"Man ist nicht behindert, man wird behindert." Das sagt Michael Berger, der als Bahnpendler mit dem Rollstuhl so manche Behinderung erlebt. | Foto: Heintzen

Online-Formular für jede Fahrt

Rollstuhlfahrer in der Bahn: „Man ist nicht behindert, man wird behindert!“

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Ambivalent – mit diesem Wort ist das Verhältnis zwischen Michael Berger und der Bahn wohl am besten beschrieben. Täglich pendelt der 44-jährige Industriekaufmann mit dem Zug von seinem Wohnort Bruchsal zur Arbeit bei Daimler in Germersheim und zurück. Klingt banal – ist aber komplex. Denn Michael Berger sitzt im Rollstuhl.

Eindrucksvolles Twitter-Tagebuch

Über seine täglichen Erlebnisse auf, an und neben der Strecke twittert er seit einigen Jahren – ein eindrucksvolles Tagebuch, das zeigt: Nicht überall, wo barrierefrei drauf steht, ist auch barrierefrei drin. Seine Zwischenbilanz im Juli 2019 lautet: „Die Situation wird im Moment nicht besser.“ Zugleich weiß der leidenschaftliche Bahnfahrer aber auch: „Im Laufe der letzten 23 Jahre, da ich unterwegs bin, hat sich vieles zum Besseren gewandelt.“

Jede einzelne Fahrt muss angemeldet werden

Dennoch hat Berger den Eindruck, dass die Bahn auf Kunden wie ihn, auf Dauerpendler im Rollstuhl, nicht eingestellt ist. „Ich muss jede einzelne Fahrt beim Mobilitätsservice anmelden“, berichtet er. Damit ist gewährleistet, dass Bahnhofspersonal etwa am Bahnhof Bruchsal ihn beim Ein- oder Aussteigen unterstützt. Das bedeutet aber auch, für jede Fahrt ein Online-Formular auszufüllen, pro Arbeitstag bekommt er so von der Bahn insgesamt sechs Bestätigungsmails. Pro Woche rechnet Berger mit einem Aufwand von einer Stunde nur für diese Anmeldung. Spontane Fahrten sind erst gar nicht drin.

Das war in jeder Hinsicht eine Katastrophe

Das ist freilich eines der kleinen Probleme im Pendlerleben eines Rollstuhlfahrers. Mit Schrecken erinnert sich der Bruchsaler an die sechs Wochen 2016, als der Fahrstuhl am Gleis 1 in Bruchsal defekt war, quasi der gesamte Bahnhof damit für ihn unpassierbar wurde. „Das war in jeder Hinsicht eine Katastrophe.“ 140 Kilometer hat sein Vater, der in Waldbronn lebt, täglich mit dem Auto zurückgelegt, um seinen Sohn morgens an die Ersatz-Haltestelle am Sportzentrum zu bringen und abends dort abzuholen. Die Strecke nach Hause mit dem Rollstuhl zurückzulegen, wäre für Berger zu weit gewesen, er wohnt in einer Wohnung der AWO in der Durlacher Straße. Am Bahnhof Bruchsal kennt man Berger, das dortige Personal ist rührig, betont er. Übergeordnete Stellen machen ihm das Leben hingegen oft schwer. „Alles musst du ihnen permanent erklären“, berichtet Berger von seinen Erfahrungen mit dem Callcenter des Mobilitätsservicezentrums.

Callcenter sitzt in Schwerin

Fatal wird es vor allem, wenn es Verspätungen gibt – und wann gibt es die nicht? Dann geraten gut geplante Fahrten völlig durcheinander. Kommt Berger etwa außerplanmäßig abends zu spät in Bruchsal an, ist das Personal bereits im Feierabend. Vor allem spontane Änderungen und Ausfälle von Aufzügen, machen dem Rollifahrer das Leben schwer. „Früher konnte man noch direkt am Bahnhof mit dem Personal kommunizieren, heute läuft alles über ein Callcenter in Schwerin“, so Berger.

Sukzessive werden Bahnhöfe barrierefrei

Bei der Bahn ist man sich durchaus der Schwierigkeiten bewusst. „Natürlich wollen wir sicherstellen, das mobilitätseingeschränkte Personen sicher und zuverlässig an ihr Ziel kommen“, erklärt ein Bahnsprecher auf BNN-Anfrage. In Baden-Württemberg seien 545 von 684 Bahnhöfen mittlerweile stufenfrei – Tendenz steigend. Für alle anderen gebe es die Mobilitätsservicezentrale und neuerdings auch eine App. Immerhin 300 Bahnhöfe sind mit Personal besetzt – freilich auch nicht rund um die Uhr. 850 000 Hilfsleistungen hat die Bahn deutschlandweit im Jahr 2018 registriert – auch hier wachsende Zahlen.
Das sehr ferne Ziel lautet: 100 Prozent barrierefrei, das sei nicht nur für behinderte Menschen wichtig, sondern trage auch dem demografischen Wandel Rechnung, erklärt der Bahnsprecher.

Twitter hat schon geholfen

So lange will Berger, dessen Behinderung angeboren ist, nicht warten. Fallen ihm Missstände auf, wird getwittert, „wenn’s sein muss unter Dauerbeschuss“. Das hat ihm sogar schon mal aus der Patsche geholfen, weil ein aufmerksamer Bahnmitarbeiter mitgelesen hat und Hilfe in die Wege leitete.
Da fährt ein Zug dann auch schon mal extra in Bruchsal auf einem anderen Gleis ein, damit Berger einen defekten Aufzug umgehen kann. Oder ein Lokführer steigt aus, weil sonst zu später Stunde kein Personal mehr da ist, das ihm helfen könnte. Verzögerungen in Kauf nehmend, die andernorts wiederum Fahrgäste verärgern könnten.

Mit der Bahn nach London

Ein ambivalentes Verhältnis eben: „Ich arbeite bei einem Autohersteller, bin aber auf die Bahn angewiesen“, sagt Berger. Und: „Ich sehe den Fortschritt, aber es reicht nicht.“ Er will irgendwann genau das tun, was alle anderen auch tun: „Man ist nicht behindert, man wird behindert.“
In den Sommerferien geht es nach London – natürlich mit der Bahn.