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Homeschooling

Unterricht in der Corona-Krise: Hurra, hurra die Schule pennt?

Bald sind Ferien - und dann? Lehrer, Eltern und Schüler stehen während der Corona-Krise mit dem Lernen in den eigenen vier Wänden vor einer großen Herausforderung. Vor allem soziale Unterschiede müssen berücksichtigt werden. Das Ministerium übt den Spagat und zeigt sich flexibel.

Am eigenen Schreibtisch: Während der Corona-Pandemie erhalten Jugendliche ihre Schulaufgaben auf einer Online-Plattform oder per E-Mail. Foto: Müller

Bald sind Ferien - und dann? Lehrer, Eltern und Schüler stehen während der Corona-Krise mit dem Lernen in den eigenen vier Wänden vor einer großen Herausforderung. Vor allem soziale Unterschiede müssen berücksichtigt werden. Das Ministerium übt den Spagat und zeigt sich flexibel.

„Also, wat is en Dampfmaschin?“ In diesem Augenblick, da der Professor Bömmel im Film „Die Feuerzangenbowle“ ohne Stiefel, aber mit einfachen Bildern Physik unterrichtet, haben die SuS von damals keine Ahnung, dass einmal Zeiten kommen werden, da sie froh wären um jeden noch so langweiligen Unterricht. SuS, das sind die Schülerinnen und Schüler von heute, die es zwar zu einer gendergerechten Abkürzung geschafft haben, aber nun vor einem nie da gewesenen Problem stehen: Die Schulen sind geschlossen.

Zum Schutz vor der Corona-Pandemie findet seit knapp drei Wochen kein Unterricht mehr statt. Aufgaben kommen per Mail. Auch neuer Lernstoff. Wer aber erklärt nun Dampfmaschine und Co, wenn die Unterlagen alleine nicht genügen?

Die Freude hält sich in Grenzen

Hurra, hurra, die Schule pennt? Die Freude, nicht die Schulbank drücken zu müssen, hält sich in Grenzen. Auf allen Seiten – bei Schülern ebenso wie bei Eltern und Lehrern – herrscht Unsicherheit im Umgang mit der Herausforderung „Schule ohne Unterricht“.

Digitale Angebote sollen nun die Retter der Stunde sein im sogenannten „Home-Schooling“. Doch der gut gemeinte Versuch, für Kinder und Jugendliche eine gewisse Normalität und einen Lernalltag aufrechtzuerhalten, prallt auf eine Realität, die das nicht immer ermöglicht. Nicht nur die technische Ausstattung der Schulen oder der einzelnen Lehrkräfte sind ein Problem.

„Viel schwieriger ist die enorme Divergenz der Lebenswirklichkeiten, in die wir unsere Bildungsangebote schicken“, sagt die Lehrerin Barbara Becker. „Viele Kinder und Jugendliche haben keinen eigenen Computer. Die meisten haben zwar ein Smartphone, doch weder Drucker, Scanner noch echte Kenntnisse, wie man das alles wirklich als Arbeitsmittel einsetzt“, gibt die Lehrerin zu bedenken.

Hinzu kommen soziale Probleme: „Bei weitem nicht alle wohnen in Verhältnissen, in denen eine echte Arbeitsatmosphäre geschaffen werden kann. Schon gar nicht, wenn plötzlich alle daheim sind, familiäre Konflikte aufbrechen und die Eltern vielleicht sogar um ihren Arbeitsplatz fürchten.“ Da liegen die Nerven schon mal blank.

Ein betroffener Leser dieser Zeitung beklagt in einer anonymen Zuschrift: „Keinerlei Lehre, keinerlei Betreuung, keinerlei Kontrolle oder Lern-Fortschritt-Checks.“ Vor allem eine Frage erhitzte zuletzt die Gemüter: Wie wird das zuhause Erlernte nach den Ferien bewertet? Hier gibt das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg jetzt Entwarnung: gar nicht.

Ministerium reagiert schnell

Auf Anfrage dieser Zeitung reagierte das Ministerium nicht nur prompt mit einer Antwort: „Da die Voraussetzungen für das heimische Lernen sehr unterschiedlich sind, wird von der Schule auch nach Unterrichtsbeginn nicht überprüft und benotet, welches Wissen und welche Kompetenzen sich die Schülerinnen und Schüler während der unterrichtsfreien Zeit selbst erarbeitet haben“, schreibt Christine Sattler, Sprecherin des Ministeriums. Auf der Internetseite wurde diese Frage auch umgehend präzisiert.

Keine Benotung also.

Rektor warnt vor Laissez-faire-Mentalität

„Alles andere wäre auch nicht fair“, sagt Ralf Wehrmann. Der Schulleiter des Fichte-Gymnasiums in Karlsruhe warnt zugleich davor, den SuS eine Laissez-faire-Mentalität zu vermitteln. „Wenn man jetzt sagen würde, wir fangen dort an, wo wir vor Schließung der Schulen aufgehört haben, würde die Motivation sinken“, so Wehrmann. Man müsse die SuS vielmehr nach Wiederöffnung der Schulen „abholen“.

Was zuhause erlernt wurde, werde wiederholt bevor man es teste und benote. Dem Schulleiter ist wichtig, dass keiner Nachteile bekommt. Natürlich habe es anfänglich das Problem gegeben, dass jeder Lehrer die Lage individuell interpretierte. Um bestmögliche Regeln und Klarheit für alle zu schaffen, steuere das Kultusministerium aber Schritt für Schritt und in Rücksprache mit Schulen und Eltern nach. Per Mail gebe es wöchentliche Updates für die Eltern.

Alle ziehen so gut an einem Strang, wie ich es noch nie erlebt habe
Barbara Becker, Lehrerin und GEW-Bezirksvorstand Nordbaden

Dass die Zusammenarbeit zwischen Ministerium, Eltern, Lehrern und der Gewerkschaft in dieser Krise gut ist, erfährt auch Barbara Becker. „Alle ziehen so gut an einem Strang, wie ich es noch nie erlebt habe“, berichtet die Lehrerin, die sich als Bezirksvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg (GEW) in Nordbaden engagiert und am Gymnasium in Bühl die Fächer Biologie und Deutsch unterrichtet. Gleichwohl warnt auch sie vor einer Verklärung des Home-Schooling.

„Es birgt weit größere Klippen als die mangelnde Technik oder uferlose Linktipps für mehr oder weniger gute digitale Angebote“, sagt Becker. „Home-Schooling birgt in sich die Gefahr der Diskriminierung: Es verschärft den Zusammenhang von Bildungserfolg und Elternhaus und hängt Kinder ab, deren familiärer Hintergrund nicht bildungsaffin und computertechnisch auf der Höhe ist.“

Deutlich im Vorteil seien Gemeinschaftsschulen, weil diese schon sehr lange auf digitale Verbindung setzen und daher nun einen Weg beschreiten, der ihnen vertraut ist. SuS dieser Schul-Arten sind demnach vertraut damit, persönliche Aufgaben zu erhalten, die individuell eingefordert werden.

Keine Noten für zuhause Erlerntes

Über die klare Ansage seitens des Ministeriums, dass das zuhause Erlernte nicht benotet wird, ist Becker daher froh. Auch über die Offenheit in der Politik. „Wir stehen in erfreulich gutem Kontakt mit dem Ministerium. Man scheint dort sehr problembewusst zu sein. Alle reagieren schnell und sind offen für Vorschläge“, berichtet die Lehrerin und plädiert dafür, den Lehrplan anschließend so locker wie nur möglich zu erfüllen. Und sie ist sicher: „Es wird ein Zeugnis geben.“ Vor allem für die Abschlussjahrgänge betont Becker: „Unser gemeinsames Ziel ist, dass alle Schüler eine faire Prüfung und einen Abschluss bekommen, der bundesweit gilt.“

Schüler sind auf Unterstützung angewiesen

Doch bis dahin sind die SuS auf Unterstützung angewiesen. Viele sehen es kritisch, wenn „wir uns nun etliche Stunden am Tag beruflich wie auch privat in der digitalen Welt aufhalten“, gibt Sandra Herm zu bedenken. Die Mutter eines Grundschülers und zweier Kinder am Gymnasium aus Gaggenau möchte daher „das digitale Lernen in der derzeitigen Form nur als notwendige Hilfskrücke verstanden wissen und nicht als zukunftsweisende Lernform, die auch in normalen Zeiten nur eine sinnvolle Ergänzung sein kann“. Für Herm sei die Aussage von Martin Buber, „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, noch nie so offensichtlich gewesen wie heute. „Und diese Begegnungen – auch beim Lehren und Lernen – sind durch nichts zu ersetzen“, appelliert Herm.

Kontakt ist unentbehrlich - digitale Lerngruppen

Den sozialen Kontakt hält auch Mechthild Kiegelmann, Professorin für Sozialpsychologie und Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, für unentbehrlich und plädiert daher für virtuelle Lerngruppen. Digitale Kommunikationsformen seien immer „ärmere“ Begegnungen als persönliche Treffen, weil vertraute Informationen wie Körpersprache oder Gruppendynamik fehlen.

„Lehrende sollten für Schüler oder Studierende konkrete Kleingruppen oder Lernpaare bestimmen, die verbindlich und regelmäßig direkt miteinander kommunizieren. Denn auch in Präsenzlehre oder Unterricht wird die reine Konzentrationszeit immer von vielen sozialen Kontakten umrahmt“, so die Dozentin, die viel Erfahrung im Blended Learning hat, einer Kombination von E-Learning und Präsenzlehre. Außerdem empfiehlt sie, mit anderen, mit sich selbst und der Technik gelassen umzugehen.

Kein Schüler muss also Sorge haben vor dem Wiedereinstieg, so die Quintessenz bei Lehrern wie Ministerium. Zuhause zu lernen ist demnach wichtiger für die eigene Moral als für die Noten. Nach Schulbeginn werde alles wiederholt, verspricht auch Ralf Wehrmann. Man muss es ja nicht gleich mit dem eingangs erwähnten Physiklehrer Bömmel halten, der sagt: „Da stelle mer uns janz dumm.“

Kommentar von Isabel Steppeler:

Kein Wecker. Liegen bleiben. Hausaufgaben, die keiner bewertet. Ein Traum? Ganz sicher nicht. Gewohnheiten fallen weg. Kontakte fehlen. Existenzen sind bedroht. Dazu schwelt eine Ruhe, die zu genießen mehr eine Kunst ist als ein Leichtes. Vor allem dort, wo zuhause Kummer und Angst wohnen oder die Luft dick ist, kann sogar der Blick ins Physik-Buch oder in die Mail vom Lehrer zum Fels in der Brandung werden. Wer nun glaubt, die Schulen fördern mit ihrem Vorgehen den lieben Schlendrian, sollte dreimal tief durchatmen und entspannt bleiben. Die Nachricht, dass das während der unterrichtsfreien Zeit zuhause Erlernte nicht benotet wird, ist eine Chance. Ehrgeiz kann warten. Wichtiger sind nun Eigenverantwortung und Verlässlichkeit.

Home-Schooling ist das völlig unpassende Wort für den Zustand, dem sich Lehrer, Eltern, Schüler und auch das Kultusministerium momentan ausgesetzt sehen und aus dem es das Beste zu machen gilt. Dass das, was zwischen Lehrern und Schülern digital ausgetauscht wird, weder vor noch direkt nach Schulbeginn benotet wird, mag nur der Notenbildungsverordnung folgen. Diese besagt, dass Grundlage der Leistungsbewertung alle vom Schüler im Zusammenhang mit dem Unterricht erbrachten Leistungen sind. Die Nachricht ist aber auch ein Zugeständnis an die Tatsache, dass Unterricht eben nicht mit der Gießkanne funktioniert, sondern jedes Kind, jeden Jugendlichen vor allem jetzt in völlig unterschiedlichen Lebensrealitäten erreicht. Jetzt ist die Chance, Eigenverantwortung zu trainieren und Verlässlichkeit zu geben. Wir erleben eine Zeit, in der jede Normalität ein Segen ist. Dass Teenager sich nun einen Schubs geben müssen, um den Anschluss nicht zu verpassen, dürften sie gemerkt haben. Darauf sollten Eltern ebenso vertrauen wie es die Schulen und auch das Ministerium offenbar schon tun. Entscheidend ist nicht wie, sondern dass man sie abholt. Dass Lehrer ansprechbar sind und ein Gespür für die Situation der Schüler haben. Und vor allem ein Konsens: Keine Lösung ist manchmal auch eine.

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