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Neuer Glanz für altes Kleinod

Erstmals präzise Vermessung: Ingenieure staunen über die perfekte Symmetrie der Bruchsaler Peterskirche

Bruchsal wurde am 1. März 1945 zu fast 90 Prozent zerstört. Wie durch ein Wunder „überlebte“ die wertvolle Peterskirche den Angriff, während das Schloss in Schutt und Trümmern lag. Erstmals haben Vermesser jetzt das Innere der Kirche aufwendig kartiert.

Bereiten alles für die Sanierung vor: Die Vermessungsingenieur Joachim Weiß (links) und Borko Duranovic (rechts) sowie Architekt Daniel Henecka in der Bruchsaler Peterskirche. Foto: Martin Heintzen

Daniel Henecka und Joachim Weiß ziehen ihren Hut: Nicht nur vor dem bekanntermaßen ziemlich genialen Barock-Baumeister Balthasar Neumann, sondern auch vor allen anderen am Bau beteiligten Menschen: Die Bruchsaler Peterskirche ist nicht nur ein barockes Kleinod. Ihre präzise Bauweise lässt selbst heutige Ingenieure staunen.

Joachim Weiß hat in Bruchsal ein Vermessungsbüro. Seine Leute werden die nächsten Tage am Computer verbringen, um all die Daten, die sie in der Peterskirche gesammelt haben, zu sichten und aufzubereiten. Denn ohne genaue Daten keine Sanierung. Und die steht der einzigen im Zweiten Weltkrieg unzerstörten Kirche Bruchsals jetzt bevor.

Zentrum der Kuppel ist fast genau über dem Schnittpunkt der Achsen

Am 18. Oktober findet ein vorerst letzter Gottesdienst statt. Dann rücken die Gerüstbauer an. Vorher müssen 100 Gigabyte Daten ausgewertet werden. „41,09 Meter ist die Querachse lang und 41,01 Meter die Längsachse“, weiß Weiß anhand seiner Vermessung.

Nahezu perfekte Symmetrie – „das ist wirklich erstaunlich für diese Zeit“. 2017 hatte der umtriebige Förderverein das 275-Jährige der Grundsteinlegung gefeiert.

Die Achsen schneiden sich in einem Winkel von 89,94 Grad – also annähernd 90 Grad, ebenfalls ein Zeichen äußerster Präzision. Dass das Zentrum der prächtigen Kuppel von dem Schnittpunkt der Achsen dann auch nur minimale drei Zentimeter abweicht, war fast zu erwarten. Dennoch nicht selbstverständlich: Im ebenfalls barocken Schloss Kislau „gibt’s keinen rechten Winkel“, vergleicht Weiß.

Zudem sind in den Bau der Kirche alte Gemäuer von Vorgängerkirchen integriert. Folge: Die Wandstärke differiert zwischen 89 Zentimetern und 2,45 Meter.

Scanner generiert Millionen an Bildpunkten

Erstmals überhaupt in ihrer Geschichte wird St. Peter so präzise vermessen. Per Laser-Scanner werden Millionen an Bildpunkten, Werten und maßstabsgetreuen Fotos generiert. Damit können die Gerüstbauer arbeiten, aber auch die Denkmalschützer, die Stuckateure und Restauratoren, der Orgelbauer genauso wie die Maler.

Barocke Üppigkeit: Balthasar Neumann ist der Baumeister der Bruchsaler Peterskirche, die als einziges Gotteshaus bei der schweren Bombardierung der Stadt 1945 verschont geblieben ist. Foto: Martin Heintzen

„Die Raumschale muss gereinigt und alle Ausstattungsgegenstände konserviert werden“, erklärt Architekt Henecka. Außerdem soll eine neue Heizung in die alten Gemäuer kommen, die Beleuchtung wird auf LED umgestellt und die Akustik erneuert. 25.000 Euro an Stromkosten verursacht allein die alte Fußbodenheizung jährlich.

Ab Anfang kommenden Jahres werden dann in schwindelerregender Höhe auf einem Podest in elf Metern Höhe, auf dem nochmal ein zweites Gerüst gestellt wird, Spezialisten die Deckengemälde reinigen und restaurieren.

„Wir stellen hier 50 Tonnen Gerüst rein“, berichtet Henecka. Jede Nische, jeder Vor- oder Rücksprung, alle Putten und Figuren sind bis dahin vermessen und dokumentiert. „Das dient auch der Beweissicherung“, erklärt Henecka, sollte es bei den Arbeiten zu Schäden kommen. Borko Duranovic vom Vermessungsbüro Weißt packt das Lasergerät ein.

Der Vermessungsingenieur beendet die Arbeit vor Ort, die nächsten Tage sitzt er am Rechner. Seine Diplomarbeit hat er bei Ausgrabungen in Ägypten geschrieben. Die Peterskirche ist sicher ebenfalls ein spektakulärer Arbeitsplatz.

Das kann Architekt Henecka bestätigen. Demnächst wird die wertvolle Orgel eingehaust. Auch sie muss gereinigt und saniert werden. Im Frühjahr nächsten Jahres geht es der Kirche dann ans Eingemachte. Ein Jahr lang, so ist mal der Plan, sind dann keine Gottesdienste, Hochzeiten oder sonstige Feiern möglich.

Gemeinde investiert 1,4 Millionen Euro

Die Ausschreibungen für diverse Spezialfirmen laufen, der Förderverein der Kirche, die Seelsorgeeinheit St. Vinzenz als Eigentümerin, das Erzbischöfliche Bauamt in Heidelberg und der Denkmalschutz – sie alle wollen in etwa einem Jahr und nach Investitionen von gut 1,4 Millionen Euro der alten Peterskirche neuen Glanz verliehen haben.

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