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Professor Markus Lehmkuhl

KIT-Experte über Corona: "Wissenschaft schafft keine Gewissheit"

Wie und wann wird die Corona-Krise gelöst? Wissenschaftler stehen derzeit als Experten im Fokus. Deren Kommunikation ist sehr wichtig, sagt KIT-Professor Markus Lehmkuhl. Er sagt, was die Wissenschaft derzeit leisten kann – und was nicht.

Mit Hochdruck arbeiten Forscher an einem Impfstoff. Doch absolute Klarheit, wann und wie die Coronakrise gelöst werden kann, können Experten derzeit nicht sorgen. Foto: dpa

Wie und wann wird die Corona-Krise gelöst? Wissenschaftler stehen derzeit als Experten im Fokus. Ihre Kommunikation ist sehr wichtig, sagt KIT-Professor Markus Lehmkuhl. Er erklärt, was die Wissenschaft derzeit leisten kann – und was nicht.

In der Corona-Krise sind Wissenschaftler gefragt, die Fakten nennen, Theorien einordnen und Ausblicke geben. Was sonst ein Fall für Fachmagazine ist, interessiert nun die breite Gesellschaft. Markus Lehmkuhl vom KIT ist Experte für Wissenschaftskommunikation. Der 52-Jährige spricht mit Redakteur Sebastian Raviol darüber, wie auch Fakten problematisch werden können und erklärt, warum die Erfahrungen vergangener Krisen in der Kommunikation derzeit wenig helfen.

Wissenschaftsjournalismus steht plötzlich im Fokus der breiten Gesellschaft. Wie gut ist er auf Krisen ausgelegt?

Markus Lehmkuhl: Die Wissenschafts-Ressorts in den Medien waren bislang eher klein und randständig. Aber Wissenschaftsjournalismus ist auf solche Krisen spezialisiert. Zurzeit wird deutlich, dass die Wissenschaft einen sehr großen Einfluss auf die Öffentlichkeit hat. Trotzdem ist jetzt der Journalismus insgesamt gefordert.

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Kann fundierter Journalismus mit der Schnelligkeit in den sozialen Medien mithalten? Dort verbreiten manche Menschen munter ihre falschen Behauptungen mit nur einem Klick.

Was ist die Expertise von gutem Journalismus? Er kann gute von schlechten Quellen unterscheiden. Aber das reicht nicht, um den Zug mit allem, was gerade kursiert, einzufangen. Sobald eine Gesellschaft alarmiert ist, gewinnen Botschaften an Relevanz, die den Alarm relativieren. Viele starren auf die Kurven mit den Zahlen, es gibt Tausende Opfer – dann sagen sie: „Aber jedes Jahr sterben auch so eine Million Menschen in Deutschland.“

Ein gewagter Zusammenhang.

Es ist ein leichtes, die Todeszahlen so zu relativieren und die Leute zu verwirren – obwohl es keine Fake-News, sondern faktenbasierte Infos sind. Tatsächlich aber gibt es Regionen, in denen derzeit mehr Menschen sterben als sonst in einem Jahr. Es ist wichtig, dass man solche Konstellationen erkennt und informiert, wie das zu verstehen ist. Das leistet der Journalismus.

Prof. Dr. Markus Lehmkuhl vom KIT ist Experte für Wissenschaftskommunikation in digitalen Medien. Foto: pr

Die Menschen wollen klare Aussagen, doch Wissenschaftler müssen zugeben: Sie wissen derzeit nicht alles. Stößt der Wissenschaftsjournalismus an Grenzen?

Das ist das Kernproblem: Die meisten Menschen erhoffen sich von der Wissenschaft Gewissheit. Aber das ist ein Irrtum, das schafft sie nicht – vor allem nicht in unbekannten Gemengelagen wie diesen. Bei Corona mussten Entscheidungen aufgrund ungenügender Informationen getroffen werden. Und die Entscheidungen haben wieder Risiken zur Folge.

Wie wirken sich die Erfahrungen vergangener Krisen aus?

Auf einen Schatz an Gewissheiten kann man nicht zurückgreifen, das leistet Wissenschaft nicht. Die BSE-Krise Anfang des Jahrtausends war ganz anders gelagert. 2009 hatten wir die Schweinegrippe, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Pandemie ausgerufen wurde. Es gab eine flächendeckende Alarmierung in der Bevölkerung, Landesregierungen haben Hunderte Millionen Euro für Grippe-Impfungen ausgegeben. Dann stellte sich heraus, dass sie viel milder als gedacht verläuft. Im Nachgang haben alle möglichen Akteure scharfe Kritik hinnehmen müssen. So kann man es sich ein bisschen erklären, warum die WHO im Fall der Corona-Krise zu Beginn nicht gleich sämtliche Alarmglocken geläutet hat.

Alle Informationen gibt es auf bnn.de/coronavirus

Bis zu einem Drittel der Menschen misstraut laut Umfragen der Berichterstattung der Medien. Welche Auswirkungen hat das in der Corona-Krise?

Die wissenschaftliche Kommunikation obliegt nicht nur Wissenschaftlern, Journalisten oder Organisationen. Es gibt eine Reihe anderer Akteure – Influencer etwa, die das semiprofessionell machen. Unsere Erwartung ist, dass die Menschen bei wirklich relevanten Ereignissen eigentlich auf Infos zurückgreifen, die professionell aufbereitet sind.

Und wie sieht die Realität aus?

Es gibt Anzeichen dafür, dass die Menschen gerade traditionelle Medien konsultieren und ihnen großes Vertrauen entgegenbringen. Das gab es auch in der Vergangenheit: Nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center sind die Menschen sehr schnell von privaten auf öffentlich-rechtliche Sender umgeschwenkt.

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Wie wichtig sind in Krisen Köpfe wie Christian Drosten, die ein Urvertrauen genießen?

Die Aufmerksamkeit fokussiert sich immer auf bestimmte Köpfe, die dann eine große Reichweite haben. Anders geht es auch nicht. Im Moment wäre es nicht förderlich, wenn wir eine Vielzahl an unterschiedlichen Stimmen hätten – es braucht klare Botschaften. Es wäre nur ein Problem, wenn diese einzelnen Stimmen ihre Prominenz nutzen, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Aber das deutet sich bei Drosten nicht an.

Er fordert, dass derzeit mehr über medizinische Hintergründe denn über Politik berichtet werden soll.

Da bin ich anderer Meinung. Am Ende sind es Politiker, die Entscheidungen treffen müssen. Es gibt medizinische Meinungen, aber Politiker müssen sie mit allen Nebenwirkungen einordnen. Und welche Themen von Journalisten aufgebracht werden, bleibt der Job von Journalisten.

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