Michael Reinhard, Jörg Frauenstein und Thomas Held (v.li) waren federführend bei der Erstellung der PFC-Arbeitshilfe.
Michael Reinhard, Jörg Frauenstein und Thomas Held (v.li) waren federführend bei der Erstellung der PFC-Arbeitshilfe. | Foto: Klatt

Zweitägige Tagung in Bühl

Experten beobachten beim Thema PFC in manchen Bundesländern „aktives Weggucken“

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An zwei Tagen trafen sich PFC-Experten und Betroffene aus dem ganzen Bundesgebiet zu einem Fachgespräch in Bühl, mitten im hiesigen „PFC-Hotspot“. Wie schätzt man auf Bundesebene die Belastung hier vor Ort ein und welche Lösungen sind in Sicht? Die Organisatoren der Veranstaltung, Jörg Frauenstein vom Umweltbundesamt (UBA) und Thomas Held und Michael Reinhard von der Arcadis Germany GmbH ziehen ein Resumee.

Von unserer Mitarbeiterin Patricia Klatt

Das Interesse an diesem PFC-Fachgespräch war mit über 100 Teilnehmern sehr groß, hat Sie das überrascht?

Frauenstein: Nach dem ersten Fachgespräch, was Ende letzten Jahres in Berlin stattfand, eigentlich nicht mehr. Beide Veranstaltungen trafen auf eine überdimensionale Resonanz, die Teilnehmer wollen ganz offensichtlich ein komplexes Bild der PFC-Belastungen erhalten.

Held: Das erste war bereits innerhalb einer Woche ausgebucht und auch beim zweiten gab es eine Warteliste.

Reinhard: Das spiegelt auch die zunehmende Bedeutung außerhalb Baden- Württembergs wider.

Die Rastatter PFC-Belastung ist ja nicht die einzige bekannte, wie weit ist man denn mit der bundesweiten Erfassung solcher Fälle?

Frauenstein: Schon in dem Bericht des Bundesumweltministeriums von 2017 zeigte sich, dass man nur aus sechs Bundesländern überhaupt irgendwelche Untersuchungen vorliegen hat. Das hat sich nicht wesentlich geändert, es gibt bis heute Bundesländer, die durch „aktives Weggucken“ das Problem komplett ignorieren.

Mehr zum Thema: Mehr als 100 PFC-Exoerten suchen in Bühl nach Lösungen

 

Die Firma Arcadis saniert belastete Flächen auf der ganzen Welt. Wie ist denn Ihre Einschätzung der Situation in Mittelbaden?

Reinhard: Der „Rastatt-Case“ ist schon international bekannt, auch wenn er vielleicht nicht der größte ist.

Held: Die längste bekannte PFC-Fahne im Grundwasser gibt es meines Wissens in Italien. Die ist 45 Kilometer lang, das haben wir hier doch noch nicht erreicht. Allerdings sind die fast 800 Hektar PFC-belastete Fläche schon eine neue Dimension.

Frauenstein: Die Besonderheit in Rastatt ist die Betroffenheit der landwirtschaftlichen Flächen. Lebensmittelkontrollen und Vorernte-Monitoring helfen, die Probleme zu überwachen und eine Gefährdung für die Verbraucher auszuschließen. Auch die differenzierte Verteilung der PFC auf einzelne Ackerschläge ist bemerkenswert.

Die Untersuchungen der Böden mit den neuen Methoden, die hier vorgestellt wurden, haben gezeigt, dass der hiesige Raum hochbelastet ist und dass hier spezielle PFC-Vorläufer, die sogenannten PAP-Verbindungen dominieren, gibt es da überhaupt Sanierungsoptionen?

Reinhard: Wir haben bereits zu Beginn der Bearbeitung den Stand des Wissens zu den PFC und zu möglichen Sanierungen abgefragt und das weltweit. Es gibt leider bis jetzt keine verhältnismäßigen Sofortmaßnahmen. Zu der Schadstoffverteilung gab es damals viele Fragen. In der wissenschaftlichen Welt hatte man eher vage Vermutungen, dass die PFC-Vorläufer eine Rolle spielen könnten. Mehr gab es nicht. Daraufhin hatte das Regierungspräsidium neue Analyseverfahren entwickeln lassen. Nun können wir die PFC-Vorläufer und deren Wirkung erfassen. Solche genauen Untersuchungen braucht man für die Planung der weiteren Maßnahmen. Man kann das vielleicht mit einem Arztbesuch vergleichen, bei einem unklaren Krankheitsbild untersucht man auch zuerst und therapiert nicht auf Verdacht hin.

Frauenstein: Man muss die einzelnen Fälle an jedem Standort differenziert betrachten, für landwirtschaftliche Flächen kennt man derzeit noch keine wirksamen Verfahren. Die Erfahrung zeigt auch, dass man überall dort, wo an den Untersuchungen gespart wurde, hinterher viel mehr Geld in die Sanierungen stecken musste.

Die Fluorchemie hat in den letzten 70 Jahren sehr gut an den PFC verdient und tut es noch. Die PFC, die verboten wurden, sind durch neue ersetzt worden. Die Kosten der globalen PFC-Belastung trägt die Allgemeinheit – müsste man nicht die Industrie beteiligen?

Frauenstein: Das bedarf zunächst einer rechtlichen Bewertung. Pauschal kann man das zwar einfordern, aber möglicherweise nicht durchsetzen. Mittelbaden zeigt, wie schwierig das im Nachhinein ist. In Bayern liegt der Fall etwas anders, dort ist eine Firma der Hauptverursacher und kommt auch für einen Teil der Trinkwasseraufbereitung auf. Wie ja auch in den letzten beiden Tagen öfter angesprochen, muss die Industrie viel stärker ihre Verantwortung wahrnehmen und das muss vor der Produktion durch Untersuchung und Nachweis von Umwelt- und Humanverträglichkeit geprüft werden.

Und eine letzte Frage – wie ist Ihr persönliches Resümee des PFC-Fachgesprächs in Bühl?

Reinhard: Es war eine konstruktive – und fruchtbare Veranstaltung, bei der die unterschiedlichsten Erfahrungen mit möglichen Sanierungsoptionen zusammengetragen worden sind. Held: Wir sind fachlich ein gutes Stück weiter gekommen. Und es war eine gute Mischung aus Bürgervertretern, Behörden und Betroffenen anwesend, die die unterschiedlichen Aspekte angesprochen haben. Frauenstein: Es war gut und wichtig, in die Region zu gehen. Die Behörden hier vor Ort sind teilweise massiver Kritik ausgesetzt, da ist so eine Veranstaltung ein wichtiges Signal dafür, dass die hiesige PFC-Region auch bundesweit wahrgenommen wird und in so manchem eine aktive Vorreiterrolle eingenommen hat.