Diese Kleiderpuppe in einem Nike-Shop trägt Größe 44 - und sorgt derzeit für viele Diskussionen. Auch in der Fächerstadt gibt es Schaufensterpuppen in Übergröße - die Meinungen gehen auseinander. | Foto: Nike

Gute Körper, schlechte Körper?

#bodypositivity: Warum eine Schaufensterpuppe die Gesellschaft spaltet

Anzeige

Kleiderpuppen in Übergröße – das gab es bislang hauptsächlich in Geschäften, die auch ausschließlich Übergrößen anbieten. Die Sport-Marke Nike hat nun in einem Londoner Shop eine Kleiderpuppe aufgestellt, die Leggins und ein bauchfreies Top in Größe 44 trägt, und damit eine hitzige Debatte um Körperbilder in der Gesellschaft losgetreten. Die BNN sind auch in Karlsruhe auf Kleiderpuppen in großen Größen gestoßen und dabei gleichzeitig über einige Fragen gestolpert: Mit welchen Körperformen darf und soll geworben werden? Welche Körper sollen und wollen Menschen eigentlich sehen? Und wer entscheidet überhaupt darüber? Eine Debatte über „Body Positivity“, Körperbilder in der Gesellschaft und die Frage, welche Körper eigentlich „normal“ sind.

Betritt man das Ettlinger Tor in Karlsruhe, ein Einkaufszentrum mit rund 130 Geschäften und Gastronomiebetrieben, läuft einem unweigerlich das Wasser im Munde zusammen. Der Weg ins Innere des Gebäudes führt vorbei an Eisverkäufern, in deren Auslagen bunte Eiscreme mit Früchten und Schokoladenpralinen garniert ist, Buden, in denen gebratene Nudeln im Wok herumgeworfen werden und Pizzastücke mundgerecht zum Verzehr bereit liegen, bunten Frittenbuden und hippen Burgerläden. Wer diesen Gang hinter sich lässt, findet sich in einer Welt der gläsernen Schaufenster wieder, hinter denen glänzende Kleiderpuppen mit Wespentaillen und ohne Gesichter Kleider in Größen anbieten, die den meisten Menschen gar nicht passen. Kleidergröße 42/44 trägt die deutsche Durchschnittsfrau, 36/38 die deutsche Durchschnitts-Kleiderpuppe. Es gibt jedoch eine Ausnahme im Einkaufscenter.

Kleiderpuppe mit Bierbauch und Hüftspeck

Vor dem Eingang eines Jeans-Geschäfts begrüßt die Besucher eine männliche Schaufensterpuppe, die anders aussieht als die meisten: Sie ist keine 1,60 Meter groß, hat einen dicken Bauch, ein Doppelkinn und trägt eine Hose, die ihr nicht so richtig passt. „Das ist unser Highlight“, verrät Frau Eberele, die Dekorateurin des Ladens. Wieso sie sich ausgerechnet für diese Kleiderpuppe entschieden hat? „Weil es halt so ist“, lautet die knappe Antwort, „Wir haben ja nicht alle die Maße 90-60-90 wie ein Model.“ Es gebe eben nicht nur eine Größe, sagt auch eine Verkäuferin des Ladens. „So wie die meisten Schaufensterpuppen aussehen, so sieht doch fast niemand aus.“

 

Auch bei den Kunden kämen die Puppen sehr gut an. „Die Leute müssen schmunzeln, wenn sie die Puppe sehen“, sagt Eberle. Manchmal müsse man aufpassen, dass die Schaufensterpuppen nicht umgeworfen werden, wenn sich Leute mit ihnen fotografieren. Es sei aber eben einfach „eine witzige Sach“, meint Dekorateurin Eberle. Aber was ist eigentlich witzig an Körpern, die nicht so schlank sind wie die – vermeintliche – Norm? Woher kommt es, das Passanten schmunzeln, wenn sie die übergewichtige Kleiderpuppe sehen? „Es ist dieses Glatzköpfige mit Bäuchlein, der ältere, gemütliche Herr eben“, versucht Eberle eine Erklärung. Natürlich gehe es darum, auch andere Körper zu zeigen als „superschlanke Models“, aber eben auf humorvolle Weise. Auch die Verkäuferin sieht in der stämmigen Puppe eher einen Gag. „So will ja keiner aussehen“, sagt sie beiläufig.

Ganz klar: Der uncoole Dicke, dem die Hose nicht passt.

via Instagram

Eine Weile später läuft ein Mann mit einem Kinderwagen an der Kleiderpuppe vorbei. Auch sein Blick bleibt neugierig an ihr hängen. „Ach, warum soll es das nicht geben?“, sagt er dann auf Nachfrage, „Große, Kleine, Dicke, Dünne, Behinderte … wir sehen nun mal nicht alle gleich aus. Ich finde gut, wenn das auch in den Kleidergeschäften so abgebildet wird.“ Seine Frau, die kurz darauf mit einer Einkaufstüte in der Hand dazu kommt, ist allerdings anderer Meinung. „Ich finde, das sieht eher aus wie eine Karikatur, fast schon provokativ“, sagt sie und fügt nach kurzer Überlegung hinzu: „Ich finde das nicht gut, nein.“

Das Klischee vom witzigen Dicken?

Eine kurze Umfrage auf Instagram fördert drastischere Statements zur Kleiderpuppe mit „Bäuchlein“ zutage. „Da wird ganz klar das Klischee vom uncoolen Dicken bedient, dem die Hose nicht passt“, schreibt eine Instagram-Nutzerin. Eine andere führt an, dass sie fülligere Schaufensterpuppen grundsätzlich gut finde, aber hier werde wieder das Klischee vom „witzigen Dicken“ bedient.

Weshalb lacht nur der Dünne? Haben Dicke  nichts zu lachen?

eine Instagram-Nutzerin

Auch die Gesichtsausdrücke der Figuren werden kritisiert. „Für mich sieht die Puppe lächerlich aus“, schreibt eine Frau auf Instagram, „Wieso muss die so ein albernes Gesicht haben?“

Die Puppen in Übergröße haben aber auch Fürsprecher: „Die Figuren sind witzig gemeint“, findet eine weitere Instagram-Benutzerin. „Humor gehört doch auch zum Leben.“

„Ist es Humor oder ist es ein ‚Lächerlichmachen‘?“

Nicht jeder kann diesen Humor teilen. Noemi Christoph ist „Female Embodiment Coach“ aus Karlsruhe. Zu ihr kommen hauptsächlich Frauen, die mit ihrem Körper unglücklich sind, weil sie lange Zeit versucht haben, dem vermeintlichen Körperideal, den Model-Maßen, zu entsprechen. Christoph hilft ihren Klientinnen dabei, „ihr Verhältnis zu Bewegung und Ernährung zu heilen“ – oder anders ausgedrückt: „anzunehmen, wer sie sind.“ „Umarme, was du bist“, heißt auch ihr Workshop-Programm.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Noemi • FEMALE EMBODIMENT • (@noemichristoph) am

„Ich denke schon, dass viele Leute diesen Gag ansprechend finden“, sagt Christoph über die Karlsruher Kleiderpuppe in Übergröße. Die Frage sei aber, ob es hier um Humor gehe oder ob es sich nicht vielmehr um ein „Lächerlichmachen“ handle. Und dann müsse man sich auch immer fragen: „Wer macht sich hier über wen lustig?“

Die Sache mit der „Body Positivity“

„Body Positivity“ ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit Körper und Gewicht oft fällt. Er soll ausdrücken, dass alle Körper ihre Berechtigung haben. Christoph findet jedoch eine andere Bezeichnung besser: „Body Neutrality“. „Das drückt aus, dass alle Körper sein dürfen, ohne zu behaupten, dass etwas schlecht ist oder dass man zwanghaft alles an sich lieben und gut finden muss“, erklärt sie. Es ist dieses Sich-ausgeschlossen-Fühlen, das ihre Klientinnen besonders belastet. Christoph spricht von einem „Gewichts-Stigma“, einer Tendenz in der Gesellschaft, Übergewichtige – oder „Mehrgewichtige“, schlägt Christoph vor – auszugrenzen. Dass es in den Schaufenstern der Modeläden fast nur schlanke Kleiderpuppen gibt, scheint diese Theorie zu untermauern.

Die Übergrößen in der hinteren Ecke

Natürlich gibt es auch im Karlsruher Einkaufszentrum Kleider in Übergröße, auch die großen Ketten haben sie im Programm. Was sie jedoch nicht haben, sind Kleiderpuppen, an denen die Kunden und Kundinnen sehen können, wie die Kleidung getragen aussieht. Das müssen sie im oft grellen Licht der Umkleidekabinen schon selbst herausfinden. „Übergrößen sind auch nicht so sehr gefragt bei uns“, sagt eine Verkäuferin bei einer bekannten Mode-Kette. Daher lohne es sich sowieso nicht wirklich, Kleiderpuppen in großen Größen aufzustellen.

Ist es also womöglich ein Problem der Nachfrage, dass so wenige Schaufensterpuppen in großen Größen zu sehen sind? Gibt es einfach zu wenige „Mehrgewichtige“?

„Nein, die Nachfrage ist definitiv da“, weiß Noemi Christoph. „Die durchschnittliche Kleidergröße bei Frauen ist einfach keine 36.“ Aber es sei eben schwer, eine Gesellschaft zum Umdenken zu bewegen, der jahrzehntelang eingeredet wurde, dass schlanke Körper die Norm sind und in der Menschen in den Medien und Schaufenstern fast nur schlanke Körper sehen.

Was muss sich ändern?

Natürlich ist es wichtig, dass auch in den Schaufenstern der Geschäfte die vielfältigen Körper abgebildet werden, die es auch in der Realität gibt, findet Christoph. Es könne aber auch jeder bei sich selbst anfangen, etwas zu verändern: „Nicht bewerten – weder positiv noch negativ“ sei ein guter Anfang. Da könne sich jeder immer wieder selbst hinterfragen und dadurch langsam lernen, den Körper als das zu sehen, was er ja eigentlich sei: eine Möglichkeit, physisch am Leben teilzunehmen. „Wir könnten lernen, unseren Körper einfach für seine Funktionalität zu schätzen, ohne ihn zu bewerten“, schlägt Christoph vor. Der Körper sei eben das „Gerät“, mit dessen Hilfe wir die Welt erleben. Bewertungen brauche es da eigentlich überhaupt nicht.

Kurz darauf haben sich die gläsernen Türen des Einkaufszentrums geschlossen und es wird Abend. Auf dem Lidellplatz unweit des Ettlinger Tors spielen Kleinkinder in Unterhosen im kühlen Wasser des Brunnens. Stämmige Beinchen und Ärmchen plantschen im Wasser, Gekicher vibriert in der Luft. Um Körperformen macht sich hier noch niemand Gedanken. Und unwillkürlich wünscht man sich, dass das auch so bleibt.