Sonderschicht: Normalerweise ist der Salon von Stefanie Welsch montags zu. An Tag eins nach der Corona-Schließung steht die Friseurin trotzdem in ihrem Laden.
Sonderschicht: Normalerweise ist der Salon von Stefanie Welsch montags zu. An Tag eins nach der Corona-Schließung steht die Friseurin trotzdem in ihrem Laden. | Foto: jodo

Corona-Krise

Karlsruher Friseure erleben großen Andrang am ersten Öffnungstag

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Unter der vorgeschriebenen Maske lässt sich am Montag das glückliche Gesicht vieler Friseurkunden nur erahnen. Doch der Ansturm auf die Läden zeigt, wie dringend viele ihre Corona-Matte los werden wollen. Die Terminbücher sind teilweise bis zum Ende des Monats gefüllt.

Probleme gibt es hingegen noch beim ein oder anderen Friseur, der seine Kunden normal ohne vorherige Absprache empfängt. Teilweise bilden sich Warteschlangen. Mindestens ein Geschäftsinhaber bekommt Besuch von der Polizei, die wartende Kunden wegschickt.

Warteschlangen vor manchem Friseursalon

Kurz vor Mittag verlässt Andreas Müller seinen Stammfriseur in der Nähe des Marktplatzes. Der Kurzhaarschnitt sitzt wieder. „Allein wollte ich das nicht machen“, sagt er. „Gerade im Nackenbereich wäre das sehr schwierig geworden.“ Müller hatte keinen Termin. 30 Minuten stand er vor dem Laden in der Schlange.

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An der Tür versucht unterdessen Aram Doski für Ordnung zu sorgen. Im Minutentakt beantwortet er Fragen. „Nein, Augenbrauen ist auch verboten“, erklärt er einem Anrufer. Dann muss Doski einen älteren Herrn abwehren, der unter dem Verweis „Da steht doch ohne Termin“ an ihm vorbeilaufen möchte.

Eine Zeit könne er mit ihm vereinbaren, sagt er dem Senior. Ganz im Sinne der Verordnung ist das allerdings nicht. Termine dürfen nur „auf elektronischem oder fernmündlichem Weg“ vergeben werden, heißt es in der Anweisung – also nicht direkt vor Ort.

Polizei ermahnt Salonbetreiber

Dass die Behörden recht genau auf die Einhaltung der Richtlinien achten, erfährt Dillers Osman Abdal fast zur gleichen Zeit in der Waldstraße. Weil sich auch vor seinem Laden eine Schlange bildet, bekommt er Besuch von der Polizei. Die habe alle Kunden weggeschickt und mit einem vierstelligen Ordnungsgeld gedroht, berichtet Osman Abdal.

„Dabei habe ich Markierungen angebracht und dafür gesorgt, dass Abstände eingehalten werden“, klagt er. Selbst Kunden mit vorab vereinbartem Termin mussten nach seiner Aussage ohne Haarschnitt wieder gehen. „Jetzt muss ich dauernd nach draußen schauen und Menschen wegschicken“, sagt der Salonbetreiber.

Mit Absperrungen und einem Hinweisschild erinnert ein Friseur in der Waldstraße an die Terminpflicht.
Mit Absperrungen und einem Hinweisschild erinnert ein Friseur in der Waldstraße an die Terminpflicht. | Foto: jodo

Friseure müssen Schlangen angesichts von Covid-19 verhindern

„Für Geschäfte, die ganz ohne Termine von der Laufkundschaft leben, ist die Umstellung natürlich besonders groß“, sagt Eric Schneider, der dem Vorstand der Karlsruher Friseurinnung angehört. In den vergangenen Tagen habe die Innung klare Handlungsanweisungen verschickt – zur Hygiene, den Abstandsregeln und eben auch zur Terminvergabe.

„Es ist eindeutig: Wir müssen uns so organisieren, dass vor dem Laden keine Ansammlung entsteht“, erklärt Schneider. Ob das durch Schilder oder Personal geschieht ist nicht vorgeschrieben und muss je nach Lage angepasst werden.

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In Schneiders eigenem Salon ist der Run auf den Haarschnitt ebenfalls deutlich zu spüren. Die nächsten freien Termine gibt es in der letzten Mai-Woche. „So eine richtig schlimme Corona-Frisur war noch nicht dabei“, erzählt er. „Aber ich habe in den vergangenen Tagen schon einige gesehen, die wohl selbst zur Schere gegriffen haben. Vielleicht steigt jetzt die Wertschätzung für unseren Beruf.“

Terminkalender sind schon voll

Bei der Kundin, der Stefanie Welsch kurz nach Mittag die Haare stutzt, mangelt es nicht an Respekt für das Handwerk. „Wegen mir darf alles andere zu bleiben“, sagt sie lachend. „Friseur ist am wichtigsten.“ Normal taucht die Krankenschwester alle sechs Wochen im Salon auf, dieses Mal hat es acht gedauert.

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Im Nebenraum sitzt eine Kundin, deren letzter Haarschnitt gar 14 Wochen her ist, weiß Welschs Ehemann Rico Haufe, der im Laden mithilft. Der Terminkalender hat sich auch bei Stefanie Welsch schnell gefüllt. Bis zum 20. Mai ist nichts mehr zu machen, darauf weist ein Schild vor dem Laden hin – und das obwohl ausnahmsweise auch montags gearbeitet wird.

Regeln schränken das Friseurerlebnis in der Corona-Krise ein

„Wir haben zuerst die Kunden eingeplant, deren Termine wir als erste absagen mussten“, erklärt die Friseurin. Im Geschäft ist vergleichsweise viel Platz, Abstandsregeln sind kein Problem. Durch die Corona-Vorgaben geht aber ein Teil des „Erlebnisses“ verloren, so Haufe.

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Jacke abnehmen oder Getränke anbieten fallen weg, dafür bleibt die Maske während des gesamten Aufenthalts an. Auch die vorgeschriebene Desinfektion und Reinigung brauche Zeit. Zwei Euro kostet der Haarschnitt deshalb bei Stefanie Welsch mehr.

Viele Friseure erhöhen die Preise

Einen „Corona-Aufschlag“ haben auch viele ihrer Kollegen eingepreist – zwei bis drei Euro, lassen die meisten wissen. „Das ist aber bisher kein Problem“, sagt Amer Jassin, der seinen Salon auf der Kaiserstraße hat. „Manche sind so froh, dass sie sogar mehr geben.“

Für den Salon seien die Einnahmen dringend nötig. Durch Hilfsgelder habe man sich nur über einen Monat retten können, sagt Jassin. Dann bittet er Stammgast Bogdan Bazvlyak zum ersten Haarschnitt seit neun Wochen.