Abgrenzung: In der Kita „Heidezwerge“ sind die Außenbereiche der einzelnen Gruppen durch alte Feuerwehrschläuche getrennt. Die Pausen- und Ausflugszeiten des Waldkindergartens sind zudem ganz genau festgelegt, sodass sich die Gruppen auch am Tor nicht begegnen. Ob sich dieses Konzept auf andere Kitas übertragen lässt, ist fraglich.
Abgrenzung: In der Kita „Heidezwerge“ sind die Außenbereiche der einzelnen Gruppen durch alte Feuerwehrschläuche getrennt. Die Pausen- und Ausflugszeiten des Waldkindergartens sind zudem ganz genau festgelegt, sodass sich die Gruppen auch am Tor nicht begegnen. Ob sich dieses Konzept auf andere Kitas übertragen lässt, ist fraglich. | Foto: Jörg Donecker

Umsetzbarkeit fraglich

Kita-Vollbetrieb: Karlsruher Eltern schweben zwischen Ungeduld und Hoffnung

Anzeige

Nachdem die Landesregierung den Vollbetrieb in Kitas ab Ende Juni angekündigt hat, haben Karlsruher Eltern große Erwartungen. Doch ob diese erfüllt werden, ist fraglich.

 „Wir haben Glück“, sagt Uli Stahl. Er und seine Frau arbeiten beide in systemrelevanten Berufen, sodass die fünfjährige Tochter Helene schon seit vier Wochen in ihre Kita „Heidezwerge“ gehen kann. „Wir haben trotzdem mit Spannung verfolgt, wie die Entwicklungen sich in den Kitas so laufen“, so Stahl. Die KinderSpielHaus gGmbH, die als freier Träger neben den Heidezwergen noch zwei weitere Kitas in Karlsruhe betreibt, darf bereits seit dieser Woche wieder alle Kinder aufnehmen.

Eine Familie, ein Infektionsherd

Petra Roolf, Kita-Leiterin

 

Die Gruppen wurden neu sortiert, etwa bleiben Geschwister zusammen. „Eine Familie, ein Infektionsherd“, erklärt Kita-Leiterin Petra Roolf. Durch den schon vor Corona bestehenden besseren Betreuungsschlüssel sei die Organisation in kleineren Gruppen für ihre drei Einrichtungen kein Problem. Sogar ein paar Erst- und Zweitklässler haben sich unter die Kleinen gemischt: große Geschwister, bei denen die Notbetreuung der Grundschule nicht funktioniert.

Der großzügige Außenbereich, den normalerweise alle Kinder gemeinsam nutzen, ist nun aufgeteilt. Jede Gruppe hat ihr eigenes Revier, abgetrennt durch alte Feuerwehrschläuche. Zudem wurden mit Gartenschläuchen Wasserleitungen verlegt: Vor jedem Hauseingang befindet sich jetzt eine Händewaschstation. Jede Gruppe hat festgelegte Wegeführungen und unterschiedliche Bring-, Hol- sowie Pausenzeiten, sodass Begegnungen zwischen Kindern oder Eltern unterschiedlicher Gruppen ausgeschlossen werden können. Bei der Eingangskontrolle am Morgen wird bei jedem Kind Fieber gemessen.

Jede Kita hat ihr eigenes System

„Wir haben schon seit dem 18. Mai den Betrieb extrem hochgefahren“, sagt Kita-Leiterin Petra Roolf. „Die komplette Öffnung freut die Eltern sehr. Es entlastet die Familien ungemein.“

Ob dieses Modell als Vorbild für den von der Landesregierung für Ende Juni angekündigten Vollbetrieb aller Kitas herhalten kann, ist fraglich. „In jeder Kita gibt es ein anderes System, zum Teil ist der Bedarf auch ganz unterschiedlich“, beschriebt Sina Schroth vom freien Träger ProLiberis die aktuelle Situation. Man sei auf alle Eventualitäten vorbereitet, müsse aber abwarten, welche Abstands- und Hygieneregeln zum Öffnungstermin tatsächlich gelten.

Die Planungszeit ist sehr kurz und der Druck bei den Eltern ist groß.

Philip Klein, Sprecher der Karlsruher Elterninitiativen

„Das geht jetzt Schlag auf Schlag. Die Planungszeit ist sehr kurz und der Druck bei den Eltern ist groß“, sagt Philip Klein, Sprecher der Karlsruher Elterninitiativen. Durch die Ansagen aus der Politik würden die Erwartungen bei den Eltern zusätzlich hochgetrieben. Auch gebe es große Unterschiede, wie die Familien mit der Betreuungssituation umgingen. „Überstundenabbau und geänderte Urlaubsplanung ist eher eine Vorgehensweise der Mittelschicht“, sagt Klein. Ganz anders sehe es etwa bei Eltern aus, die im Niedriglohnsektor beschäftigt, von Kurzarbeit oder gar Jobverlust betroffen seien. „Da stellt sich vielen eher die Frage, ob man überhaupt einen neuen Job antreten kann, wenn die Kinderbetreuung fehlt.“

Anne Birkle konnte ihre Kinder zuletzt nur tageweise im rollierenden System in die Kita bringen. Da die beiden in unterschiedliche Gruppen gehen, hatte die Mutter an manchen Tagen ein Kind in der Kita, das andere zu Hause. „Wir haben den Großteil unseres Urlaubs jetzt aufgebraucht“, sagt Birkle, die sich eine Aussetzung der dreiwöchigen Sommerschließzeit wünscht. „Andere Unternehmen haben sich der Corona-Lage auch angepasst und Urlaube verschoben. Ich verstehe nicht, warum das bei den Kitas nicht funktionieren soll.“ Sie erwarte, dass die Kitas durch Leitlinien der Stadt in die Lage versetzt werden, Alternativen zur Sommerschließzeit anzubieten.

Bei den Eltern herrschen großer Druck und Ungeduld

Die Ungeduld der Eltern sei deutlich zu spüren gewesen, erklärt Peter Koch vom Gesamtelternbeirat Karlsruhe. „Wir bekamen Hilferufe, Bitten, manche waren auch sehr fordernd und sogar gereizt.“ Seit der jüngsten Verkündung aus der Landesregierung sei es deutlich ruhiger geworden. „Es kann sein, dass der Druck jetzt erst mal weg ist. Ich weiß aber nicht, ob es in den nächsten Tagen so bleibt.“ Bei der Frage, wie ein Vollbetrieb in Kitas flächendeckend funktionieren kann, hält Koch die Einzelheiten für entscheidend.

„Wenn man formal öffnen darf, aber durch Hygienekonzepte nicht alle Kinder aufgenommen werden können, fühlen sich die Eltern veräppelt.“ Folglich müsste die Landesregierung auch die Hygieneregeln bis Ende Juni lockern. Noch wichtiger sei aber die Frage, wie die Kitas das personell stemmen können. Schon vor Corona sei Personal oft knapp bemessen gewesen, hätten bei Grippewellen Öffnungszeiten verkürzt werden müssen. Zudem müsse man die Risikogruppen unter den Betreuern bedenken.

„Selbst wenn alle Bedingungen in den Kitas wie vor Corona sind, wüsste ich nicht, wie mit dem reduzierten Personal reguläre Betreuungszeiten eingehalten werden könnten.“ Vielen Eltern sei nicht bewusst, dass es ein einfaches Zurück in die Vor-Corona-Zeit nicht geben könne. Und doch: Jetzt schöpften die Eltern wieder Hoffnung.