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Gastronomen zum Neustart

Verhaltene Freude in Brettener Restaurants

Auf schwere Zeiten folgen auch für Brettener Gastronomen Unsicherheiten: Wie viele Gäste trauen sich? Wie kauft man am besten ein? Was, wenn jemand eine Infektion mitbringt oder nach dem dritten Bier die Abstandsregel vergisst? Dennoch: Sie starten auch mit Freude ins langersehnte Business zurück.

Kleinere Teams und größere Sorgen - so starten viele Gastronomen in Bretten in die Wiedereröffnung nach dem Corona-Lockdown und hoffen auf viele verständnisvolle Gäste, wie auch Vita Lamola vom La Piazetta M23. Foto: Thienes

Sie starten mit kleineren Teams und größeren Sorgen. Sie tun sich schwer mit der korrekten Disposition, den Mengen beim Lebensmittel-Einkauf. Und für alle ist es eine Zeit der Ambivalenzen: Zum Neustart in der Gastronomie steht Wirten wie Gästen die Freude ins Gesicht geschrieben, aber viele haben auch eine Menge Fragen. Was, wenn eine zweite Welle kommt? Was, wenn nicht genug Gäste erscheinen oder ein Infizierter im Restaurant war? Was, wenn ob des einen oder anderen Bieres erst die Hemmungen, dann die Abstände fallen? Auf die schweren letzten Wochen für die Branche folgen solche der Ungewissheit.

Vater und Sohn schlemmen ihr erstes Eis am Tisch des Capri. Eine rüstige Radlergruppe gönnt sich erste Hefeweizen und Schorle zu den Tagliatelle. An der frischen Luft schmeckt‘s doppelt gut nach all den Kilometern im Sattel.

„Wir hätten auch etwas mitgenommen“, sagt Brigitte Spöhr. Aber sie freue sich. „Wir haben das vermisst, das Einkehren in den schönen Aprilwochen auf unseren Touren“, ergänzt Heidi Guckenhan.

Manche Gäste blieben etwas zögerlich vor den Tischen stehen.
Roland Iwangoff, Inhaber des Löwenhofs

Doch das Lachen unter den Sonnenschirmen ist noch dünn gesät. Eher verhalten lief es an bei den Brettener Gastronomen, sagen sie unisono. „Ältere Gäste kamen aus der Tiefgarage hoch und blieben zögerlich vor den Tischen stehen“, erzählt Roland Iwangoff, Chef des Löwenhofs. Er fühle Unsicherheit, wenn nicht gar Angst bei vielen. Da nimmt er sich selbst nicht aus.

Er hat auf zirka 30 Prozent der üblichen Platzzahl reduziert wegen der Abstandspflicht. Draußen bleiben 70 von 250 Stühlen. Er könne die Einbußen insgesamt noch stemmen. Er habe etwas gespart, sagt Iwangoff. Dennoch blieben die Gespräche mit dem Vermieter nicht aus. Und viele Lieferanten muss er gegenwärtig zurückweisen. "Sie rufen ununterbrochen an", denn auch ihnen gehe es schlecht, wenn ihre Abnehmer kein Geschäft machten. "Aber ich kann Salat nun einmal nicht aufheben",  sagt der Löwenhof-Inhaber. So fährt  er selbst zum Großmarkt für den Einkauf, wo er nötig wird.

Einen Gast musste er abweisen

Von zehn bis zehn sei er derzeit beschäftigt, sagt auch Ingo Jäger vom Restaurant "Altes Rathaus". Wie er betonnen auch die anderen Gastronomen, sich streng an Desinfektions- und Abstandsregeln zu halten. Sie haben ihr Personal gebrieft. Beim Löwenhof verlassen gerade Ordnungshüter das Lokal. „Sie haben nach den Gästedaten gefragt, die wir ja erfassen müssen“, erzählt Iwangoff und ergänzt: „Zum Glück hatten wir die korrekt aufgenommen.“

Ingo Jäger musste bereits einen Gast abweisen. Der Wirt zuckt bedauernd mit den Schultern. Der Mann wollte seine Daten nicht preisgeben.

Briefumschläge für die sensiblen Daten

Kristian Schwarz, Geschäftsführer des Löwenhof zum Datenschutz: „Das ist ja nicht ganz nachvollziehbar. Hier werden die Daten plötzlich gesammelt, wo man sie sonst so empfindlich behandelt.“ Arcangela Vedda, Mitinhaberin des La Piazetta M23: „Wir legen zu den Adresszetteln Briefumschläge, dann sind die Daten nicht einzusehen.“

Zwei Paare, zwei Haushalte – so dürfen sie miteinander radeln und sitzen, die Eheleute Spöhr aus Maulbornn (hinten) und die Eheleute Guckenhan aus Böblingen. Foto: Thienes

Zufrieden sei anders, sagen die meisten Wirte über den Neustart. „Das wird sich normalisieren“, meint Jäger. Er glaubt auch, dass sich das mit der Datenerfassung in zwei Wochen erledigt haben werde. „Wir dürfen nicht kontrollieren, ob die Daten stimmen oder wer sich da alles als Max Mustermann ausgibt“, er lacht etwas schief, was die Sinnfrage verdeutlicht.

Ob seine Tische voll werden, vermag er noch nicht einzuschätzen. Und Jäger nickt. „Wenn sich Gäste einem Tisch nähern, auf dem noch Geschirr steht, müssen wir sie stoppen. Wir müssen ja erst desinfizieren“, sagt er. Noch geht das, aber auch er hofft auf mehr Zulauf. und Jäger rechnet auch damit, dass die Stadt den Wirten entgegenkommen werde, sofern diese mehr Platz draußen bräuchten.

Reservierung oder keine Reservierung?

„Wenn wir diese 20 Tische voll bekämen, zehn drinnen und zehn draußen sind es jetzt, wäre das genug“, schätzt Arcangela Vedda das Verhältnis von Kosten und Aufwand ein. Sie arbeiten vorerst nur mit Familie. "Und wir geben alles, nur nicht auf", sie lacht auf, bevor sie die Stirn in Falten zieht. Für sie wäre es schlimm, Gäste abweisen zu müssen, sollten es mehr werden, worauf sie wiederum auch hofft.

Wie setzt man Kollegen zu Mittag?

Es wäre gut, meint sie, wenn Gäste Tische reservierten. Co-Geschäftsführerin Vita Lamola fügt allerdings an, das gehe in der Mittagspause kaum. „Da entscheiden die meisten nach Speisekarte vor der Tür.“ Für die beiden Frauen ist noch unklar, wie sie zu Mittag Kollegen behandeln sollen, falls drei kämen. „Die sind ja nicht aus einem und eher auch nicht aus zwei Haushalten“.

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