Die weitere Untersuchung eines Patienten (Hintergrund) bespricht Oberarzt Harald Proske (rechts) mit Assistenzarzt Evgeny Sheygal. Der Patient klagt über Schmerzen in der Brust. | Foto: Markus Kümmerle

Ärzte und Pfleger am Limit

Die Karlsruher Notaufnahme: Einblick in täglichen Wahnsinn

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Die Lebensretter sind an der Belastungsgrenze: In Notaufnahmen wird der Wahnsinn zum Alltag. Ärzte und Pfleger arbeiten am Limit, während manche Patienten für Ärger sorgen. Ein Blick in die Karlsruher Notaufnahme.

„Ich werde sterben.“ Oberarzt Harald Proske hat schon Menschen reanimiert, Kinder sterben sehen und sich aus dem Würgegriff eines Patienten befreit. Aber auf die alte Frau, die eines Abends in die Notaufnahme des Städtischen Klinikums gelaufen kam, war er nicht gefasst. Sie wollte nur ihre letzte Ölung. Proske ließ einen katholischen Pfarrer kommen. Der Geistliche hatte die Notaufnahme an der Moltkestraße gerade wieder verlassen, da stirbt die Frau. „Ein schöner Moment“, sagt Proske. „Es lief so, wie sie es wollte.“

„Alle Krankenhäuser fühlen sich im Stich gelassen“

Der 55-Jährige, lockige Haare, kräftige Arme, ruhige Stimme, könnte zu jeder Sekunde den Tod sehen. Wenn die gläserne Schiebetür am Eingang der Zentralen Notaufnahme (ZNA) aufgeht, können blutende Unfallopfer auf der Trage reingefahren werden oder auch Menschen hereinhumpeln, die umgeknickt sind. „Wir haben alles, was Notfall ist oder sich zum Notfall erklärt“, sagt Proske. Und das ist das Problem. Gesundheitsminister Jens Spahn kündigte jüngst eine Reform an, die Notaufnahmen entlasten soll. Leitstellen sollen entscheiden, ob Patienten in die Notaufnahme müssen oder ob ein Termin beim Arzt reicht.

Wie sehr das System bisher Ärzte, Pflegekräfte und auch Patienten an ihre Grenzen bringt, möchte Oberarzt Proske bei einem Rundgang durch die ZNA Karlsruhe zeigen. „Alle Krankenhäuser fühlen sich im Stich gelassen“, sagt Proske. „Wir werden beschränkt, aber immer mehr belastet.“ Den Stellenschlüssel erfülle man zwar, doch der sei zu niedrig angesetzt. Proske muss dafür kämpfen, dass die Ärzte und Pfleger trotz der hohen Belastung in seiner ZNA bleiben – und zusätzlich irgendwie neue Kräfte anwerben. Er sitzt in seinem Büro, sein Telefon klingelt. Vor sich hat er eine Tasse Kaffee, nebendran sein Essen für den Tag: Zwei Schokoriegel. Pausen gibt es im Alltag keine.

Mit dem SUV direkt vor dem Eingang geparkt

Proskes Geschichten zeigen vor allem, was sich in der Notaufnahme verschlechtert hat. „Der Egoismus nimmt zu“, sagt der Oberarzt. Vergangene Woche, ein SUV-Fahrer parkte direkt vor der Tür. Er habe nun Zeit, seine Prellung müsse untersucht werden. Dass er länger warten muss als lebensbedrohte Patienten, wollte der Mann nicht einsehen. „Dieser Ich-Bezug ist widerlich“, sagt Proske. Ein Mann mit leichter Fußverletzung sei einem stark blutenden Patienten und den Ärzten sogar mal in den Operationssaal hinterhergehumpelt. Doch die Überlastung sei das größte Problem, sagt Proske. 130 bis 180 Patienten kommen täglich in die Karlsruher ZNA. Es werden mehr: 1997 waren es 19 000 Patienten jährlich, 2016 schon 47 000.

Was hat der Mann? Am Eingang müssen die Mitarbeiter eine erste Einschätzung treffen. Die Fälle werden dann der Dringlichkeit nach gelistet. | Foto: Markus Kümmerle

Es ist 13 Uhr, das Geschehen am Eingang der Notaufnahme nimmt Fahrt auf. Wenn 50 Menschen im Eingangsbereich sitzen, müssen die warten, die warten können. „Unter zwei bis drei Stunden geht es kaum, der Aufenthalt kann mit Diagnostik und Therapie auch sechs Stunden dauern“, sagt Proske. Um kein Leben zu gefährden, setzen die Karlsruher wie so viele Notaufnahmen auf eine Methode aus dem Militärbereich: Triage. Wenn im Krieg nicht alle Verwundeten sofort versorgt werden können, muss eine Reihenfolge erstellt werden.

Manchmal löst die Psyche die Probleme aus

Im Klinikum teilt an diesem Nachmittag Krankenpflegerin Lisa Adam (29) ein, welcher Patient grün, gelb oder rot gelistet wird. Oft hat sie nur einen kurzen Blick und wenige Sätze des Patienten – dann muss sie entscheiden. Die Einordnung gibt Kollege Ralf Lehmann gleich in seinen Computer ein. Erst wenn er eine digitale Akte angelegt hat, können Patienten behandelt werden. „Man weiß nie, wann es hier richtig los geht“, sagt er. Ein junger Mann steht vor Lehmanns Zwei-Quadratmeter-Arbeitsbereich, der aus einem Drehstuhl und einem Computer besteht. Der Mann hinter der Scheibe fasst sich an den Hals, sagt, sein Arm sei etwas taub. Ein Schlaganfall? Lisa Adam verneint. Er solle im Wartebereich Platz nehmen. Später ruft sie eine 78-jährige Frau zur Voruntersuchung in eine der drei Kabinen.

Oberarzt Proske spricht mit ihr: Schwächegefühl seit einer Woche. Der Hausarzt hat am Mittag blockierte Harnwege festgestellt, dann hat die Frau zuhause doch noch Wasser gelassen. Nun sitzt sie vor Proske. Er lässt sie lange aussprechen, auch über ihren demenzkranken Mann, den sie pflegt. Manchmal ist es die Psyche, die körperliche Probleme auslöst. Im Zimmer nebenan sitzt ein Mann, es piept, der Puls ist bei 147. Er muss gleich weiter behandelt werden. „Es gibt in der Pflege deutlich angenehmere Plätze“, sagt Adam. „Aber ich bin ziemlich glücklich in der Notaufnahme.“

Ein Ort, an dem es keine Privatsphäre gibt

Patienten mit ganz drängenden Symptomen müssen die Voruntersuchung überspringen. Sie werden durch eine Schiebetür gebracht. Ein langer Gang, alle 14 Behandlungsliegen sind besetzt, Trennwände aus Stoff. Privatsphäre gibt es spätestens hier nicht mehr, aber die Menschen haben andere Probleme. Ein Mann klagt über Beschwerden am Herzen, er wurde nicht das erste Mal eingeliefert. „Untersucht wurde ich gleich, dann hat es halt gedauert“, sagt der 79-Jährige. „Aber es ist gut organisiert.“ Es sind lobende Worte, die die Mitarbeiter nicht allzu oft zu hören bekommen. Viele Patienten wissen nicht, dass die Untersuchung ihres Blutes Zeit in Anspruch nimmt oder lebensbedrohte Patienten vorgezogen werden mussten.

Im Minutentakt fahren Krankenwagen an der ZNA ab. | Foto: Markus Kümmerle

Oberarzt Proske geht den langen Gang entlang weiter in den Schockraum. „Die ganze Notaufnahme ist ein Hochrisikobereich, aber dieser Bereich ist noch risikoreicher“, sagt er. 300 Menschen pro Jahr werden hier eingeliefert. Zuletzt ein sportlicher Mann, der mit 50 Stundenkilometern vom Fahrrad stürzte. Innerhalb einer Viertelstunde müssen alle Fachärzte im Schockraum sein. Pflegekräfte, die hier unterstützen, fehlen dann im Aufnahmebereich. „Deswegen ist die Triage so wichtig“, sagt Proske.

Am Abend spielt er Jazz: „Mein Energieableiter“

Mit diesem Raum verbindet er die schlimmen Bilder. „Amputationen, schwerste Gesichtsblutungen, eine Mutter stirbt, ihr Kind überlebt.“ Auch Proske musste schon mal raus, durchatmen. Nur darf die Arbeit nie ruhen, sonst werden die nächsten Patienten gefährdet. „Jede Reanimation wird nachbesprochen“, sagt der Oberarzt. Das sei im laufenden Betrieb kaum möglich.

Nach der Arbeit muss jeder für sich abschalten. Am Abend spielt Proske Klavier. Jazz. Improvisiert. Wenn die Töne seine Stimmung wiedergeben, ist er zufrieden. „Das ist mein Energieableiter – jeder braucht einen.“ Er behält Kollegen im Blick, die keinen haben, die zu viele Bilder des Tages mit nach Hause nehmen. Manche wechseln nach einer Zeit die Station. Proske hat sich entschieden: „Das ist der Ort, wo ich hingehöre. Man lässt die Anderen nicht im Stich.“ Und doch sieht er, wie sich dieser Ort verändert, wie wenige Mitarbeiter immer mehr leisten müssen. „Die Politik hat zugesehen, dass Krankenhäuser geschlossen werden, Patienten nicht gesteuert werden, es weniger Hausärzte auf dem Land gibt.“

Patient ist gestorben – „Atme fünf Minuten durch“

Für etwas Entlastung sorgt die neue Aufnahme-Station im Gebäude, das an die ZNA angrenzt. Dort gibt es 22 Betten für Menschen, die nur ein bis zwei Tage untergebracht werden müssen, im Sommer oft dehydrierte Senioren. Die angehende Krankenpflegerin Rebecca Große (25) hat hier schon viel erlebt. Mal wird aus einem 95-jährigen Patienten ein Zeitzeuge, mit dem sie über das Leben spricht. „Die Zeit hat man nicht immer“, sagt Große. Einen Patienten hat sie sterben sehen, Blut aus dem Mund, starrer Blick. „Man hat mir gesagt: Atme fünf Minuten durch. Aber dann wäre es schön, wenn du die Essenstabletts auf der Station einsammelst.“ Irgendwie, sagt Große, müsse man lernen, das nicht zu nahe an sich heranzulassen.

Ganz dringende Fälle werden mit dem Rettungswagen direkt in die Karlsruher
Notaufnahme gebracht. Um die 50 000 Patienten werden hier pro Jahr behandelt.
| Foto: Markus Kümmerle

Wer ambulant behandelt werden kann, landet im gleichen Gebäude beim hausärztlichen Dienst der Notaufnahme. Oberarzt Johannes Zimmermann (37) klingt bedient. „Fast jeder erzählt mir, dass er vom Hausarzt weggeschickt wurde.“ 15 Fälle hat er täglich, heute geht es auf die 25 zu. „Damit bin ich an der Auslastungsgrenze.“ Zimmermanns Dienst ist längst beendet, da ist am Eingang der Notaufnahme wieder Hochbetrieb. Es ist 22 Uhr.

„Die Kollegen sind natürlich auch am Limit“

Loreen Schubert hat als Triage-Kraft von Lisa Adam übernommen. Sie telefoniert sich durch die Stationen. „Wir haben eigentlich immer Bettenmangel“, sagt sie. Manche Patienten müssen daher auf fachlich fremden Stationen aufgenommen und am nächsten Tag verlegt werden. Erfreut ist niemand, wenn Schubert anruft. „Die Kollegen sind natürlich auch am Limit“, sagt die 31-Jährige. Einem verspricht sie: „Nun hast du alle Betten voll, heute Nacht lasse ich dich in Ruhe.“ Später greift sie zum dritten Mal zum Telefon, um einen jungen Mann noch beim psychiatrischen Notdienst unterzubringen.

Nebendran sitzt wieder ihr Kollege Ralf Lehmann auf seinem Drehstuhl, vor ihm der Bildschirm und die Scheibe. Er bekommt einen Anruf aus einem Rettungswagen, der wenige Sekunden später schon auf dem Innenhof steht. Der 55-Jährige, der sonst gerne einen Witz auf Lager hat, wird schnell ruhig. Er muss im Computer innerhalb weniger Sekunden einen Fall anlegen, damit der Schwerverletzte in der Notaufnahme behandelt werden kann. Hinterher werden Schubert und er von einer ruhigen Phase sprechen.

Irgendwann, es geht auf Mitternacht zu, hackt Lehmann wieder auf seine Tastatur ein. Vor seiner Scheibe wird es laut. Ein Mann sagt, er sei von der Polizei geschlagen worden. Auf Schuberts Tisch liegt eine halbe Laugenstange. Im Zimmer nebenan weint eine Frau.