Glückliche Hühner: Viel Auslauf hat das Federvieh von Familie Dannenmaier. Im Hintergrund ist die Straße nach Völkersbach zu erkennen, wo das Baugebiet beginnen soll. In diesem Fall würde vor allem die Rinderzucht wegfallen. | Foto: Dorscheid

Planungen der Stadt

Baugebiet bedroht kleines Paradies in Gaggenau-Freiolsheim

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Sollte das Baugebiet „Ortseingang südliche Rottäcker“ im Gaggenauer Stadtteil Freiolsheim tatsächlich realisiert werden, müsste Walter Dannenmaier seine Rinderzucht dort aufgeben. „Es wird etwas sterben, wenn das Baugebiet kommt“, so hat er sich in der Sitzung des Ortschaftsrates zu Wort gemeldet. Auch Hühner und Enten finden bei ihm ein Zuhause.

Die Idylle beginnt nur wenige Meter abseits der Ortsstraße. Glückliche Hühner freuen sich über ganz viel Auslauf, nur wenige Schritte weiter ist die artgerechte Haltung auch bei den Rindern garantiert.

Areal im Visier der Behörden

„Kommt, kommt“ ruft Walter Dannenmaier (68) schon aus einiger Entfernung, und die vier Tiere der Hausrindrasse Fleckvieh setzen sich auf der umzäunten Weide in seine Richtung in Bewegung. Ganz vorne „Maja“ und „Lore“, dann folgen auch die beiden anderen. Es könnte ja bald einige Leckerli geben.

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Der Rentner aus Freiolsheim, der 53 Jahre im örtlichen Musikverein aktiv gewesen ist und den im Dorf alle „Bubi“ nennen, hat Freude an seinen Tieren. Allzu viele Rinderzüchter auf Gemarkung Gaggenau gibt es nicht mehr, auch diese kleine Idylle ist bedroht.

Die Fläche, auf der die Rinder weiden, gehört Dannenmaier nicht, aber er hält sie mit Einverständnis des Eigentümers durch die Weidetierhaltung frei. Sie liegt zwischen der Malscher Straße und der Verbindung nach Völkersbach. Die Stadtverwaltung Gaggenau hat das Areal ins Visier genommen, um dort ein für Freiolsheimer Verhältnisse großes Wohngebiet auszuweisen.

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Umweltprüfungen können entfallen

Der Bebauungsplan heißt „Ortseingang südliche Rottäcker“ und sieht 25 Baugrundstücke mit bis zu 41 Wohnungen vor. Das Verfahren ist derzeit im Gang, und die Stadt Gaggenau will den Paragrafen 13b Baugesetzbuch nutzen, der befristet ist und ein beschleunigtes Verfahren zulässt. Umweltprüfung und Umweltbericht können hier – im Unterschied zu sonstigen Bebauungsplanverfahren – entfallen.

Es wird etwas sterben, wenn das Baugebiet kommt.

Walter Dannenmaier, Anwohner 

Jüngst war die Fläche auch Thema im Ortschaftsrat Freiolsheim. Dort hat sich auch Walter Dannenmaier zu Wort gemeldet und gesagt: „Es wird etwas sterben, wenn das Baugebiet kommt.“ Die Ortschaftsräte haben das vernommen, sie haben über die Thematik diskutiert und mehrheitlich die Empfehlung an den Gemeinderat Gaggenau ausgesprochen, das Verfahren voranzutreiben.

Gibt es in Freiolsheim Alternativen?

„Bubi“ Dannenmaier ist mit der Landwirtschaft groß geworden, es gibt sie dort seit Jahrzehnten. Der Vater hat sie bereits betrieben, hat einst Stall und Scheune errichtet. Und jetzt wartet bereits die übernächste Generation. Die Freude ist ihm anzusehen, wenn der Opa erzählt, dass Enkel Finn (10) bereits in die Aufgabe hineinwächst und bei der Betreuung der ihm anvertrauten Hasen und Hühner großes Pflichtbewusstsein an den Tag legt.

Neben den vier Rindern tummeln sich auf dem Gelände über 50 Hühner, 20 Hasen und – seit Kurzem – auch sieben Laufenten.

„Das ist unser kleines Paradies“, sagt Dannenmaier und zeigt auf die vergnügt in ihrem Wasserbottich bruddelnden Enten. Warum soll gerade hier ein Baugebiet entstehen, fragt er sich. „Es gibt doch in Freiolsheim Alternativen“, sagt er und spricht von mehreren Baulücken, unter anderem am Ortseingang oder im bestehenden Baugebiet „Bühne“. Die „Bühne“ könne doch erweitert werden, falls Bedarf bestehe.

Die „Bühne“ ist laut Stadt nicht vorgesehen

Das allerdings ist nicht vorgesehen: Die „Bühne“, so erklärt es die Stadtverwaltung Gaggenau auf BNN-Nachfrage, ist im Regionalplan als Bereich für die Landwirtschaft vorgesehen, und die Vorgaben des Regionalplans seien bei der Aufstellung des Bebauungsplans nach dem „13b“ zu beachten. Der Plan listet den „Ortseingang südliche Rottäcker“, zu dem die Rinderweide gehört, als Bereich zur Siedlungserweiterung auf. Deshalb haben die „Rottäcker“ Vorrang vor der „Bühne“, wenn es um ein neues Baugebiet geht.

Dannenmaier füllt Reste von Zuckerrüben und Weizenkleie in den Futtertrog, die Rinder können gar nicht genug davon kriegen. „Bei mir gibt es keine Chemie im Futter“, betont er. Im Stall, kaum dass man ihn betritt, flattern Rauchschwalben aufgeregt hin und her. Die sind nach dem Europäischen Artenschutzrecht geschützt. Und der Artenschutz muss, auch im jetzt angewandten Verfahren nach „13b“, gewährleistet sein. Vielleicht ist das kleine Paradies doch noch nicht verloren.