Nicht ideal für den TGV: Die Gleise zwisc hen Kehl und Appenweier sollten ausgebaut werden. Doch die Bahn lässt sich Zeit. | Foto: Archiv Heck

Kritik an der Bahn

22 Kilometer zwischen Kehl und Appenweier bremsen TGV und ICE aus

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Mit großer Geste hat die Bahn in diesem Frühjahr Anwohner über den geplanten Ausbau der Gleise zwischen Kehl und Appenweier informiert. Das ist ein Vorhaben von erheblicher Bedeutung – bremst die 22 Kilometer lange Lücke doch den europaweiten Schnellbahnverkehr aus. Doch dass die Bahn in diesen Tagen auf der gleichen Trasse umfangreiche Sanierungsarbeiten startet, lässt nichts Gutes ahnen: Mit dem Ausbau der so genannten Appenweierer Kurve dürfte wohl doch nicht so schnell zu rechnen sein.

Stückwerk auf deutscher Seite

Wie bei der Rheintalbahn, wo die Schweiz längst mit der schwierigen Alpendurchquerung fertig ist während für die Zufahrt in der Ortenau gerade erst am Offenburger Tunnel geplant wird, liefert Deutschland auch zwischen Kehl und Appenweier nur Stückwerk ab – immerhin hatten sich die beiden Länder 1992 in La Rochelle auf den Ausbau der Schnellbahnverbindung geeinigt. Frankreich hat seither einen TGV von Paris bis nach Straßburg gebracht, auf deutscher Seite ist gerade einmal eine neue Rheinbrücke entstanden – vor fast zehn Jahren.

Vage Antworten der Bahn

Auf einen Zeitplan will sich die Bahn aber weiter nicht festlegen lassen. Auf eine umfangreiche schriftliche Anfrage dieser Zeitung antwortet der Leiter der Bahn-Kommunikation im Südwesten, der namentlich nicht genannt werden möchte, vage und ausweichend. Noch gibt es nicht einmal einen Antrag auf ein Planfeststellungsverfahren – obwohl sich das Eisenbahnbundesamt als zuständige Planfeststellungsbehörde erinnert, dass es für die Trasse sogar schon einmal einen Planfeststellungsbeschluss gegeben haben soll. Der aber datiere aus einer Zeit vor Gründung der Behörde, also vor dem Jahr 1994.

Ausbau der Rheintalbahn seit 1987

Die Bahn lässt es in der Region generell gemütlich angehen. 1987 beispielsweise war in Achern der erste Rammstoß für den viergleisigen Ausbau der Rheintalbahn. Gekommen ist man seither gerade einmal bis knapp hinter Appenweier, danach rückte der Streit über die richtige Verkehrsführung in Offenburg in den Vordergrund. Geplante Fertigstellung nach jüngsten Angaben nicht vor 2035. Wenn alles gut läuft. Auch der Ausbau der Appenweier Kurve, ein weitaus kleineres und billigeres Projekt, zieht sich wie Kaugummi. Dem Vertrag von La Rochelle folgte, mit Ausnahme des von Deutschland und Frankreich gemeinsam betriebenen Brückenbaus bei Kehl von 2008 bis 2010 erst einmal – nichts.

Kommunen im Wartestand

Den Kommunen mutet die Bahn in der Zwischenzeit allerdings zu, eigene Pläne auf Eis zu legen,  bis man selbst zu Stuhle kommt. Appenweier beispielsweise konnte jahrelang seine Gewerbegebiete nicht erweitern, weil die Bahn sich drei mögliche Trassenvarianten für die Appenweierer Kurve vorbehielt. Und auch in Kehl dreht man Warteschleifen: „Die Bahn lähmt mit ihrem Vorgehen Entwicklungen, auf die die Anlieger seit Jahren hoffen. Das gilt insbesondere für die Umfahrung von Kork“, sagt der Kehler Oberbürgermeister Toni Vetrano. „Wir haben“, so fügt er hinzu, „inzwischen eine grenzüberschreitende Tram gebaut, während bei der Bahn noch immer nichts passiert“. Man sei im Dialog mit dem Unternehmen, es gehe um die Abstimmung bei der Erschließung von Gewerbegebieten.

„Ein absolutes Trauerspiel“

Auch Nikolas Stoermer, erster Landesbeamter im Offenburger Landratsamt und üblicherweise kein Mann rauer Worte, reagiert inzwischen hörbar ungeduldig: „Ein absolutes Trauerspiel was da abgeht“, sagt er. Die Franzosen hätten Milliarden in ihre Schnellbahnstrecke investiert, „wir haben es gerade einmal geschafft, die Rheinbrücke zu machen“. Deutschland gelinge es nicht, die Situation zu entschärfen, obwohl das mit vergleichsweise geringem Aufwand möglich wäre. Noch immer müsse der TGV zur Anbindung in den Norden die Rheintallinie kreuzen. Appenweier sei gar gänzlich „im Regen stehen gelassen“ worden.

Auch Politik hat gebremst

Die Kritik trifft freilich auch die Politik. Das Vorhaben war 2018 in Gefahr, aus dem vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans zu fliegen – quasi in letzter Minute konnte es dort wieder hineingeschrieben werden. Jetzt legt das Schienenunternehmen praktisch einen Neustart hin.  Die Bedeutung der Strecke räumt die Bahn immerhin ein. „Der gesamte Streckenbereich ist Bestandteil der Magistrale für Europa und damit auch Teil dieser wichtigen europäischen Ost-West-Verbindung“, heißt es.