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Nach Jahrzehnten in der Manege

Kritik an Tiernummern: Dressurpaar Probst beendet seine Zirkuskarriere

Maike und Jörg Probst stellen bei ihrer Hoftierdressur im Weihnachtscircus unter Beweis, dass auch Esel und ein Ziegenbock lernfähig sind. Weil sie nicht an die Zukunft der Tierdressur glauben, wenden sie sich jetzt einen neuem Projekt zu.

Wie die Bremer Stadtmusikanten präsentiert sich der Turm aus Esel, Jörg Probst, Ziege und Hahn dem Publikum des Karlsruher Weihnachtscircus. Szenenapplaus gibt es dafür auch von Tierdresseurin Maike Probst. Foto: Sandbiller

Bei der Frage nach einem besonders störrischen Tier wird neben dem Esel häufig noch der Ziegenbock genannt. Dass aber sowohl ein Esel als auch ein Ziegenbock folgsame Tiere sind, die bei der richtigen Handhabung sogar einige Tricks lernen können, stellen Maike und Jörg Probst bei ihrer Hoftierdressur im Karlsruher Weihnachtscircus unter Beweis.

Beinahe stoisch steht da ein Esel in der Manegen-Mitte und lässt einen Ziegenbock über eine dünne Planke auf seinen Rücken laufen. Von den Zuschauern lassen sich die beiden heimlichen Stars der Nummer dabei ebenso wenig aus der Ruhe bringen wie von ihren zahlreichen tierischen Mitstreitern. Denn bei der als Alpenwestern verpackten komischen Dressurnummer führt das Ehepaar Probst auch noch fünf weitere Ziegen, zwei Hähne, zwei Wollschweine und einen Mischlingshund durch das Zirkusrund.

Jetzt zieht das Paar einen Schlussstrich

Wer die Probsts mit ihrem fahrenden Tierzirkus noch einmal in einem Zirkus erleben will, sollte sich aber besser sputen. Noch bis zum Dreikönigstag tritt das Ehepaar in der Fächerstadt auf, anschließend will Maike Probst die Zirkusschuhe an den Nagel hängen und sich auf ihren Bauernhof in Thüringen zurückziehen:

Ich mache dieses Theater nicht mehr mit.

Und damit meint die resolute Tiertrainerin nicht die Auftritte an sich, sondern die Debatte über Tiernummern im Zirkus. Ob durch Verbote lediglich gefährliche oder exotische Tiere aus den Zirkusmanegen verbannt werden sollen, ist für Maike Probst dabei einerlei.

„Früher haben uns die Leute noch zugejubelt und sich über dressierte Hunde und Schweine gefreut. Heute reagieren die Menschen im Zirkus sehr verhalten auf Tiernummern und es kommt keine Stimmung mehr auf“, sagt sie. Ihr Ehemann Jörg sehe die Sache zwar „deutlich gelassener“ und würde auch weiterhin auf Tournee gehen. Sie selbst könne die ständigen Zweifler im Publikum jedoch nicht mehr ertragen und müsse deshalb einen endgültigen Schlussstrich unter ihre Zirkuskarriere ziehen.

Zukunft sieht das Paar im Bauernhof für Erlebnispädagogik

Ganz aufhören kommt für Maike Probst allerdings nicht in Frage. Auf ihrem Hof im Altenburger Land können die Menschen schließlich weiterhin in den Genuss ihrer Dressuren kommen. „Dort kommen dann Leute, die sich wirklich für die Tiere interessieren“, sagt Maike Probst. Der Bauernhof für Erlebnispädagogik ist für die Familie seit vielen Jahren Rückzugsort.

Grund für die Hofgründung war dabei ein persönlicher Schicksalsschlag. Weil ihr Sohn Elias an Muskelschwund leidet und in seiner Kindheit intensiv betreut werden musste, suchten Maike und Jörg Probst um die Jahrtausendwende nach einem passenden Domizil für ihren Wanderzirkus.

Als Elias ab der siebten Klasse eine Regelschule besuchte und nach dem Abitur ein Wirtschaftsstudium abschloss, konnten die Probsts nach einigen Jahren auf dem Hof wieder Engagements annehmen und waren vor acht Jahren schon einmal im Weihnachtscircus auf dem Messplatz zu Gast. Damals hatten die Probsts auch noch ihre Affen dabei. „Doch dressierte Affen wollen die Leute heute nicht mehr sehen. Deshalb haben wir sie zuhause gelassen“, sagt Maike Probst, die bereits vor fünf Jahren über das Ende ihrer Zirkuskarriere nachgedacht hat.

Schon vor Jahren über Karriereende nachgedacht

Doch dann habe sie sich von Bekannten noch einmal überreden lassen und für die Rückkehr in die Zirkuswelt einen Ziegenbock dressiert:

Im Nachhinein war das aber ein Fehler.

Doch sie Sehnsucht nach der Manege sei einfach deutlich stärker gewesen als das Abwägen von rationalen Gründen. Also habe sie auf ihr Bauchgefühl anstatt auf ihren Verstand vertraut.

Wie schwer Maike Probst der Abschied fällt, wird auch beim Blick auf ihre Biografie deutlich. Sie stammt aus einer Zirkusfamilie und ist die Tochter von Zirkusunternehmer Rudolf Probst. Doch als sie Anfang der 1980er Jahre vor dem Sprung in die Manege stand, war die Pferdedressur familienintern bereits an ihre Schwester vergeben.

Ihr Vater habe ihr dann „einen ganzen Stall“ voller Haustiere gekauft und sie einfach machen lassen. Jörg Probst kam übers Kunstturnen und die Artistenschule in Berlin zum Zirkus. Seit 1983 sind die beiden ein Paar. Etliche Jahre tingelten die Probsts mit dem eigenen Zirkus und bei Gastauftritten durch halb Europa. Und ebenso lange präsentieren die beiden eine Dressurnummer mit Haustieren, für die sie 2003 bei den Zirkusfestspielen in Monte Carlo den silbernen Clown erhielten.

Die Zeit der Tiernummern sei vorbei

Über kurz oder lang wird es nach Maike Probsts Einschätzung keine Tiernummern mehr in deutschen Zirkussen geben. „Wahrscheinlich hat Bernhard Paul Recht“, sagt sie. Der Chef des Kölner Zirkus Roncalli strich bereits im vergangenen Jahr die letzte Pferdedressur aus dem Programm des Traditionszirkus. Und andere Zirkusunternehmen wie Flic Flac oder Cirque du Soleil setzen seit jeher ausschließlich auf die hohe Kunst der Akrobatik.

Ein tierisches Vergnügen erwartet den Gewinner oder die Gewinnerin des 35. Rätsels beim Weihnachtscircus in Karlsruhe. Foto: Fabry

Verstehen kann Maike Probst die ablehnende Haltung gegenüber Dressurnummern allerdings bis heute nicht. „Zirkustiere leben deutlich länger als ihre Artgenossen in Landwirtschaft und freier Wildbahn“, betont Maike Probst. Hätte sie ihre beiden Wollschweine nicht in den Zirkus geholt, wären sie geschlachtet worden. Außerdem würden Tiere im Zirkus öfter vom Amtstierärzten kontrolliert als auf Bauernhöfen. „Das Hauptproblem liegt in den Köpfen der Leute“, findet Maike Probst klare Worte.

In den vergangenen Jahren habe eine regelrechte „Vermenschlichung“ der Haustiere stattgefunden und mittlerweile würden viele Leute ihren Hund oder ihre Katze als gleichwertigen Partner ansehen. „Was ein Tier wirklich braucht, weiß allerdings niemand mehr“, sagt Maike Probst. Wer sich ein Bild von artgerechter Tierhaltung machen wolle, könne deshalb gerne auf ihren Hof kommen.

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