Gabenzaun
Der Gabenzaun für bedürftige Menschen beim Bahnhof Durlach wächst. Der Initiator mit dem Künstlernamen Loco Dias betreut ihn, hier zusammen mit Sandy Bleyer. | Foto: ke

Reaktion auf Coronakrise

Ostereier, Schuhe und Obst: Immer mehr Gabenzäune in und um Karlsruhe

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Karlsruhes größter Gabenzaun bietet bedürftigen Menschen beim Bahnhof Durlach frisches Obst, haltbare Lebensmittel, Kleidung, warme Decken und die Möglichkeit, mit Wasser und Seife die Hände zu waschen. Das privat initiierte Hilfsprojekt wächst und bekommt einen Ableger nach dem anderen, auch an der Lutherkirche in der Oststadt.

Die Lutherkirche in der Oststadt ist ein Standort, der demnächst größte Unterstützung erfährt – und zwar durch die Kirchengemeinde selbst.

In der Corona-Krise hat der Durlacher Initiator innerhalb kürzester Zeit bisher 16 Gabenzäune aus dem Nichts geschaffen. Der 36-Jährige bestückt und kontrolliert sie nun regelmäßig und gibt Nachahmern Tipps. Bis in die Niederlande reicht sein Netzwerk.

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Loco Dias betreut den Gabenzaun in Durlach und 15 weitere

Der Aufdruck auf dem T-Shirt des Mannes mit dem Künstlernamen Loco Dias ist Programm. „Bin da! Kann losgehen.“ steht auf seiner breiten Brust, als der zusammen mit Sandy Bleyer in der Sonne auf dem Gehweg zwischen der Pestalozzischule und dem Bahnhof Durlach sitzt.

Der Standort dieses Angebots für obdachlose und bedürftige Menschen ist mit Bedacht gewählt. Die Brücke trägt die Durlacher Allee, unten schützt sie vor Regen, Sonne und Wind. Meterlang erstreckt sich das Angebot. Jacken und Schals, stabile und gut erhaltene Lederschuhe, eine robuste Tasche und ein Besen stehen und hängen griffbereit.

Eine alte Dame mit kleinem Hund und Rollator schiebt sich an Sandy Bleyer vorbei. Schritt für Schritt geht sie die gut 20 Meter lange Auslage ab und mustert die Einzelteile konzentriert. Schließlich nimmt sie sich eine Plastiktüte, füllt sie und legt sie zum Mitnehmen in den Transportkorb ihrer Gehhilfe.

Einige kommen gleich morgens, aber die meisten warten, bis es abends dunkel wird.

Der Durlacher Künstler Loco Dias über die Menschen, die den Gabenzaun nutzen

„Ich kenne hier die allermeisten, die an den Zaun kommen“, sagt Loco Dias. Er grüßt jede und jeden, bleibt aber abwartend. Viele schämen sich, dass sie bedürftig sind, weiß er. „Einige kommen gleich morgens zwischen 8 und 9 Uhr, aber die meisten warten, bis es abends dunkel wird. Dann kommen sie wie die Ameisen.“

Gefragt sind Konserven, Shampoo, Schuhe

Mit manchen Besuchern aber kommt der Mann, der deutsch und türkisch gleichermaßen gewandt beherrscht, auch ins Gespräch. „Ich frage zum Beispiel, was sie brauchen“, erklärt er. Die Antworten ähneln sich: Hosen, Konserven, Shampoo. „Einmal kam jemand ohne Socken, ein anderer war ganz barfuß“, berichtet er.

Inzwischen kommt Loco Dias richtig viel herum in der Sache. Allein in Karlsruhe bestückt und betreut er weitere Gabenzäune am Lidellplatz, in der Waldstadt und in Hagsfeld. In Rastatt und Gaggenau hat sein Durlacher Vorbild dank eines engagierten Freundes Schule gemacht, in Pforzheim hat ein ganzes Team die Idee übernommen.

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Große Hoffnung setzt der Gabenzaun-Initiator jetzt auf die evangelische Kirchengemeinde in der Oststadt. Denn an der Lutherkirche hat er Aussichten auf einen besonders starken Standort. „Ich habe die Zusage, ich darf Platz nutzen und bekomme auf Wunsch auch in anderen Dingen Unterstützung“, sagt der Moslem. Er findet diese interreligiöse Kooperation genau richtig, wenn es darum geht, bedürftigen Menschen zu helfen.

Beim Bahnhof Durlach ist ein Tisch das Herzstück des Gabenzauns. Darauf liegen in einer Pappstiege  Äpfel und Bananen neben einem Beutel mit Blätterteiggebäck, frischer roter Paprika und einer Packung Brot. Blickfang ist ein Teller voller bunter Ostereier. Die hat ein Privatmann gekocht, eingefärbt und gespendet.

Ostereier
Ostereier gehören neben Konserven und frischem Brot auch zum essbaren Angebot des Gabenzauns in Durlach. Gekocht, gefärbt und gespendet hat die Eier ein Privatmann. | Foto: ke

Dass die Gabenzaun-Idee wächst, stellt Loco Dias und sein Netzwerk von Unterstützern vor neue, größere Aufgaben. Via Facebook sind die ausnahmslos ehrenamtlich tätigen Helfer vernetzt.

Kühlanhänger und Sponsoren gesucht

Auf diesem Weg suchen sie nun auch Sponsoren. Ein Kühlanhänger etwa wäre wichtig, ein Fahrzeug und Lagerraum. Per Mobiltelefon unter der Nummer 0176-43405701 und per E-Mail an locoloco666@icloud.com ist der Gabenzaun-Initiator für Angebote und Nachfragen erreichbar. Ein Privatmann hat dem Durlacher Künstler bereits eine Garage als Umschlagplatz zur Verfügung gestellt.

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Eine kleine Gruppe Unterstützer macht sich wie Loco Dias bei Bedarf auch zu einzelnen Bedürftigen auf. Dabei hat der 36-Jährige schon viel Trauriges gesehen. „Einer hatte nicht mal einen Tisch. Den haben wir dann innerhalb von 30 Minuten per Facebook organisiert.“

Der Kühlschrank war leer. Danach war ich völlig fertig.

Loco Dias über eine Lebensmittelspende an ein Paar, dem trotz Arbeit das Geld fürs tägliche Essen fehlt

Am schockierendsten aber war für Loco Dias die Begegnung mit einem Paar, dem er Lebensmittel brachte. Obwohl beide arbeiten, reicht es vorn und hinten nicht, auch nicht fürs Essen, erzählt der Künstler mit dem Helferherz. „Der Kühlschrank war leer. Oh, Milch, oh, Käse – das sagten die beiden. Danach war ich völlig fertig.“