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Keine Hamsterkäufe in Bretten

Können Mundspülungen das Corona-Ansteckungsrisiko senken?

Lässt sich das Coronavirus mit Mundspülungen stoppen? Einige Virologen und Virologinnen haben herausgefunden, dass diese das Übertragungsrisiko senken können. Ist die Mundspülung jetzt das neue Toilettenpapier?

Warten vor der Drogerie: Vor der Müller-Filiale im Brettener Kraichgau-Center gab es am Montagabend Warteschlangen. Sie waren, wie die Befragung ergab, allerdings nicht den News über Mundspülungen geschuldet, sondern dem Schulanfang. Foto: Irmeli Thienes

Die Nachricht ging vor wenigen Tagen durch die Medien: Sars-Cov-2-Viren ließen sich mit handelsüblichen Mundspülungen inaktivieren. Das hatten Virologinnen und Virologen der Ruhr-Universität Bochum und Kollegen aus Jena, Ulm, Duisburg-Essen, Nürnberg und Bremen in Experimenten mit Zellkulturen gezeigt. Eine Straßenumfrage vor Brettener Drogeriemärkten ergab allerdings, dass diese Nachricht an den meisten der Befragten vorbeigegangen war.

Zwei hatten die Information zwar vernommen, würden aber ihr Kaufverhalten darum nicht ändern, so die Brettener Kunden. Die Studie stammt bereits vom Juli 2020, wie sowohl das zahnärztliche Portal zm-online wie auch die Hochschulkommunikation der Ruhr-Universität Bochum als Sitz des Forscherteams mitteilen. Die Neuigkeiten waren zunächst auf Fachportalen publiziert worden, bis öffentlich-rechtliche Medien sie aufgriffen.

Eine Warteschlange gab es am Montag vor der Müller-Filiale im Kraichgau-Center Bretten. Sie war allerdings dem Schulanfang geschuldet und der begrenzten Zahl an Kunden, die coronabedingt eingelassen wurden. Und während die Pressestelle des Drogeriemarktes dm bis zur Veröffentlichung keine Auskunft geben konnte, stimmte Rossmann weder einem Pressebesuch in einer Filiale noch einem Interview oder Angaben zu Verkaufstrends bei Mundspülungen zu.

Lediglich von der Pressestelle des Drogerie-Filialisten Müller ist zu erfahren, dass man generell „in den vergangenen Wochen keinen ungewöhnlichen Anstieg an Nachfragen“ nach Mundspülungen verzeichnen konnte. Hamsterkäufe seien „auch hier nicht notwendig.“

Kunden bleiben ihrer Mundspülung treu

Jasmin Crnic hatte gehört, dass Mundspülungen die bei Patienten festgestellten Viruslasten kurzzeitig senken könnten. Der Drogerie-Kunde sagt: „Ich verwende seit Jahren eine bestimmte Mundspülung auf Anraten meines Zahnarztes. Das werde ich jetzt auch nicht ändern.“ Aber er informiere sich dann wohl mal im Internet. Möglicherweise gehöre die eigene ja zu den acht handelsüblichen, getesteten Mundspülungen.

Dass das Senken der Viruslast im Mund- und Rachenraum eventuell zugleich das Risiko einer Übertragung der Corona-Viren senken könne, hatte dm-Kundin Melissa Kohler noch nicht gehört. Wie sie kauft auch Gerrit Kühnle immer dieselbe Mundspülung, teilen beide bei ihrem Einkauf in zwei verschiedenen dm-Filialen mit – bislang jedenfalls, sagen sie.

An den Verkaufszahlen lasse sich weder eine stärkere Nachfrage noch gar ein Lieferengpass für Mundspülungen ablesen, sagt eine stellvertretende Filialleiterin in einem Brettener Drogeriemarkt, deren Name der Redaktion bekannt ist. Sie kann den relevanten Zeitraum seit Bekanntwerden der Studie über Wirkungen von Mundspülungen in Minutenschnelle per App am Handy einsehen.

Mundspülungen sind aber „keine Covid-19-Behandlung“

Die Mundspülungen können laut zahnmedizinischer Presseportale auch etwa bei zahnärztlichen Behandlungen nützlich sein. Axel Glade, Zahnarzt aus Sulzfeld, rät generell zu mechanischer Zahnreinigung. Er ziehe Bürste und Zahnseide der chemischen Reinigung vor. Diese empfehle er nur, wo eine Operation oder eine Behandlung im Nachhinein und vorübergehend das Putzen erschwere. „Ich stehe solchen Nachrichten auch eher zurückhaltend gegenüber, bevor ich nicht die Hintergründe kenne, wie sie zustande kommen“, sagt Glade. Weitere Zahnärzte waren bis zum Redaktionstermin nicht zu erreichen.

Mundspülungen eigneten sich nicht,das betonen die Forscher, zur Behandlung einer Covid-19-Infektion oder um sich selbst vor einer Ansteckung zu schützen, so die Hochschulkommunikation der Ruhr-Universität Bochum.

Die Forscher testeten acht Mundspülungen mit unterschiedlichen Inhaltsstoffen. Die Produkte sind im Handel erhältlich. Die Wissenschaftler mischten einzelne Mundspülungen je mit Viruspartikeln und einer Substanz, um den Effekt von Speichel zu imitieren. Ein Durchschütteln stellte für 30 Sekunden ein Gurgeln nach. Über die Bestimmung der Antikörperzahl gelangten sie zu ihren Angaben über eine Wirksamkeit. Um diese zu bewerten, hatten sie als Gegenkontrolle eingesetzte Viruslösungen vor Zugabe auf die Zellkultur parallel mit Zellkulturmedium anstatt mit Mundspülung behandelt.

Sie stellten laut Hochschulkommunikation der Ruhr-Universität fest, dass alle getesteten Präparate Wirkung zeigten. Drei Mundspülungen hätten die Antikörper soweit verringert, dass nach 30 Sekunden Einwirkung kein Virus mehr festzustellen war. Ob sich das aber in der klinischen Praxis bestätigen lasse und wie lange der Effekt anhalte, müssten weitere Studien zeigen.

Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass „das Gurgeln mit Mundspülung nicht die Produktion der Viren in den Zellen hemmen“ könne, so Toni Meister aus dem Bochumer Forscherteam, es „könnte aber die Viruslast kurzfristig dort senken, wo das größte Ansteckungspotenzial herkommt, nämlich im Mund-Rachen-Raum – und das könnte in bestimmten Situationen wie beim Zahnarzt oder der medizinischen Versorgung von Covid-19-Patienten nützlich sein.“

Mehr zur Studie

Die Ergebnisse der Studie beschreibt das Team um Toni Meister, die Professorin Stephanie Pfänder und Professor Eike Steinmann aus der Bochumer Forschungsgruppe Molekulare und Medizinische Virologie im Journal of Infectious Diseases, online veröffentlicht am 29. Juli 2020. Eine Überprüfung der Laborergebnisse in klinischen Studien steht noch aus.



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