Mitarbeiter von Abellio und Bombardier bei den abgestellten Zügen am Bahnhof Remchingen. Bald geht es endlich in den Einsatz. | Foto: Jürgen Müller

Bahnverkehr in der Region

Beim Bahnhof Remchingen zeigen sich die Probleme im Regionalverkehr – aber auch mögliche Lösungen

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Die Zahl der Akteure im Regionalzugverkehr hat zugenommen. Das Zusammenspiel ist längst noch nicht optimal. Am Bahnhof Remchingen gibt es Beispiele dafür. Doch hier deuten sich endlich auch Lösungen an.

Der Bahnhof in Remchingen ist nicht gerade spektakulär. Er ist auch nicht sonderlich groß und im landesweiten Vergleich nicht sehr bedeutsam. Es gibt trotzdem etwas zu sehen. Wer aus den Ortsteilen Wilferdingen oder Singen herüberschlendert, kann wie unter dem Brennglas die Probleme betrachten, die derzeit für Ärger im Regionalzugverkehr sorgen. Es zeigt sich, was passiert, wenn bei neuerdings sechs Akteuren nicht ein Rädchen ins andere greift und wenn die Kommunikation noch hakt. Immerhin: Man sieht auch, dass sich Lösungen anbahnen. Beteiligt sind das Verkehrsministerium, die neuen Streckenbetreiber Abellio und Go Ahead, die Zughersteller Stadler und Bombardier sowie die Deutsche Bahn.

Türen öffnen nicht

Als Exempel dient der kuriose Knick im Mittelbahnsteig, über dessen nicht minder kuriose Auswirkungen bnn.de / Pforzheimer Kurier exklusiv berichtet hatte. Weil die Höhe plötzlich von 38 auf 18 Zentimeter fällt, scheitert die anfällige Schiebetritt-Technik des neuen IRE von Go Ahead und Zughersteller Stadler. Die Konsequenz: Die Türen im hinteren Teil können nicht öffnen.

Nicht jeder hatte den Knick im Bahnsteig bemerkt

Vielen war der Knick über die Jahre schon aufgefallen, ob sie nun aus Remchingen kommen oder als Pendler am Bahnhof halten und aus dem Fenster schauen. Doch nicht jeder hatte ihn bemerkt. Nicht mal im Remchinger Rathaus war er allen bekannt. Fataler ist, dass man ihn auch bei der Deutschen Bahn, im Verkehrsministerium und beim neuen Streckenbetreiber Go Ahead offenbar nicht kannte.

Unterlagen der Deutschen Bahn waren falsch

Wie kann das sein? Laut Verkehrsministerium waren die Bahnsteighöhen in Remchingen nicht korrekt in den Unterlagen von DB Netz sowie DB Station und Service dokumentiert. So teilt es die Pressestelle auf Anfrage von bnn.de / Pforzheimer Kurier mit. Man stellte den Fehler demnach erst mit dem Betreiberwechsel zu Go Ahead auf der Linie von Karlsruhe nach Stuttgart fest – aber nicht vorher. Der neue Betreiber fährt mit längeren Zügen als vorher die DB, die am niedrigen Part des Bahnsteigs gar nicht zum Halten kam.

Türen zu – und viele Fragen offen: Der Einstieg beim IRE von Go Ahead ist in Remchingen nur vorne möglich. Hinten bleiben die Türen versperrt. | Foto: Jürgen Müller

Verkehrsministerium macht Druck – und zahlt

Das Verkehrsministerium will handeln. Das Verletzungsrisiko beim Aussteigen am Bahnhof in Remchingen ist dauerhaft nicht akzeptabel, betont man. „Um zu vermeiden, dass die Züge über einen längeren Zeitraum in Wilferdingen-Singen durchfahren müssen, bis die Zuständigkeit und die Kostenübernahme geklärt sind, hat das baden-württembergische Verkehrsministerium kurzfristig und pragmatisch zugunsten der Fahrgäste entschieden und ein Provisorium beauftragt, für das es auch die Kosten übernimmt“, heißt es auf Anfrage von bnn.de / Pforzheimer Kurier. Es geht um 580.000 Euro.

Künftige Bahnsteighöhe steht noch gar nicht fest

Beim Ministerium will man das als Vorgriff auf den ab 2022 geplanten barrierefreien Ausbau des Bahnhofs verstanden wissen. Dieses Datum macht man nun nach langem Warten in Remchingen publik. „Der Bahnsteig ist ein Teil eines Gesamtprogrammes für den barrierefreien Ausbau des Bahnhofs, das bis dahin aufgesetzt werden muss“, heißt es. Welche Höhe der Bahnsteig nach 2022 haben soll, steht allerdings noch gar nicht fest.

Arbeiten sollen am Montag beginnen

Die jetzigen Arbeiten beginnen laut Bahn kommende Woche, wahrscheinlich direkt am Montag. Die Gemeinde hatte erst vom Kurier davon erfahren. Das Niveau wird auf einer Länge von 90 Metern auf 38 Zentimeter angehoben.

Abellio sammelt neue Züge in Remchingen

Damit aber nicht genug der Remchinger Besonderheiten. Im hinteren Bereich des Bahnhofs stehen zwei neue Züge von Abellio. Das Unternehmen hat wie Go Ahead Verbindungen im Stuttgarter Netz übernommen. Zughersteller Bombardier hatte etliche Lieferzusagen nicht gehalten. Ehe im Herbst noch größere Lücken im Fahrplan drohen, kommt nun gerade noch rechtzeitig das neue Material. Obwohl es so dringend benötigt wird, steht es jetzt in Remchingen auf dem Abstellgleis. Der Grund: Noch können die Züge nicht in den Fahrplan integriert werden, dafür sind laut Abellio wegen des „Flügelkonzepts“ mit Zugteilung in Mühlacker elf Bahnen nötig.

Schulungen sind dringend nötig

Aktuell sind es aber erst acht. Nummer neun und zehn sollen diese Woche kommen, auch sie werden dann im Remchingen zwischengeparkt. Es sind Vorboten einer Verbesserung auf der Linie Pforzheim–Stuttgart. Ungenutzt sind die neuen Züge auch so nicht. Sie werden aktuell für dringend nötige Schulungen benutzt. Sonst hätte man bald das nächste kuriose Problem: Die neuen Züge wären endlich alle da, aber das neue Personal könnte sie noch gar nicht fahren.

Abellio plant verspäteten Neustart für 9. September

Ab 9. September will Abellio dann alle neuen Züge einsetzen und mehr Komfort und Zuverlässigkeit auf die Schiene bringen. Es ist der seit dem Betreiberwechsel am 9. Juni ersehnte Neustart – mit deutlicher Verspätung. Bisher musste das Unternehmen vor allem auf älteres, geliehenes Material setzen. Go Ahead plant ebenfalls zum Ende der Sommerferien den Start in den Regelbetrieb. Um eventuelle Verspätungen auszugleichen, hilft zunächst weiter DB Regio aus. Hier funktioniert das Zusammenspiel.