hin. Menschen neigen dazu, Komplexes zu vereinfachen, und dabei unterlaufen Fehler. Ich spüre aktuell eine kleine rassistische Schieflage. Man hört schon eher von Anfeindungen gegenüber Asiaten als von welchen gegen Südtiroler.

Einfach weil die Schublade „asiatisches Aussehen“ eine leichtere Unterscheidung zulässt. Die Entwicklung sollten wir als Gesellschaft genau beobachten und eine neue Diskussion darüber anstoßen.

Wer derzeit nur hustet, erntet teils besorgte Blicke. Eine nachvollziehbare Reaktion?

Ja, das ist sicher erwartbar. Das Gegenüber hat das Bedürfnis, etwas zu tun – und sei es nur, dass man weg geht. Ich schüttle beispielsweise in der Grippezeit schon seit einigen Jahren keine Hände mehr. Es gibt einen Wunsch nach Distanz. Die Menschen prüfen sich. Entscheidend ist, wie das geschieht, denn auch hier macht der Ton die Musik.

Haben Sie den Eindruck, dass im Internet und in manchen Medien Hysterie geschürt wird?

Gerade online findet sich schon einiges an Panikmache. Im rechten Spektrum nehme ich das beispielsweise wahr. Oft geht es aber nicht direkt um das Coronavirus. Es wird nur instrumentalisiert, um ein weiteres Mal die Regierung zu beschimpfen.

In den klassischen Medien fällt mir derzeit kaum übertriebene Berichterstattung auf. Sie müssen eine Balance zwischen Informationspflicht und Dramatisierung finden. Den meisten gelingt das. Es ist ein großes Bemühen zu erkennen, die Neugier der Menschen zu befriedigen und gleichzeitig andere Themen nicht zu vergessen.

Wichtig ist: Gute Informationen – egal auf welchem Weg sie verbreitet werden - sind für die Menschen essenziell. Sie brauchen in solchen Situationen Leitplanken und haben ein Bedürfnis nach Orientierung und Verlässlichkeit.

Langfristig positive Effekte

Rechnen Sie damit, dass sich die Trends verstärken je weiter das Virus sich ausbreitet?

Ja, in die eine wie in die andere Richtung. Das rücksichtslose Verhalten mancher wird zunehmen. Sie sind auf sich selbst zurückgeworfen, haben kaum Ablenkung. Das geht mit Verzicht und Frust einher. Das zurückgehende öffentliche Leben wird auch das private Umfeld der meisten noch stärker tangieren. Es entwickeln sich neue Konflikte und Probleme.

Auf der anderen Seite rücken die Menschen in Krisensituationen instinktiv zusammen. Sie realisieren, wie abhängig sie voneinander sind, denken über den Umgang miteinander nach. Ich kann mir gut vorstellen, dass mehr unter verschiedenen Menschen gesprochen wird, nicht nur in der eigenen Blase. Gut möglich, dass es auch einen Dankbarkeitsschub gegenüber dem medizinischen Personal geben wird. So könnte das Ganze sogar zu einem Zivilisationsgewinn führen.

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