Gähnende Leere: Der Coronavirus sorgt auch in der Innenstadt von Bruchsal für öde Straßen. Außer Lebensmittelhändlern ist kein Geschäft geöffnet. Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleiter versuchen per Telefon oder online zu beraten und zu verkaufen. Die neue Plattform „meinBruchsal.shop“ soll über die Durststrecke hinweg helfen. | Foto: Staron

Lokaler Handel und Corona

Bruchsaler Einzelhändler beraten jetzt per Video-Chat und Telefon

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Die Corona-Krise hat für die Einzelhändler existenzielle Folgen. Um die Umsatzeinbußen während der Schließung abzufedern, bieten die Ladenbetreiber Videochats und Paketlieferung an. Eigens dafür werden nun auch eigene Plattformen im Internet gegründet.

Nach der ersten Schockstarre tut sich was im Einzelhandel – wegen des Coronavirus vor allem online und mit viel Kreativität: „Ich laufe mit dem Videotelefon von Regal zu Regal und stelle Größen und passende Farben zusammen“, erzählt Barbara Methner von Barbarella, dem Kindermodeladen in der Bruchsaler Innenstadt.

„Im Video-Chat können wir noch echte Beratung anbieten“, sagt Christian Mergenthaler, Geschäftsführer von Bärle am Friedrichsplatz. Dies gelte besonders für beratungsintensive Produkte wie elektrische Geräte oder hochwertige Messer. Klar ist allerdings: „Das kann nicht ansatzweise die sonstigen Umsätze ausgleichen“, so Mergenthaler.

Viele Stammkunden wollen gezielt den lokalen Handel unterstützen.

Martin Leitz

Im Vorteil sind nun die Einzelhändler, die schon vor dem Corona-Aus auf den Online-Handel gesetzt haben. „Für meine Kunden habe ich eine Hotline geschaltet, über die wir beraten“, erzählt Martin Leitz von der Sportfabrik Bruchsal. Seit zwölf Jahren betreibt er bereits einen Online-Handel, der nun ausgebaut wird.

Die sozialen Medien helfen bei der Kontaktpflege. So haben sich bei Leitz 100 Stammkunden auf einen Newsletter per WhatsApp zurück gemeldet. „Viele Stammkunden wollen gezielt den lokalen Handel unterstützen“, so der Geschäftsführer. Abends werden die Bestellungen ausgefahren oder – wenn die Kunden weiter weg wohnen – per Post verschickt.

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Kein Ersatz für sonstigen Umsatz

Auf den Online-Handel und die Plattform „genialokal“ kann auch die Buchhandlung Braunbarth zurückgreifen. Nach dem Shutdown im Einzelhandel vor zwei Wochen waren zunächst Schulbücher gefragt. „Vor Ostern werden Schmöker, Rätselbücher oder Romane bestellt, telefonisch oder online. Geliefert wird per Post“, erzählt Heike Braunbarth.

Besonders gut verkauft habe sich der Ratgeber „Sicher trotz Katastrophe“ vom Bruchsaler Katastrophenschutz-Experten Andreas Kling. „Aber den täglichen Umsatz kann das nicht ersetzen“, stellt Heike Braunbarth fest. Mit persönlichen Buchtipps auf Facebook, Beschäftigungstütchen für Kinder und Überraschungspäckchen für Erwachsene versucht die Buchhandlung Wolf die Schließzeit zu überbrücken.

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Neue Plattform meinbruchsal.shop startet gegen die Corona-Krise

„Wir sehen das auch als Chance“, lobt Sven Wipper, Vorstand des Branchenbunds Bruchsal, die kreativen Ideen des örtlichen Einzelhandels. In seiner ebenfalls geschlossenen Tanzschule können Mitglieder mit Hilfe von Internet-Videos nun tanzen lernen.

Spätestens Donnerstagvormittag soll die neue Plattform „meinBruchsal.shop“ online gehen, die der Branchenbund zusammen mit der Stadt Bruchsal und dem Portal Landfunker auf die Beine stellt. 60 Firmen, Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister stellen dort ihre Angebote vom Lieferdienst, über telefonische Beratung bis hin zur Onlinebestellung vor.

Am Rand der Existenzfähigkeit

Solche Angebote sind auch in anderen Kommunen entstanden. So listet der Handwerk- und Gewerbeverein Wiesental unter www.sandhas.de die Dienstleistungen der über 60 Mitgliedsunternehmen auf. Die Corona-Krise bringt manches Einzelhandelsunternehmen an den Rand der Existenzfähigkeit, so Vorstandsmitglied Werner Herzog. Daher appelliert der Verein an die Kunden, lokale Liefer- und Abholdienste zu nutzen und auf den bestehenden Service zurückzugreifen.

Die Stadt Bruchsal unterstützt die Online-Plattform des Branchenbunds in nächster Zeit mit 3.000 Euro wöchentlich, teilt Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick mit. So werde dem Einzelhandel während der Krise ermöglicht, auf niedrigem Level weiter zu machen.

Auch das Thema Citymanager, das dem lokalen Handel seit längerem auf den Nägeln brennt und nun wieder aktuell ist, werde in einer der nächsten Sitzungsrunden des Gemeinderats erörtert. Denn allen Beteiligten ist klar, wandern auch die Kunden, die sonst vor Ort eingekauft haben, ins Internet ab, dann kann man den Laden zu machen.

„Dann sieht die Innenstadt in Zukunft aus wie jetzt“, mutmaßt Sabine Duwensee vom Modehaus Stilecht, die nun einen Online-Shop auf die Beine stellt und auf Instagram für ihre Mode wirbt.