Die Situation ist angespannt: Die verbleibenden zwei gynäkologischen Praxen mit Kassenzulassung in Baden-Baden müssen in Kürze noch mehr Patientinnen versorgen.
Die Situation ist angespannt: Die verbleibenden zwei gynäkologischen Praxen mit Kassenzulassung in Baden-Baden müssen in Kürze noch mehr Patientinnen versorgen. | Foto: dpa

Versorgung wird knapp

Baden-Baden verliert Frauenarztpraxen mit Kassenzulassung

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Lange hat sie überlegt, ob dieser Weg der richtige ist. Nina Fortmann, Baden-Badener Gynäkologin, hat kürzlich ihre kassenärztliche Zulassung abgegeben. Für die kassenärztliche Grundversorgung verbleiben damit nur noch zwei gynäkologische Praxen in der Bäderstadt.

„Ich möchte so nicht mehr arbeiten. Das ist nicht die Medizin, die ich mal machen wollte“, sagt Fortmann auf die Frage nach den Gründen für ihre Entscheidung. Im Zuge ihres Praxis-Umzugs vor ein paar Jahren trennte sie ihre Konten für Einnahmen durch Privat- und Kassenpatientinnen. Dadurch fiel ihr auf, dass die Einnahmen durch die Kassenpatientinnen gerade mal ihre laufenden Kosten deckten.

Honorarkürzungen als Drohung

Allerdings gehe es ihr keinesfalls in erster Linie um ihren Verdienst, sondern um die neuen Regelungen, die den Ärzten ständig aus Berlin aufgezwungen würden, betont sie. Diesen Vorgaben mangele es oft an Sinnhaftigkeit, doch wer sich widersetze, dem drohten Honorarkürzungen. „Und jetzt habe ich die Kraft nicht mehr, mich immer aufzulehnen“, gibt Fortmann zu.

Neuerungen schaffen Chaos

Ein Beispiel sei die sogenannte Telematik-Infrastruktur, die Ärzte, Kliniken und Apotheken online miteinander verknüpfen soll und die kostspielige technische Neuerungen in den Praxen erfordere. Das lehnt die Ärztin ab. Sie sei nicht bereit, die sensiblen Daten ihrer Patientinnen einfach weiterzugeben. Das Termin-Service-Gesetz sollte den Patienten eigentlich schnellere Termine garantieren. Die Ärzte müssen dafür fünf Wochenstunden für offene Sprechstunden freihalten. In ihrer Praxis habe das nur ein absolutes Chaos gestiftet. Die bis dahin gut funktionierende Terminkoordination sei dadurch völlig aus dem Ruder gelaufen.

Das ist ein Hohn auf die Leistung, die wir erbringen.

Besonders schwer treffe sie allerdings die fehlende Wertschätzung ihrer Arbeit seitens politischer Akteure, beklagt Fortmann. „Wir werden so hingestellt, als wären wir faul und hätten keine Lust auf Kassenpatienten. Man suggeriert den Versicherten, dass man uns einfach nur mal zwingen müsste, mehr zu arbeiten. Das ist ein Hohn auf die Leistung, die wir erbringen.“

Behandlungen ohne Lohn

Als persönlichen Angriff empfindet das auch Patrick Fischer, Vorstand der Ärzteschaft in Baden-Baden. Es werde den Ärzten unterstellt, dass sie nicht genug arbeiteten. Das Regelleistungsvolumen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) bemisst sich an der Zahl der im Vorjahreszeitraum behandelten Patienten. Für jeden weiteren Patienten, den er über diese bestimmte Anzahl hinaus behandle, erhalte er aber kein Geld. Wenn die Politik wolle, dass sie mehr arbeiteten, „dann muss diese Deckelung wegfallen“, erklärt Fischer. Er kann Fortmanns Beweggründe für die Rückgabe durchaus nachvollziehen, findet es dennoch schade, „dass sie außerhalb und nicht weiter innerhalb des Systems kämpft“.

Ich fühle mich jetzt unheimlich befreit.

Wie dieser Kampf genau weitergeht, kann Fortmann aktuell noch nicht sagen. Sie möchte nicht mehr diese „Fließbandarbeit“ machen, wieder mehr Zeit für ihre Patientinnen und dadurch einen direkteren Draht zu ihnen haben. Der Gedanke, an die lieb gewonnenen Patientinnen war es auch, der sie so lange habe zögern lassen. „Aber ich fühle mich jetzt unheimlich befreit“ und das zeige ihr, dass die Entscheidung richtig war. Ihr Kassensitz werde nach der Überprüfung durch den Zulassungsausschuss höchstwahrscheinlich ausgeschrieben werden. Sie hofft auf einen Nachfolger in der Innenstadt, Interessenten gebe es schon.

Nachfolger für Kassensitz

Ein Kandidat für die Übernahme des Sitzes ist Markus Knoll, Gynäkologe in einer der zwei verbleibenden Praxen mit Kassenzulassung. Er ist sich sicher, dass Fortmanns Entscheidung Auswirkungen auf die ambulante geburtshilfliche und gynäkologische Versorgung haben werde. Die Dramatik zeige sich besonders im Hinblick auf die wieder steigenden Geburtenraten. Rückblickend sei die Stadt immer in der glücklichen Lage gewesen, eine Vielzahl von Frauenarztpraxen zu haben, umso so größer werde das Problem jetzt.

Knappe Versorgung in Baden-Baden

Schon als die Praxis Stiebler aus der Stadt weggezogen sei, hätten er und seine Kollegen bei der KV auf die aus ihrer Sicht ungenügende gynäkologische Versorgung in Baden-Baden hingewiesen. Für seine Gemeinschaftspraxis bedeute das, dass sie versuchten, die Patientinnen von Fortmann zukünftig mitzuversorgen, teilt Knoll mit und kritisiert: „Das aktuell ausgerufene politische Ziel einer regionalen Versorgung kann nicht bedeuten, dass Frauen aus Baden-Baden wohnortfern eine Praxis in den umliegenden Städten aufsuchen müssen.“