Das Sparprogramm des Automobilherstellers Daimler stößt bei der Gaggenauer Belegschaft auf Unverständnis. | Foto: Dominic Körner

Trotz des Sparkurses

Keine Kündigungen im Gaggenauer Benz-Werk

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Welche Auswirkungen das Sparprogramm des Automobilherstellers Daimler auf das Benz-Werk in Gaggenau hat, wird sich erst in den kommenden Monaten herauskristallisieren. Das teilten Standortleiter Thomas Twork und Gesamtbetriebsratsleiter Michael Brecht am Dienstag im Anschluss an eine Betriebsversammlung mit. Bis Ende 2022 sollen weltweit tausende Stellen gekürzt werden.

Es werde keine betriebsbedingten Kündigungen geben, bestätigten Thomas Twork und Michael Brecht. Stellen in der Stammbelegschaft werden abgebaut, indem freiwerdende Arbeitsplätze nicht mehr besetzt werden. Ferner will der Konzern Altersteilzeitmodelle und ein Abfindungsprogramm anbieten.

Stellenstreichungen betreffen vor allem die Verwaltung

Betroffen sind in erster Linie der Verwaltungs- sowie der indirekte Bereich. Zum Verwaltungsbereich gehört ein Fünftel der 6.430 Mitarbeiter. Indirekte Tätigkeitsfelder wie Logistik und Instandhaltung sind Teil des 4.630 Mann starken gewerblichen Bereichs.

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Wie es für rund 180 Leiharbeiter weitergeht, hängt davon ab, wie sich die Auftragslage bis Anfang 2020 entwickelt. Ihre Verträge sind bis Februar verlängert worden. 60 weitere Leiharbeiter haben keine Verlängerung erhalten.

Zahlreiche Teilnehmer bei der Betriebsversammlung

Dass das Sparprogramm die Beschäftigten umtreibt, gab Michael Brecht unumwunden zu. Er berichtete von einer „hohen Sensibilität“ und „großem Unverständnis“ unter den zahlreichen Teilnehmern der Betriebsversammlung.

Es fehlt Geld, mit dem die Company gerechnet hat

Standortleiter Thomas Twork

Ein Ziel sei deshalb gewesen, die Gründe des Programms deutlich zu machen. „Es geht nicht nur ums Kostensparen“, betonte Twork. Es gehe auch darum, neue Produkte zu schaffen und angesichts des Mobilitätswandels zu investieren.

Geringere Absatzzahlen in der Lastwagen-Sparte

Doch der Umsatz sei deutlich zurückgegangen. „Damit fehlt Geld, mit dem die Company gerechnet hat.“ Die Absatzzahlen bei Lastwägen fallen in Gaggenau im Vergleich zum Vorjahr und zum ersten Halbjahr 2019 niedriger aus. Die Pkw-Sparte sei recht stabil.

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Brecht zufolge waren auch zwei Vertreter der Fridays-for-Future-Bewegung zugegen. „Der Klimawandel ist Fakt“, sagte er. „Da müssen wir Führung vorgeben.“ Bis 2039 sollen Fahrzeuge CO2-neutral werden, so die Geschäftsstrategie. Eine Rolle spiele aber auch „regulatorischer Druck“, sprich: vorgeschriebene CO2-Werte.

Wir werden nach wie vor sehr heterogen unterwegs sein.

Standortleiter Thomas Twork

Thema war auch, wie der Standort sich weiterentwickelt. So seien Gespräche „sehr weit fortgeschritten“, ein Kleinserienmodul für Ersatzteil-Batterien in Gaggenau zu etablieren, sagte Brecht. Idealerweise ab 2023, wenn die Produktion von Frontschaltgetrieben ausläuft.

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„Wir werden nach wie vor sehr heterogen unterwegs sein“, ergänzte Thomas Twork. Effiziente Dieselantriebe seien ebenso Thema wie Brennstoff- oder Wasserstoffzellen für Sattelzüge, die Langstrecken fahren.

Die Stellenabbau-Pläne des Autobauers Daimler sorgen weiter für heftige Kritik von Seiten des Betriebsrates. Vor allem die Ansagen des Konzerns zur Größenordnung rufen Unmut hervor. „Wir haben keine Vereinbarung zum Abbau von 10.000 Stellen getroffen“, sagte Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht am Dienstag in Stuttgart: „Wir haben einen Prozess definiert, wie Fluktuation nur noch zum Teil ersetzt wird.“ Personalvorstand Wilfried Porth hatte am Freitag gesagt, dass es bei den Streichungen mindestens um eine niedrige fünfstellige Zahl von Arbeitsplätzen in den sogenannten indirekten Bereichen gehe, also alles abseits der Produktion.
„Eine Diskussion über Köpfe ist absurd, weil wir viele andere sinnvolle Maßnahmen vereinbart haben und hauptsächlich Prozesse und Abläufe verändern werden“, sagte hingegen Brecht. „Wie viele Stellen es am Ende sind, kann heute nicht gesagt werden“, stellte er klar.
Daimler will bis Ende 2022 1,4 Milliarden Euro an Personalkosten einsparen. „Zwei Drittel der Summe sollen in Deutschland eingespart werden“, sagte Brecht den „Stuttgarter Nachrichten“ und der „Stuttgarter Zeitung“. So stelle es sich jedenfalls das Unternehmen vor. In Deutschland beschäftigt Daimler aber auch mit Abstand die meisten Leute. Gut 178.000 von weltweit etwa 300.000 arbeiten hier.

Mit Material von dpa/ lsw