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Gefängnis-Chef im Interview

Kontakt mit Corona-Patient: Ein Häftling in Bruchsal ist bereits isoliert

Er muss das Alltagsleben von mehr als 400 Häftlingen in der Pandemie neu organisieren: Thomas Weber leitet die Justizvollzugsanstalt Bruchsal. Im BNN-Interview berichtet er, warum ein Gefangener in Quarantäne sitzt - und wie die Häftlinge damit klarkommen, dass Fußball im Hof und Besuche von Angehörigen jetzt gestrichen sind.

Hinter den dicken Mauern der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bruchsal leben mehrere Hundert Männer auf engem Raum. Zwei Meter Sicherheitsabstand lassen sich da in Corona-Zeiten nicht durchgängig einhalten. Foto: Heintzen Foto: None

Die Ausgangssperre gilt für die meisten Häftlinge der großen Justizvollzugsanstalt (JVA) Bruchsal zwar immer – aber sie müssen wegen der Corona-Pandemie jetzt auch auf Angehörigenbesuche und andere Gewohnheiten verzichten. Gefängnisleiter Thomas Weber und sein Team müssen den Alltag ganz neu organisieren. Mit dem 48-jährigen Juristen sprach BNN-Redakteurin Elvira Weisenburger über den Ausnahmezustand hinter Gittern.

Gibt es bei Ihnen schon Corona-Verdachtsfälle?

Weber: Ein Gefangener, der zum Freigang zugelassen war, hatte während seines regulären Wochenendurlaubs Kontakt mit einem Menschen, der mit dem Corona-Virus infiziert ist. Er wird jetzt in unserer Offenen Abteilung isoliert, bis die entsprechenden Tests durchgeführt worden sind. Der Mann hat bislang keine Krankheitssymptome – wir hoffen, es bleibt so.

Der Jurist Thomas Weber (48) leitet das große Bruchsaler Gefängnis - und muss in der Pandemie-Krise den Alltag neu organisieren. Im Hintergrund ist eine historische Zellentür zu sehen. Foto: None

Dürfen Freigänger weiterhin tagsüber zu ihrer Arbeitsstelle draußen – oder gilt für sie jetzt auch die Ausgangssperre?

Weber: Das in dem Fall zuständige Gesundheitsamt hat uns mitgeteilt, dass es keine Bedenken gibt, die übrigen Gefangenen vorerst weiter arbeiten zu lassen. Sie wurden allerdings noch einmal ausdrücklich über die einzuhaltenden Hygienevorschriften und Abstandsgebote belehrt.

Schwerer Fall käme nicht in Gefängnisklinik

Wie sieht ihr Notfallplan aus, falls sich ein Infektionsverdacht bestätigt: Betreuen sie den oder die Patienten dann innerhalb der JVA?

Weber: Sollte sich eine Infektion bestätigten, müsste man in jedem Fall natürlich berücksichtigen: Können wir den Gefangenen in unserem Krankenrevier isolieren und behandeln? Hat der Betroffene Vorerkrankungen? Woher kommt die Infektion? Das Vorgehen müssen wir immer mit dem Gesundheitsamt besprechen und hinge auch vom Verlauf ab, da gibt es unterschiedliche Szenarien.

Würde das Gefängniskrankenhaus einen Corona-Patienten übernehmen?

Weber: Einen ganz schweren Fall, einen Patienten, der beatmet werden muss, wird man in Hohenasperg nicht behandeln können.

Bei uns gehen die Gefangenen
bisher besonnen mit der Situation um

Besuche im Gefängnis sind derzeit landesweit wegen der Infektionsgefahr verboten. Die Gefangenen sollen darauf mancherorts mit Wutausbrüchen reagiert haben. Wie nehmen Sie da den Druck raus?

Weber: Bei uns gehen die Gefangenen bisher besonnen mit der Situation um, das muss man mal feststellen. Sie haben übers Fernsehen und über ihre Angehörigen auch mitgekriegt, dass die Lage ernst zu nehmen ist.

Vor der Krise bis zu drei monatliche Besuche von der Ehefrau

Wie viele Stunden pro Monat durften sich die Häftlinge vor der Corona-Krise mit Angehörigen treffen? Gesetzlich vorgeschriebenes Minimum ist ja eine Stunde pro Monat.

Weber: Bisher waren für jeden Gefangenen monatlich zwei je zweistündige Besuche möglich – deutlich mehr als vorgeschrieben. Und für rund 60 Gefangene gab es auch die Möglichkeit, längeren, unüberwachten Besuch von Ehefrauen, Kindern oder anderen engen Angehörigen in einem besonderen Besuchsraum zu erhalten. Dreimal pro Monat konnte so dreieinhalb Stunden lang ein stückweit das Ehe- und Familienleben gepflegt werden. Bruchsal ist bei den Besuchsregeln schon immer sehr großzügig gewesen, weil wir die sozialen Kontakte nach draußen für sehr wichtig halten. Die Wiedereingliederung nach der Entlassung soll ja gelingen.

Telefon ist nun einzige Verbindung nach draußen

Telefongespräche sollen die gestrichenen Besuche ein wenig kompensieren. Welche Regeln gelten da in der JVA Bruchsal: Wer darf wie oft und wie lange telefonieren?

Weber: Starre Minutenvorgaben gibt es nicht. Wir haben mehrere Telefonapparate. Die Häftlinge müssen sich die Anrufnummer genehmigen lassen und brauchen Geld, von dem sie die Gebühren abbuchen lassen. Es kann natürlich nicht sein, dass einer zwei Stunden lang telefoniert und hintendran bildet sich eine Schlange von Gefangenen, die nicht mehr zum Zug kommen. Landesweit wird gerade geprüft, ob wir Video-Telefonate über Skype anbieten können, um die ausgefallenen Besuche zu kompensieren. Die Tablets würden dann im Besuchsraum zur Verfügung gestellt, im Beisein von Personal.

Mehrere Hundert Männer leben in der JVA auf engem Raum. Ein Zwei-Meter-Sicherheitsabstand zur Vermeidung einer Corona-Ansteckung dürfte da Utopie sein?

Trotz Sicherheitsabstand: Kontrollen müssen sein

Weber: Bei uns sind mehr als 400 Menschen untergebracht. Abstand halten ist zwar das Gebot der Stunde, aber zwei Meter lassen sich in einer Haftanstalt nicht durchgängig einhalten. Kontrollen zum Beispiel müssen natürlich weiterhin stattfinden.

Wie hat sich nun der Alltag für die Häftlinge verändert: Dürfen die Männer wie gewohnt in den Unterricht und die Werkstätten? Oder ist das nur noch in kleinen Gruppen im Schichtdienst möglich?

Weber: Normalerweise gehen bei uns auf einen Schlag etwa 300 Männer hinüber in die Werkstätten und in die Schule. Das haben wir vorläufig heruntergefahren. Wir arbeiten noch Aufträge ab, aber neue Aufträge kommen im Moment kaum rein. Versorgungseinrichtungen wie die Küche und die Wäscherei können wir natürlich nicht schließen. Wir teilen die Gruppen aber so auf, dass sie nicht in den Kontakt mit Gefangenen aus den anderen Gebäudeflügeln kommen, damit wir eine Infektion möglichst begrenzen könnten.

Vorerst teilen wir keine Fußbälle
mehr während des Hofgangs aus

Wie sieht es mit dem Sportangebot aus, das ja für den Aggressionsabbau eine wichtige Rolle spielt: Ist Austoben nur noch im Schichtbetrieb möglich?

Weber: Auch hier gilt, dass die Männer aus den vier Flügeln nicht mehr gemeinsam in den Hof dürfen. Vorerst teilen wir keine Fußbälle mehr während des Hofgangs aus. Das haben die Gefangenen akzeptiert. Wir beziehen bei solchen Fragen auch die Gefangenenvertreter mit ein. In unserer Sporthalle planen wir jetzt Angebote für kleinere Gruppen, zum Beispiel Tischtennis.

Suizid eines Häftlings: "Das lässt niemanden kalt"

Vorige Woche hat sich einer Ihrer Häftlinge das Leben genommen. Gibt es neue Erkenntnisse zur Ursache?

Weber: Nein, und die wird es wahrscheinlich auch nicht mehr geben – wenn ein Mensch mit solch einer Entscheidung gerungen, aber sich nichts anmerken lassen hat.

Wie belastend sind solche tragischen Todesfälle für die JVA-Mitarbeiter?

Weber: Das lässt niemanden kalt, auch wenn man schon lange im Vollzug arbeitet. Das beschäftigt die Kollegen – und auch die Gefangenen. Der Mann hatte auch Freunde oder zumindest soziale Kontakte hier in der JVA. Wir bieten den Kollegen eine psychosoziale Nachsorge an, und wir haben auch Sozialarbeiter und Psychologen, die betroffene Gefangene gezielt darauf ansprechen.

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