Der 24-jährige Valentin Mattis aus Bretten ist im Haus Schönblick als Helfer der Aktion „Hilf-im-Heim“ im Einsatz.
Der 24-jährige Valentin Mattis aus Bretten ist im Haus Schönblick als Helfer der Aktion „Hilf-im-Heim“ im Einsatz. | Foto: privat

Aktion „Hilf im Heim“

Freiwillige im Brettener Pflegeheim: „Ich hatte keine Ahnung, wie hart die Arbeit wirklich ist“

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Die Stadt und der Landkreis Karlsruhe haben die Aktion „Hilf im Heim“ ins Leben gerufen, um Alten- und Pflegeheime während der Corona-Krise mit freiwilligen Helfern zu unterstützen. 116 Freiwillige haben sich inzwischen gemeldet. Der Wirtschaftsmathematik-Student Valentin Mattis und die Restaurantfachfrau Michaela Landmesser sind im Haus Schönblick im Brettener Stadtteil Neibsheim im Einsatz. Sie erzählen von einer Arbeit, die zwar physisch und psychisch belastend, aber gleichzeitig auch eine Bereicherung ist.

„Es war sofort klar, dass ich helfe“, erzählt der Brettener Valentin Mattis von seiner ersten Reaktion auf die Aktion „Hilf im Heim“. Landrat Christoph Schnaudigel, Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD), Brettens Oberbürgermeister Martin Wolff (parteilos) sowie Timur Ozcan (SPD), Bürgermeister von Walzbachtal hatten Anfang April einen Aufruf gestartet, um Freiwillige für den Einsatz in Pflegeheimen zu finden.

Hier geht es zum Kontaktformular der Aktion „Hilf im Heim“ auf der Internetseite der Stadt Karlsruhe.

Denn vielerorts war zu diesem Zeitpunkt die Personaldecke durch Mitarbeiter, die selbst infiziert oder als Kontaktperson in häuslicher Isolation waren, dünn geworden. Bei der Stadt und dem Landkreis Karlsruhe haben sich seither 116 Freiwillige gemeldet und ihre Unterstützung angeboten.

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Der 24-jährige Valentin Mattis ist seit Anfang an mit dabei und hilft im Alters- und Pflegeheim Haus Schönblick im Brettener Stadtteil Neibsheim aus. Das machte zuletzt Schlagzeilen, weil drei von vier Bewohnern sowie ein Drittel der 160 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert waren, 36 Bewohner sind gestorben.

Hinweis der Redaktion
In einer früheren Version dieses Artikels haben wir von 30 Toten geschrieben. Das haben wir korrigiert.

Geschont wurde Mattis, der eigentlich Wirtschaftsmathematik am KIT studiert, nicht. „Es ging ohne Verschnaufpause Schlag auf Schlag“, erzählt er von seinem ersten Tag, „man rennt von Zimmer zu Zimmer und schwitzt permanent in der Schutzausrüstung“.

Ich hatte davor keine Ahnung, wie hart die Arbeit wirklich ist.

Valentin Mattis, Freiwilliger bei „Hilf im Heim“

Vorkenntnisse in der Pflege hatte Mattis nicht, lediglich einen Erste-Hilfe-Kurs und ehrenamtliches Engagement wie Fahrdienste beim Pflegedienst Kooperation Respekt. „Ich hatte davor keine Ahnung, was Pflege bedeutet, und wie hart die Arbeit wirklich ist“, resümiert er nach seinen ersten Wochen im Pflegeheim. Viereinhalb Kilo hat er seither abgenommen.

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Physisch und psychisch gehe man an die Belastungsgrenze. Es sei ein unvorstellbares Gewicht, wenn jemand wirklich nicht mehr aus eigenem Antrieb aus dem Bett käme, aber umgelagert werden müsse. Und es sei sehr traurig, wenn ein Bewohner am nächsten Tag gestorben ist.

Humor trägt durch den Alltag in der Corona-Krise

„Ich habe größten Respekt vor den Pflegern, die das täglich machen“, sagt der 24-Jährige. Trotz allen widrigen Umständen habe er aber noch nie so viel Spaß bei der Arbeit gehabt. Ein gewisser Humor trage alle Kräfte durch den harten Corona-Alltag. Valentin Mattis möchte weiterhelfen, bis sein Studium wieder anfängt, und würde es auch wieder machen: „Ich empfehle jedem zu helfen, wenn er kein Risiko für sich sieht.“

„Angezogen wie die Marsmenschen“

Definitiv wieder helfen würde auch Michaela Landmesser, die ebenfalls im Haus Schönblick als Freiwillige im Einsatz ist. „Die brauchen wirklich Hilfe“, war ihr sofort klar. An einem Samstag hatte sie ihre Unterstützung angeboten, am Sonntag war sie schon im Schutzanzug – „angezogen wie die Marsmenschen“ – im Heim unterwegs.

Bewohner waren schlecht drauf

Eine Idee, was auf sie zukommen könnte, hatte die 33-jährige Restaurantfachfrau aus Rinklingen, denn sie hatte bereits Erfahrungen durch ein FSJ im Altenheim und eine nicht abgeschlossene Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin.

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„Nach dem ersten Tag dachte ich: ,Oh mein Gott’“, erzählt sie, „es gab einen absoluten Fachkräftemangel, die Bewohner waren schlecht drauf, viele waren krank“. Nach einigen Tagen habe sie auch Angst vor dem Ausmaß des Virus bekommen. Durch diese Zeit habe sie ihr christlicher Glaube und Musik getragen.

Für viele Bewohner habe sie gesungen, Songs von Patricia Kelly wie „Don’t Lose Hope“. Mit einer Bewohnerin, die ihren Sohn vermisste, aber nicht mal mehr reden konnte, saß sie gemeinsam im Zimmer – beide mussten weinen.

Ich bin am Limit, das geht mir so nah.

Michaela Landmesser, Freiwillige bei „Hilf im Heim“

Einen Schauer über den Rücken gejagt habe es ihr auch jedes Mal, wenn der Bestatter in den Hof gefahren sei, um die Särge zu holen. „Das macht mich ziemlich fertig“, gibt Michaela Landmesser zu, „ich bin am Limit, das geht mir so nah“.

Es sei schön zu sehen, dass es nun wieder aufwärts gehe, aber sie hoffe, dass die Gastronomiebetriebe nach dem 3. Mai wieder öffnen dürften und sie an ihren eigentlichen Arbeitsplatz zurück könne.