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Abellio und Bombardier

Bahnkunden aus Bretten und Umgebung machen ihrem Ärger Luft

Zuerst kam der Bus zu spät, dann fiel die Stadtbahn von Bruchsal nach Bretten gleich komplett aus. Dies ist nur eine von hundert gleich gelagerter Geschichten die Bahnnutzer aus Bretten und Umgebung erzählen können. Etliche von ihnen waren am Mittwochabend auch bei der Informationsveranstaltung im Brettener Rathaus zugegen und ließen Dampf ab.

Der Zug nach Bruchsal - wie so oft verspätet. Foto: BNN

Der Ärger passte zum Tag. Zuerst kam der Zubringerbus eine Viertelstunde zu spät, dann fiel die Stadtbahn RB17C von Bruchsal nach Bretten gleich komplett aus. Für den Pendler, der eigentlich gerne – und nicht nur im Blick auf die lästigen Staus vor der Baustelle an der B 35 bei Gondelsheim – aufs Auto verzichtet, bedeutete dies am Mittwoch eine Stunde Wartezeit auf die nächste Bahn und eine Stunde Fehlzeit bei der Arbeit.

Dies ist nur eine von hundert gleich gelagerten Geschichten, die Bahnnutzer aus Bretten und Umgebung seit Anfang Juni mit dickem Hals erzählen können.

Etliche von ihnen waren am Mittwochabend auch bei der Informationsveranstaltung im Brettener Rathaus zugegen und ließen Dampf ab. Die Stadt hatte eingeladen, um ihre Bürger über die Entwicklung im öffentlichen Nahverkehr seit der Übernahme der Linie Stuttgart - Heidelberg durch den Betreiber Abellio zu informieren. Fast 100 Interessierte waren gekommen. Am Ende sollten Lösungsstrategien für die unmittelbare Zukunft stehen.

Türen gehen nicht auf

Doch am Anfang standen der Ärger und die Wut. „Man reißt doch einen Altbau nicht ab, bevor der Neubau steht“, monierte ein Vater, dessen Kinder mit der Bahn von Maulbronn zur Schule fahren. Und genauso wenig könne man ein funktionierendes Verkehrskonzept über den Haufen werfen, ohne ein neues zu haben. Dazu müsse es auch einen Plan B geben.

„Die Türen gehen nicht auf, der Triebwagenführer ignoriert meinen Haltewunsch und das Begleitpersonal interessiert sich mehr für die Fahrkarten als für die Fahrgäste“, wetterte ein anderer Bahnkunde. Er wollte wissen, was er denn tun könne, um am gewünschten Haltepunkt auszusteigen – vielleicht die Notbremse ziehen?

Eine Art Körperverletzung

„Meine Tochter stand bereits in der ersten Schulwoche hilflos am Bahnsteig, weil der Zug nicht kam“, berichtete eine wütende Mutter. Gestern sei wieder ein Zug ausgefallen und der nächste mit Verspätung eingetroffen. Das sei auch eine Art von Körperverletzung, wenn Kinder nach der Schule ohne Mittagessen zweieinhalb Stunden für den Heimweg bräuchten. Bahnen führen mit 30 Minuten Verspätung, sodass die Schüler Klausuren verpassten, andere hielten gar nicht an und ließen die Kinder stehen, wetterte die Mutter weiter. „Wo bleibt das Krisenmanagement?“ wollte sie wissen.

Wer zahlt die Überstunden?

Eine ältere Dame blies ins gleiche Horn: Seit Pfingsten funktioniere nichts mehr und ihre Enkel versäumten laufend die Schule. Ein Berufstätiger habe ihr erzählt, dass er wegen Verspätungen der Bahn mittlerweile schon 150 Überstunden geopfert habe. „Wer gibt ihm dieses Geld zurück?“, wollte sie wissen.

ÖPNV Foto: BNN

Für die Antworten hatte Brettens Bürgermeister Michael Nöltner Vertreter des Verkehrsministeriums, der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg sowie der Firmen Abellio und Bombardier eingeladen. Als Ziel des Abends nannte er die Entwicklung von konkreten Lösungsansätzen zur Verbesserung der Lage. Die derzeitige Situation sei auf jeden Fall nicht akzeptabel, erklärte der Bürgermeister unmissverständlich. Ein Schwarze-Peter-Spiel sollte der Abend allerdings eigentlich nicht werden. Zu vermeiden war das aber nicht.

Lückenschluss war Plan B

„Wir sind mit der aktuellen Situation in keiner Weise zufrieden, weder was die Zugausfälle, noch was die Pünktlichkeit betrifft“, räumte Markus Gericke vom Stuttgarter Verkehrsministerium ein. DB-Regio habe nach dem Betreiberwechsel die Lücken beim anfänglichen Fahrzeugmangel aufgefangen. „Das war der Plan B“, erklärte er mit Blick auf das Statement des Maulbronner Familienvaters. Seit Anfang September seien nun die Neufahrzeuge von Bombardier in Betrieb, die ohne die übliche Testphase in Betrieb gingen und noch sehr störanfällig seien. Bis heute sei noch kein stabiler Fahrbetrieb möglich.

Beim Fahrplan nachjustiert

Beim Fahrplan habe man bereits zum Schuljahresbeginn nachjustiert und den morgendlichen Schülerverkehr vorverlegt. Damit müssten die nötigen Anschlüsse funktionieren, wenn die Fahrzeuge denn pünktlich führen, bekundete der Vertreter des Verkehrsministerium und löste damit lediglich Gelächter aus. Zum nächsten Fahrplanwechsel werde man nochmals nachjustieren, versprach Gericke. Im Sommerfahrplan 2020 sei gegen 18 Uhr ein zusätzlicher Zug für Bretten geplant.

Wir entschuldigen uns

„Wir möchten uns bei den Fahrgästen für den schlechten Betrieb, die Lieferverzögerungen und die Fehleranfälligkeit der Fahrzeuge entschuldigen“, erklärte Hannelore Schuster, die Pressesprecherin von Abellio. Sie hatte an diesem Abend die undankbare Aufgabe, für die Versäumnisse ihrer Firma Erklärungen zu liefern. Sie verwies auf die bekannten Gründe, die nicht gelieferten Fahrzeuge, der Mehrbedarf an Schulungen für die unterschiedlichen Ersatzfahrzeuge und den Einsatz der neuen Fahrzeuge im September ohne ausreichende Probephase. Der Test habe im laufenden Betrieb erfolgen müssen und hätte zahlreiche Mängel und eine instabile Software zutage gefördert. „Es kam vor, dass ein Fahrzeug im Verkehr ausfiel“, räumt die Abellio-Dame ein. Bombardier als Hersteller sei nun verpflicht, die Fehler zu beheben.

Wir bedauern die Situation

So kam der Schwarze Peter bei Francois Muller, dem Vertreter des französischen Bahnherstellers, an. Der mühte sich vergeblich, beim verärgerten Publikum Verständnis für die Lieferverzögerung zu wecken. „Wir bedauern die Situation sehr und entschuldigen uns bei unseren Kunden und den Fahrgästen“, erklärte er. Als Gründe nannte er die Notwendigkeit, für das Fahrzeug eine neue Software zu entwickeln, die den gestiegenen Sicherheitsstandards entsprach. Man habe simultan an drei weiteren Projekten gearbeitet, um dann festzustellen, dass man es nicht schaffe, die Zulassung rechtzeitig zu bekommen und mit der Produktion zu beginnen.

Fortsetzung folgt

Fast drei Stunden dauerte die Debatte am Mittwochabend zu der rund 80 Bürgerinnen und Bürger kamen. Der Bericht wird morgen fortgesetzt.

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