Einem Ticketbetrug ist offenbar Tanja Averna aus Pforzheim aufgesessen. Sie kaufte Karten für das Musical „Eis am Stiel“ – Beschwerden gibt es bundesweit.
Einem Ticketbetrug ist offenbar Tanja Averna aus Pforzheim aufgesessen. Sie kaufte Karten für das Musical „Eis am Stiel“ – Beschwerden gibt es bundesweit. | Foto: Roth

1400 verärgerte Käufer

Fake-Veranstaltungen: Keine Auftritte und kein Geld zurück

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Das erste Mal wurde Tanja Averna stutzig, als sie die Karten in der Hand hielt. „Reihe 23, Platz 3“, steht in Handschrift auf den dünnen Tickets für das Musical „Eis am Stiel“. Dass das schöne Geburtstagsgeschenk für ihren Vater wertlos ist, hat sie aber erst kurz vor der Aufführung Ende April im CongressCentrum Pforzheim gemerkt.

An der Eingangstür hing ein Blatt: „Das Musical Eis am Stiel findet nicht statt. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an den Veranstalter.“ Um die 300 Euro haben ihre fünf Karten gekostet – das Geld bekam Averna noch nicht zurück.

1400 verärgerte Ticketkäufer

Mittlerweile gibt es bundesweit Ticketkäufer, die sich über ausgefallene Veranstaltungen von „Tico Ticket Collection“ ärgern – und darüber, dass sie kein Geld zurück bekamen. Im Online-Netzwerk Facebook haben sich über 1 400 verärgerte Ticketkäufer in der Gruppe „Danke für Nichts Eis! Eis am Stiel“ versammelt. Das Musical baut auf eine bekannte Filmreihe aus den Siebzigern auf. Das Musical sollte in mehreren Städten aufgeführt werden, die Veranstaltungen fanden aber nur selten tatsächlich statt.

100 Anzeigen erstattet

Die zahlreichen Vorfälle mit dem Unternehmen „Tico Ticket Collection“ bestätigt Ingo Kechichian. Der Sprecher der Frankfurter (Oder) Staatsanwaltschaft spricht von etwa 100 Geschädigten, die Anzeige erstattet haben. „Das ist schon eine größere Nummer. Die Ermittlungen stehen kurz vor dem Abschluss.“ Ob Anklage gegen den Unternehmensinhaber erhoben wird, ist aber noch unklar.

„Eis am Stiel“ keine Ausnahme

Noch mehrere seiner Veranstaltungen, etwa „Circus in Afrika“, „Michael Jackson Memory Tour“ oder „The Greatest Hits Of Pink Floyd“ fanden nicht statt. Bereits vor neun Jahren wurde er laut Kechichian vom Amtsgericht in erster Instanz wegen Betrugs verurteilt, das Landgericht sprach ihn dann aber frei.
Damals wie heute gab der Veranstalter an, er habe den Überblick über die Zahlungen verloren, wolle das Geld aber zurückzahlen.

Schlupfloch erschwert Ermittlungsarbeit

Und da ist der Haken für die Ermittler: Manche Veranstaltungen finden statt, manchen Ticketkäufern hat er nachweislich Geld zurückgezahlt. „Betrug ist es nur dann, wenn er sie von vornherein schädigen wollte“, sagt Kechichian. „Man kann ihm hier nur die Masse vorwerfen, er schädigt die Leute.“ Von einer bekannten Schadenssumme von 15.000 Euro könne man ausgehen. Wenn es sich um Betrug handelt: Wo liegt dann der Gewinn für diesen Veranstalter? „Er zahlt womöglich denen, die am lautesten schreien. Einige werden hinten runterfallen – das wäre dann sein Gewinn.“

Laut Verbraucherzentrale kein Einzelfall

Die Verbraucherzentrale hat einige Ticketkäufer in dieser Sache beraten. „Und das ist sicher nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Oliver Buttler. Der Abteilungsleiter für Verbraucherrecht erklärt zu diesem Fall: „Man hat Anspruch auf Rückzahlung des Preises – ob man Geld sieht, muss man aber realistisch sehen.“ Dieser Fall sehe nach einer vorsätzlichen Insolvenz aus. Es gebe prominente Fälle: Etwa wurden Auftritte der Komikerin Carolin Kebekus oder der Band Rammstein erfunden. Fans kauften gefälschte Tickets für nie geplante Veranstaltungen.

Wie solchen Betrug vermeiden?

Buttler rät, im Vorfeld eines Kaufs zu recherchieren: „Ist es ein neuer Anbieter? Gibt es Proben, Drehtage? Haben die Medien vorab berichtet?“ Im Gegensatz zu Betrügereien in anderen Branchen haben Ticketbetrüger einen zeitlichen Vorsprung. Die Geschädigten merken oft erst spät nach dem Kauf, dass sie betrogen worden sind.

Maßlose Enttäuschung in Pforzheim

Für Tanja Averna aus Pforzheim bleibt nach der ausgefallenen Veranstaltung ein teures Geburtstagsgeschenk, das letztlich keines war. „Mein Vater kannte die Filme noch von früher. Er war maßlos enttäuscht“, sagt sie. „Eine Riesensauerei – da steckt System dahinter.“