Diskret bewacht: Eine Polizeistreife parkt am Mittwochnachmittag nahe der Räumlichkeiten der Jüdischen Gemeinde in Pforzheim. In der Synagoge feierten rund 100 Gläubige das Jom-Kippur-Fest.
Diskret bewacht: Eine Polizeistreife parkt am Mittwochnachmittag nahe der Räumlichkeiten der Jüdischen Gemeinde in Pforzheim. In der Synagoge feierten rund 100 Gläubige das Jom-Kippur-Fest. | Foto: pf

Bestürzung in Pforzheim

Angriffe in Halle: Polizisten sichern Pforzheimer Synagoge

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Die Angriffe in Halle haben auch auf Pforzheim ihre Schatten geworfen. Am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, haben auch Polizisten in Pforzheim die Synagoge bewacht. Der Dialogbeauftragte der Jüdischen Gemeinde sagt, er habe mit „so etwas“ bereits gerechnet.

Es ist ein trügerisch ruhiger Mittwochnachmittag in der Emilienstraße in Pforzheim. Dass die Jüdische Gemeinde in der Synagoge Jom Kippur feiert, dringt nicht nach außen, durch die schweren Stahltore am videoüberwachten Eingang des Gebäudes. Etwa 100 Gläubige versammeln sich am höchsten jüdischen Feiertag in Pforzheim, wie der Gemeindevorsitzende Rami Suliman dem Pforzheimer Kurier noch am Dienstag mitteilte.

Überwachung auch in Zivil

Die eine Streife mit zwei Beamten, die in unmittelbarer Nähe der Synagoge parkt, wirkt unscheinbar. Zwei Männer in einem dunklen Fahrzeug unterhalten sich mit dem Streifendienst.

Darüber, ob es sich dabei um Zivilbeamte handelt, die ebenfalls aufgrund der jüngsten Ereignisse in Halle an der Saale im Einsatz sind, kann die Pressestelle der Polizei aus strategischen Gründen keine Auskunft geben. Nachdem in Halle ein Mann und eine Frau in der Nähe einer Synagoge durch Schüsse getötet wurden, waren bundesweit Beamte in Alarmbereitschaft.

Muslime bekunden Solidarität

Die islamische Religionsgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat hat bereits ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinde bekundet. Auch SPD-Bundestagsabgeordnete Katja Mast zeigt sich erschüttert von den „entsetzlichen“ Nachrichten und mahnt, dass solche religiös motivierten Verbrechen nie wieder vorkommen dürften.

Verbesserung der Sicherheit gefordert

„Ich habe damit gerechnet, dass so was passieren würde“, sagt der Dialogbeauftragte der Jüdischen Gemeinde, Andrew Hilkowitz. „Der Antisemitismus hat sich in den letzten Monaten aufgeschaukelt.“ Manche Gemeindemitglieder gingen aus Angst gar nicht mehr in die Synagoge.

Die dortigen Sicherheitsvorkehrungen müssten „noch sehr verbessert werden“ und seien in den vergangenen Jahren vernachlässigt worden. „Schleusen“, die einige Gebetshäuser zwecks Besucherkontrolle eingerichtet hätten, seien vielerorts nicht genutzt worden. Neben diesen könnten auch Wachdienste für Sicherheit sorgen, so Hilkowitz.

Anfeindung durch Rechtsradikale in Pforzheim

Zuletzt war die Pforzheimer Synagoge im Mai im Blickpunkt: Damals hatten Aktivisten der rechtsextremen Kleinstpartei „Die Rechte“ vor dem jüdischen Gotteshaus mit einem Lautsprecherwagen für Aufregung gesorgt.

Was laut Partei eine Europawahlveranstaltung war, wurde in Pforzheim vielfach als gezielte Provokation gesehen. Europa-Spitzenkandidatin der Rechten war die Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck, die seit Mai 2018 wegen Volksverhetzung im Gefängnis sitzt.

Die Religionsgemeinschaften in Karlsruhe laden nach dem Anschlag in Halle zu einer Solidaritätsmahnwache vor der jüdischen Kultusgemeinde ein, am heutigen Donnerstagabend um 18 Uhr in der Knielinger Allee bei der Synagoge.