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Oft nur wenige Cent Unterschied

Trotz Mehrwertsteuersenkung bleibt der Einkaufsboom in Bretten aus

Die Mehrwertsteuer wurde vom 1. Juli bis zum 31. Dezember um drei Prozent gesenkt. In Bretten geben die meisten Einzelhändler dies direkt an die Kunden weiter. Das kommt zwar gut an, bedeutet aber keineswegs, dass deshalb mehr gekauft wird.

Die Regale sind prall gefüllt: Ruth Kloft hat im Brettener Näh- und Strickzentrum dauerhaft unter anderem rund 5.000 Knöpfe und etwa 1.300 verschiedene Stoffe im Sortiment. Bei ihr sei nach der Mehrwertsteuersenkung nicht signifikant ihr mehr eingekauft worden, so Kloft. Foto: Christof Bindschädel

Als die Bundesregierung im Juni beschloss, die Mehrwertsteuer für den Zeitraum vom 1. Juli bis zum 31. Dezember um drei Prozent zu senken, verfolgte sie damit ein hehres Ziel: Der Konsum sollte gestärkt werden und generell sollte die Konjunktur einen Schub bekommen.

Davon erhoffte man sich nach dem flächendeckenden Corona-Lockdown, der viele Händler und Geschäfte nicht nur in Bretten und den umliegenden Gemeinden schwer getroffen hat, in erster Linie größere Kaufanreize und damit auch steigende Umsätze.

In der Theorie mag das zunächst einmal gut klingen. Doch wie sieht es in der Realität aus? Sind in den vergangenen Wochen und Monaten tatsächlich mehr Kunden in die Geschäfte gekommen? Haben die Kunden explizit danach gefragt, wie im jeweiligen Geschäft die Mehrwertsteuersenkung gehandhabt wird? Und sind, wie erhofft, die Umsätze auch entsprechend gestiegen?

Nach einer nicht-repräsentativen Umfrage in der City lässt sich für die Melanchthonstadt feststellen: Der durch die Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 16 Prozent erhoffte große Einkaufsboom ist weitestgehend ausgeblieben.

Krumme Preise will keiner haben

„Wegen der Senkung der Mehrwertsteuer um drei Prozent hat doch keiner zusätzlich eine Uhr gekauft, das ist schon lange nicht mehr so“, sagen Agathe Pohl und Monika Lawetzki, die Geschäftsführerinnen vom Uhren- und Schmuckfachgeschäft Tic Tac Pohl. „Wenn wir einfach die drei Prozent an den Preisen abziehen, dann kommen genauso krumme Beträge heraus wie etwa beim Bäcker oder beim Metzger – und das will doch niemand“, ergänzt Andreas Drabek, der Inhaber des Modehauses Martin.

Außerdem bleibt festzuhalten, dass die Umsätze eben nicht zwangsläufig steigen, nur weil der Großteil der Brettener Einzelhändler die Mehrwertsteuersenkung direkt an die Kundschaft weitergibt.

Stammkunden halten den Händlern die Treue

Das bestätigen Ruth Kloft, die Inhaberin des Näh- und Strickzentrums in der Fußgängerzone, und Heike Böhm, die Inhaberin des Modegeschäfts Formvollendet in der Weißhoferstraße. „Die Kunden gehen schon davon aus, dass wir die Mehrwertsteuersenkung auch an sie weitergeben.

Direkt danach gefragt hat aber keiner. Allerdings merkt man das bei vielen unserer Artikel auch kaum. Das sind meistens kleine Cent-Beträge“, erklärt Kloft. Da komme es schon recht häufig vor, dass ein Kunde sagt „Lass stecken“, erzählt Kloft, die unter anderem dauerhaft rund 5.000 Knöpfe und etwa 1.300 verschiedene Stoffe im Sortiment hat. „Ich kann nicht sagen, dass bei uns wegen der Mehrwertsteuersenkung jetzt mehr gekauft wird. Wir haben viele Stammkunden, die seit Jahren zu uns kommen und die uns auch in dieser schweren Zeit unterstützt haben. Das hat sich nicht geändert, weder wegen Corona, noch durch die Mehrwertsteuersenkung“, ergänzt Böhm.

Volle Kleiderständer: Die Herbstware ist in Heike Böhms Geschäft Formvollendet bereits eingetroffen, doch es sind auch noch viele Stücke aus der Frühjahrs- und Sommerkollektion da. Foto: Christof Bindschädel

Drabek, Kloft, Böhm, Pohl und Lawetzki betonen, dass in ihren Geschäften seitens der Kundschaft, wenn überhaupt, nur an den ersten Tagen nach dem 1. Juli vereinzelt nach der Mehrwertsteuersenkung gefragt wurde. Da es bei ihnen oft um recht geringe Beträge gehe, würden die drei Prozent kaum ins Gewicht fallen.

„In anderen Branchen ist das sicherlich anders. Beim Küchen- oder beim Autokauf macht das gleich richtig was aus. Bei uns eher nicht“, erklärt Kloft. Zudem, ergänzen Drabek, Böhm sowie Pohl und Lawetzki, seien beim Kauf von Mode oder Schmuck andere Kriterien und eben nicht nur der Preis ausschlaggebend: „Es muss passen und gefallen.“

Viele Waren werden von den Lieferanten mit einer UVP ausgezeichnet

Bei Mode und Schmuck kommt noch dazu, dass bei über 95 Prozent der Waren diese bereits von den Lieferanten mit einer unverbindlichen Preisempfehlung (UVP) ausgezeichnet werden. „An diese Preise halten wir uns auch weitgehend“, versichern die Modegeschäft-Inhaber Drabek und Böhm.

Beide Läden haben damit zu kämpfen, dass wegen des Lockdowns nicht allzu viele Teile der Frühjahrs- und Sommerkollektion verkauft wurden und die Herbstware bereits eingetroffen ist. „Bei den Preisen der Waren, die wir seit dem 1. Juli bekommen haben, ist in der Regel die geringere Mehrwertsteuer bereits berücksichtigt“, erklären derweil Pohl und Lawetzki.

Preise sollen im neuen Jahr bestehen bleiben

Aber was passiert mit diesen Waren, wenn ab dem 1. Januar 2021 die Mehrwertsteuer wieder von 16 auf 19 Prozent steigt und diese Waren noch in den Läden sind? „Es ist geplant, dass wir die jetzigen Preise mit den 16 Prozent Mehrwertsteuer beibehalten werden“, erklären die Geschäftsinhaber unisono.

Insofern warten dort auf die Kunden zum Jahresbeginn 2021 etliche Schnäppchen. „Wir kämpfen alle ums Überleben. Aber das war auch schon vor Corona so“, erklären Pohl und Lawetzki. „Man hat im Moment aber schon den Eindruck, dass mehr Leute in der Stadt einkaufen. Das ist schön und freut uns alle. Wir sind um jeden Kunden froh und freuen uns über jeden, der uns Einzelhändler unterstützt“, betonen die beiden Tic-Tac-Pohl-Geschäftsführerinnen.

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