Schuhkartons en masse:: Die Regalreihen im Lager von Christian Rissel, Inhaber des Schuhhauses Rissel, werden in den kommenden Wochen nicht leerer werden. Nach der verordneten Geschäftsschließung wird er seine Bestände nicht los.
Schuhkartons en masse:: Die Regalreihen im Lager von Christian Rissel, Inhaber des Schuhhauses Rissel, werden in den kommenden Wochen nicht leerer werden. Nach der verordneten Geschäftsschließung wird er seine Bestände nicht los. | Foto: Julia Trauden

Corona-Krise trifft Innenstadt

Geschäftsschließungen in Ettlingen: Einzelhändler sitzt auf 15.000 Paar Schuhen

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Am Mittwoch wurde die von der Landesregierung verordnete Schließung von Geschäften umgesetzt. Ettlinger Einzelhändler sehen ihre Existenz gefährdet. Von den Behörden wünschen sie sich eine bessere Kommunikation.

„Das ist der nahezu schlimmste Monat, in dem so was passieren kann.“ Christian Rissel, Inhaber eines Schuhgeschäfts in Ettlingen und Vorsitzender der örtlichen Werbegemeinschaft, versucht die Dramatik der Situation noch ein wenig zu relativieren.

Am Mittwochvormittag hat er seinen Laden in der Ettlinger Altstadt noch geöffnet – weiß aber, dass wahrscheinlich schon am Mittag Mitarbeiter der Stadtverwaltung vor der Tür stehen und ihm mitteilen werden, dass er den Laden dicht machen muss.

Die Nachricht von der Verordnung der Landesregierung, Geschäfte zu schließen, hat schon die Runde gemacht. Einige haben schon am Vortag die Läden runter geklappt.

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Kunden kommen nur noch vereinzelt

Rissels Laden ist einer der wenigen, die am Mittwochmorgen noch geöffnet haben. Um 10 Uhr werden dort noch Lieferungen angenommen und ins Lager gebracht, eine Verkäuferin berät eine Mutter mit Kinderwagen zu passenden Schuhen für den Nachwuchs. Kunden kommen nur vereinzelt – überhaupt ist die Frequenz in den vergangenen Tagen deutlich zurückgegangen, erzählt Christian Rissel: „Im Vergleich zum Vorjahr haben wir bei der Kundschaft einen Rückgang um 60 Prozent.“ Kurz darauf klingelt an der Ladentheke das Telefon: „Ja, wir haben noch geöffnet“, spricht die Verkäuferin in den Hörer.

Man muss den Mut haben,
auf die Bremse zu treten.

Monika Kalmus, Verkäuferin

Hinten im Lager räumt Monika Kalmus derweil Schuhkartons um. Unsicherheit und Angst davor, wie es weitergeht, prägten die Stimmung in der Belegschaft, sagt die 53-Jährige, die seit einem Jahr für Rissel arbeitet.

Am schlimmsten findet sie, dass viele „Fake News“ und Gerüchte kursierten, aber keine klaren Ansagen von den Behörden kämen. Ihr fehlt es an bestimmtem Handeln, wie es etwa der bayerische Ministerpräsident Markus Söder gezeigt habe: „Man muss den Mut haben, auf die Bremse zu treten“, sagt sie und fügt hinzu: „Bayern war Vorreiter. Warum kann man das nicht in Baden-Württemberg machen?“

Wenn jemand überlebt, dann die,
die in den vergangenen Jahren
vernünftig gehaushaltet haben.

Christian Rissel, Einzelhändler und Vorsitzender der Ettlinger Werbegemeinschaft

Ihren jetzigen Arbeitgeber sieht sie für eine Krise immerhin gut aufgestellt, weil er stets „mit Weitblick gehandelt“ habe. „Wenn jemand überlebt, dann die, die in den vergangenen Jahren vernünftig gehaushaltet haben“, meint Christian Rissel.

Für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat er Kurzarbeitergeld beantragt – so wie alle, die er aus seiner Tätigkeit als Vorsitzender der Werbegemeinschaft kennt. 55 Mitglieder zählt die, darunter viele Modegeschäfte, aber auch Gastronomen. „90 Prozent sind von der Regelung betroffen“, sagt der 35-Jährige.

15.000 Paar Schuhe im Lager

Für Rissel bedeutet die Verordnung der Landesregierung voraussichtlich Umsatzeinbußen im „hohen sechsstelligen Bereich“. Er sitzt auf 15.000 Paar Schuhen, die er schon im Sommer 2019 bestellt hat: Die Lieferung ist da und muss bezahlt werden. Rückgabe unmöglich.

Zwar könnten die Schuhe noch in der nächsten Frühjahrssaison verkauft werden, erklärt Rissel – „aber nicht zu regulären Preisen“. Die Trends in der Mode wechselten einfach zu schnell.

Verständnis zeigen Geschäftsinhaber, wie hier beim Herrenmodegeschäft Durm in Ettlingen, für die Beamten, die die Nachricht von der Schließung überbringen.
Verständnis zeigen Geschäftsinhaber, wie hier beim Herrenmodegeschäft Durm in Ettlingen, für die Beamten, die die Nachricht von der Schließung überbringen. | Foto: Julia Trauden

Hoffnung liegt im Online-Handel

Man befinde sich in der heißen Phase der Warenlieferungen, erklärt der Unternehmer, warum die Schließung der Geschäfte ausgerechnet im Monat März einen schlimmen Einschnitt bedeutet. Der Auftakt der Frühjahrs- und Sommersaison sei immer die umsatzstärkste Zeit im Jahr.

Rissel spricht dabei nicht nur für das Schuh- sondern auch das Textilgeschäft. „Das geht runter bis zu Existenzängsten“, weiß Rissel. Eine Hoffnung für den Unternehmer ist der Online-Handel, der bislang 25 Prozent seines Geschäfts ausmachte. „Das ist der einzige Halm, an den wir uns noch klammern.“

Bessere Kommunikation gewünscht

Rissel hätte sich gewünscht, dass früher klare Anweisungen von den Behörden gekommen wären: „Es fehlt uns bis jetzt was Schriftliches von der Kommune, in dem steht: Ihr müsst schließen.“ Auch als um 11 Uhr dann die Mitarbeiter des Kommunalen Ordnungsdienstes vor der Tür stehen und ihm die schriftliche Landesverordnung zur Geschäftsschließung zeigen, ist noch nicht alles klar. „Zunächst hieß es, dass wir bis 17. April schließen müssen“, so Rissel. „Das kann aber auch bis Mitte Juni verlängert werden – und darüber hinaus.“

Die Läden runtergeklappt haben in Ettlingen am Mittwoch zahlreiche Läden.
Die Läden runtergeklappt haben in Ettlingen am Mittwoch zahlreiche Läden. | Foto: Trauden

Hinweiszettel in den Schaufenstern

Rissel bleibt nichts übrig, als zu hoffen und abzuwarten. Er klebt einen Hinweiszettel an die Tür, wie er am Mittwochnachmittag in zahlreichen Schaufenstern zu finden ist: „Aufgrund der Coronakrise haben wir die Anordnung zur Schließung unserer Geschäfte erhalten.“

Am Mittwochnachmittag schließlich informiert die Stadt die Mitglieder der Werbegemeinschaft und des Gewerbevereins per E-Mail über die Vorgaben des Landes. Vorher habe man keine Klarheit gehabt, sagt dazu Ordnungsamtsleiter Kristian Sitzler. „Die Landesverordnung kam quasi über Nacht.“