Dokument einer Aufbruchszeit ist der 1966 im tschechischen Frühling entstandene Film "Tausendschönchen", den die Kinemathek Karlsruhe am 21. April zeigt. | Foto: Kinemathek

Europäische Kulturtage 2018

Kunstfreiheit und Frauenrechte

170 Jahre Revolution von 1848, 125 Jahre erstes Mädchengymnasium in Deutschland, 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland, 100 Jahre Novemberrevolution, 50 Jahre 1968 – es gibt etliche historische Gründe dafür, die Europäischen Kulturtage Karlsruhe in diesem Jahr unter das Motto „Umbrüche – Aufbrüche“ zu stellen.

Gegenwart im Blick

Doch das am 20. April beginnende Festival hat auch die Gegenwart im Blick, wie Kulturbürgermeister Albert Käuflein bei der Programmvorstellung betonte: Er erinnerte daran, dass die erste Kuratoriumssitzung zu dem Festival im Juli 2016 unter dem Eindruck des gerade niedergeschlagenen Putschversuchs in der Türkei stand. Umbrüche seien derzeit an vielen Orten in Europa spürbar, etwa durch das Erstarken von Populisten, sagte Käuflein. Kultur sei eine verbindende Kraft, die sich solchen Erosionsbewegungen entgegenstellen könne.

Präsentierten das Programm der EKT: Generalintendant Peter Spuhler, Kulturamtsleiterin Susanne Asche und Kulturbürgermeister Albert Käuflein (von links). | Foto: Kohlem

Die verbindende Kraft der Kulturtage hob auch Kulturamtsleiterin Susanne Asche hervor angesichts der zahlreichen Institutionen, die sich an dem 16-tägigen Programm (20. April bis 5. Mai) beteiligen. Ein Zugpferd unter diesen Institutionen ist das Badische Staatstheater, das die Kulturtage gemeinsam mit dem Kulturamt organisiert. Dessen Generalintendant Peter Spuhler erklärte, die Freiheit der Kultur sei ein Gradmesser für die Demokratiefähigkeit einer Gesellschaft.

„Frauenperspektiven“ integriert

Die Offenheit einer Gesellschaft lasse sich auch an der Position der Frau erkennen, sagte Susanne Asche. Daher passe es auch, dass in die Europäischen Kulturtage erstmals das früher eigenständige Festivalkonzept „Frauenperspektiven“ integriert worden sei. „Gleiche Rechte für alle“, so der Untertitel des Kulturtagemottos, stehe als Forderung bei Revolutionen und Umbrüchen ebenso im Zentrum wie bei der Frauenbewegung, die wiederum durch die 68er besonders vorangetrieben wurde.

Gebündelt wird diese Themenkombination am Eröffnungsabend in der Uraufführung des Stücks „Radikale Akte“ am Staatstheater: Die Volkstheaterproduktion mit Menschen aus Karlsruhe und Umgebung widmet sich der Geschichte der Frauenbewegung und der Frage, was hier erreicht wurde und was noch zu leisten ist. Ebenfalls partizipativ ausgerichtet ist die Ausstellung „Revolution! Für Anfänger*innen“ im Badischen Landesmuseum, die Auslöser und Abläufe von Revolutionen dokumentiert, aber auch zum Mitmachen einlädt – bis hin zum „revolutionären“ Statement, das Besucher vom Balkon des Schlosses aus abgeben können.

Rund 80 Veranstaltungen

Mit rund 80 Veranstaltungen von 34 Kulturinstitutionen sollen historische, gegenwärtige und zukünftige Aspekte betrachtet werden. Ausstellungen blicken auf das Jahr 1968 in Karlsruhe (Stadtmuseum), auf das Schaffen feministischer Künstlerinnen wie Rosemarie Trockel (Städtische Galerie), auf Aufbrüche in den europäischen Partnerstädten Karlsruhes (BBK) oder auf die Begegnung von Liebe und Revolution im gemeinsamen Schaffen der Lyrikerin Hedwig Lachmann und des Schriftstellers Gustav Landauer (Literaturmuseum).

Filmreihen und Theater

Die Kinemathek widmet sich in einer Filmreihe, einer Videoinstallationen und einer Podiumsdiskussion (u. a. mit der Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz, 28. April, 20 Uhr) dem Bereich „Gender und Feminismus im Film“.

Das Staatstheater zeigt neben Eigenproduktionen wie „Hair“ und „Die Ehen unserer Eltern“ mehrere Gastspiele, unter anderem aus Syrien (21./22. April) und dem Iran (26. April). Die europäischen Grenzen berührt das Theater mit dem Stück „Tiger und Löwe“ (Öffentliche Probe: 3. Mai, Premiere: 6. Mai), das anhand der stalinistischen „Säuberungen“ im Georgien des Jahres 1937 von einer Revolution erzählt, die ihre Kinder frisst.

Auch BVG ist beteiligt

Neben der historischen Erinnerung wollen die Veranstalter auch gegenwärtige gesellschaftliche Debatten im Hinblick auf die Zukunft in den Fokus rücken. Das in Karlsruhe ansässige Bundesverfassungsgericht ist bei dem Festival nicht nur durch den Festvortrag der Richterin Susanne Baer bei der Eröffnung vertreten, sondern auch durch Führungen durch das Gericht und durch Beteiligung von Richterinnen und Richtern an dem Jugendprojekt „Baustelle Freiheit“.