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Bombardierung am 1. März

Bombenangriff auf Bruchsal vor 76 Jahren: Fotosammlung dokumentiert die Ruinenstadt

Am 1. März 1945 wurde Bruchsal durch Bomben weitgehend zerstört. Eine Woche nach Pforzheim. Jahrelang blieb auch Bruchsal Ruinenstadt. Der Fotograf Carl Ohler hat sie eindrucksvoll und systematisch dokumentiert.

Bruchsal in den Nachkriegsjahren: Vorne die Bahnhofstraße, rechts neben der Baumgruppe die Bahnunterführung. Die Gebäude im Hintergrund stehen heute noch (Zollhalle und die zwei Wohnhäuser am Anfang der Kaiserstraße). Foto: Carl Ohler

Am schönen Frühlingstag des 1. März 1945 hielt sich Carl Ohler nicht in seinem Fotogeschäft in der Wörthstraße auf. Der 57-Jährige war in diesen letzten Wochen vor Kriegsende mit nähernder Front zu Arbeiten außerhalb der Stadt verpflichtet. So entging er dem Inferno, das er von erhöhter Stelle aus fassungslos beobachtete. Dieser Zweite Weltkrieg war längst verloren für Deutschland und doch ließen die Nazis ohne Rücksicht auf die Bevölkerung weiter kämpfen. Besonders schlimm litt sie unter dem Luftkrieg.

Am frühen Nachmittags jenes Bruchsaler Schicksalstages warfen über 100 amerikanische Flugzeuge ihre tödliche Fracht über der Kreisstadt ab. Der Bahnhof und Industriebetriebe konnten als militärische Ziele gelten. Aber rund 900 Sprengbomben und 50.000 Stabbrandbomben verwandelten in 40 Minuten über drei Viertel der Stadt in eine tödliche Hölle.

Sobald es möglich war, sich durch die rauchende und heiße Stadt zu bewegen, machte sich Ohler wie viele Andere auf, seine Angehörigen zu suchen. Er hatte überlebt, aber zu welchem Preis? Im Keller seines Hauses fand er seine zweite Frau, zwei Töchter und Mitarbeiter des Geschäfts – alle tot. Erstickt im vermeintlichen Rettungsraum, weil gegen das von Bomben entfachte 2.000 Grad heiße Feuer kein Schutz möglich ist.

Der Bruchsaler Fotograf Carl Ohler (1880 bis 1957). Foto: Toni Ohler

Von 1.000 Toten ersticken viele im Keller

600 Bruchsaler Einwohner starben durch jenen Nachmittagsangriff, außerdem 400 dort Arbeitende oder Soldaten. Von den über 1.000 Kriegstoten waren 400 Frauen und 200 Jugendliche. „Unter dem wenigen, was mein Vater retten konnte, waren zwei Bademäntel. Mit denen bedeckte er am Abend die Toten.

Dokumente der Zerstörung: Carl Ohler fotografierte ab 1946 systematisch Bruchsal als weitgehende Ruinenstadt nach dem 1. März 1945. Sein Album mit 1.000 Aufnahmen ist ein Familienschatz von Tochter Margarethe Ohler-Grabenstein und steht auch dem Stadtarchiv zur Verfügung. Foto: Thomas Liebscher

Am nächsten Tag waren die Bademäntel aber weg und die Toten lagen einfach da. Das wurde in der Familie oft erwähnt und hat mich als Kind sehr erschüttert“, sagt Margarethe Ohler-Grabenstein. Sie ist die Tochter von Carl Ohler und seiner dritten Frau Toni, die er 1948 heiratete. Toni Beck war ebenfalls Fotografin und die einzige Überlebende aus der Belegschaft des Fotostudios.

Viele Schicksalsschläge für Carl Ohler

„Mit eisernem Willen“, so die Tochter, gingen die Eltern an den Wiederaufbau von Labor, Geschäft und auch einer Wohnung. Ohler war schon im Ersten Weltkrieg gewesen. Als er zurückkehrte lebte seine Frau und Mutter von drei Kindern nicht mehr. Zwei Töchter und der Sohn galten seit 1933 als „Halbjuden“, die Familie wurde schikaniert, der Sohn fiel im Zweiten Weltkrieg. „Das alles musste mein Vater wegstecken können. Und dann wurde er noch Stadtrat. Er dachte immer nach vorn“, beschreibt ihn Margarethe Ohler-Grabenstein.

Bruchsal 1946: Links Ruine Mozartschule (heute Sparkasse Friedrichsplatz), rechts Stadtkirche. Foto: Carl Ohler

Sie setzte die Familientradition fort und wurde ebenfalls Fotografin. Und natürlich bewahrt sie ein Archiv als Familienschatz auf: Ein altes braunes Album mit rund 1.000 kleinformatigen Schwarzweiß-Aufnahmen von Bruchsal als Ruinenstadt 1946 bis 1948. Systematisch hat Carl Ohler seine für Jahrzehnte geschundene Stadt in 30 Filmen dokumentiert, ausführlich auch die Reste des Barockschlosses. Dessen Wiederaufbau dauerte 30 Jahre.

So sah das Zentrum Bruchsals nach 1945 aus: Blick auf die zerstörte Stadtkirche. Ganz im Hintergrund die von den Bomben am 1. März als einziges Gotteshaus nicht getroffene Peterskirche. Foto: Carl Ohler

Straßen und Gebäudereste sind genau bezeichnet. Der Schutt ist weggeräumt, doch die zerstörten Mauern bilden noch zwei Jahre nach Kriegsende eine bis heute mahnende Kulisse. Nur in Kellern konnten die meisten Bruchsaler hausen. Unvorstellbar für Nachgeborene. Die Kirchenglocken der Stadt erinnern jährlich am 1. März um 14 Uhr an die Toten und das Schicksal der Stadt.

Stadtarchiv bewahrt Ohlers Album ebenfalls auf

Um das Ausmaß der Kriegsfolgen zu dokumentieren, werden die Fotos Carl Ohlers immer wertvoller. Margarethe Ohler-Grabenstein hat vor sechs Jahren selbst ein Buch mit vergrößerten Aufnahmen der zerstörten Stadt herausgebracht, es ist in den Buchhandlungen noch zu haben. Und eines von drei erhaltenen Original-Fotoalben ist im Gedächtnis der Stadt zusätzlich bewahrt.

Das Stadtarchiv kann für eigene oder wissenschaftliche Veröffentlichungen auf Ohlers Sammlung zudem digitalisiert zurückgreifen. Vom 1. März 1945 oder den Tagen nach dem Angriff hat Stadtarchivar Thomas Moos nur wenige Aufnahmen, aber immerhin einige farbige. Der Soldat Toni Ratej hat sie gemacht.

Später als Ohler ist der ehemalige Lehrer Karl Krauth an die fotografische Inventur der Trümmer gegangen. „Er hat zwei Alben mit 89 Aufnahmen aus dem Jahr 1949 hinterlassen“, berichtet Moos von einer weiteren Sammlung als Nachkriegsdokument. Ekkehart Krauth, Sohn des damaligen Fotografen, hat im Jahr 2000 in einem Buch die jeweilige Situation von 1949 der aktuellen gegenüber gestellt. Das Werk „Bruchsal, auferstanden aus Ruinen“ ist noch antiquarisch zu finden.

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