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Filmbranche in der Region

Der Berlinale-Film „Die Saat“ wurde in Baden-Baden gedreht und produziert

Nach acht Jahren ist die Baden-Badener Filmfirma Kurhaus Productions wieder mit einem Film auf der Berlinale. Doch wegen Corona läuft das Festival vorerst ohne Kinopublikum. Ein Interview mit Produzent Christoph Holthof.

Drama um Integrität in schweren Zeiten: Hanno Koffler spielt die Hauptrolle in dem Film „Die Saat“, der im Corona-Sommer 2020 in Baden-Baden und Umgebung entstand und nun auf der Berlinale präsentiert wird. Foto: kurhaus production

Zwischenmenschliche Dramen mit hochkarätiger Besetzung, gedreht an Schauplätzen in der Region – das ist ein Markenzeichen der Filmfirma „kurhaus production“ aus Baden-Baden.

Ihr TV-Drama „Unter Nachbarn“ (2011) brachte Hauptdarsteller Charly Hübner die Goldene Kamera ein, ihr Kinofilm „Freier Fall“ fand bei der Berlinale 2013 viel Resonanz. Mit ihrem jüngsten Film „Die Saat“ sind die Kurstädter nun erneut bei der Berlinale vertreten.

Gedreht wurde das Drama um einen degradierten Bauleiter (gespielt von Hanno Koffler), der am Arbeitsplatz um Gerechtigkeit kämpft und auch im Privatleben unter Druck gerät, im Corona-Sommer 2020 in Baden-Baden und Umgebung.

Über die erschwerten Dreharbeiten, die weiteren Pläne für den Film und die Bedeutung einer Berlinale ohne Publikum sprach Produzent Christoph Holthof mit unserem Redaktionsmitglied Andreas Jüttner.

Sie sind mit einem Film auf der Berlinale– und irgendwie doch nicht, weil das Festival derzeit ja nur für Fachbesucher im Internet präsentiert wird. Wie fühlt sich das an?
Christoph Holthof

Im ersten Moment war es bei der Umplanung des Festivals schon schade: Man ist nach acht Jahren endlich wieder bei der Berlinale – und dann erstmal ohne Publikum. Seit unserem Berlinale-Debüt 2013 mit „Freier Fall“ war es immer unser Ziel, mal wieder dort zu landen. Im November wurde klar, dass es klappt – und damals waren die Veranstalter sehr zuversichtlich, ein Präsenzfestival zum gewohnten Termin durchführen zu können.

„Die Saat“ läuft jetzt, wie auch damals „Freier Fall“, nicht im Wettbewerb, sondern in der Kategorie „Perspektive Deutsches Kino“. Besteht in einer solchen Nebenreihe nicht die Gefahr, dass der Film im sehr umfangreichen Festivalprogramm untergeht?
Holthof

Mit „Freier Fall“ haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Der Film stieß damals auch international auf großes Interesse. Natürlich gehört Glück dazu, in der Menge der Filme nicht unterzugehen. Wir haben mit diesem Drama über einen jungen Polizisten, der sich in einen Kollegen verliebt, vielleicht auch einen Nerv getroffen. Und wir hatten eine starke Besetzung mit Hanno Koffler, der jetzt auch die Hauptrolle in „Die Saat“ spielt, und Max Riemelt, der unlängst mit Keanu Reeves für „Matrix 4“ gedreht hat.

Was bedeutet „international großes Interesse“?
Holthof

„Freier Fall“ wurde damals in viele Weltregionen verkauft, so dass ihn dort Verleihfirmen in die Kinos, auf Festivals und bei Streamingdiensten platziert haben. Unter anderem hat er in den USA und Südamerika voll eingeschlagen. Der internationale Trailer des US-Verleihs hat 22 Millionen Aufrufe – das ist die Dimension großer Blockbuster. Max Riemelt, mit dem wir 2019 auch den Film „Kopfplatzen“ gemacht haben, wird bis heute im US-Geschäft auf „Freier Fall“ angesprochen.

Aufmerksamkeit entsteht bei der Berlinale ja auch durch Publikumsresonanz. Die fällt nun im März zunächst weg. Was erwarten Sie von der Platzierung im Online-Festival?
Holthof

Neben dem öffentlichen Programm gibt es auf der Berlinale ja ohnehin immer einen großen Filmmarkt für Fachbesucher. Dieser findet jetzt eben online statt, und unser deutscher Verleih Missing Films nutzt ihn, um Kinobetreiber auf den Film aufmerksam zu machen. Auch für die Suche nach einem Weltvertrieb ist die Berlinale ideal, weil dort wirklich alle vertreten sind. Wir haben bereits Anfragen und hoffen, am Ende der Woche in der Situation zu sein, nicht mehr suchen zu müssen, sondern uns entscheiden zu können.

Wie würde es danach für den Film weitergehen?
Holthof

Bis er regulär ins Kino kommt, wird es wahrscheinlich bis Anfang 2022 dauern. Im Moment ist ja nicht absehbar, wann die Kinos wieder öffnen können. Richtig anlaufen wird das Geschäft dort wohl erst, wenn ab Herbst wieder einige Blockbuster laufen.

Die Coronakrise beeinflusst jetzt die Auswertung des Films – inwiefern hat sie auch seine Entstehung geprägt?
Holthof

Sehr stark. Geplant war der Dreh für das Frühjahr 2020, das war dann natürlich erst mal nicht möglich. Diese Phase war eine der schwierigsten Zeiten für unsere Firma, weil man gar nicht wusste, ob und wann es weitergeht. Gerade im Filmgeschäft ist das problematisch. Für einen Dreh engagiert man ein Team von 40 bis 50 Leuten, die fast alle freiberuflich arbeiten und für die man dann auch Verantwortung hat.

Wie lief der Dreh dann ab?
Holthof

Als Lockerungen absehbar wurden, haben wir uns entschieden, die Handlung konsequent im Sommer anzusiedeln. Wir wollten ohnehin vorwiegend außen drehen. Es wurden alle Beteiligten vor Drehbeginn getestet, und auch jeder, der während des Drehs neu hinzukam. Permanente Tests hätten wir uns allerdings nicht leisten können. Daher war das Konzept, dass wir als Gruppe in einer Art Großquarantäne ohne Außenkontakte bleiben. Weil alle verantwortungsvoll mitgemacht haben, hat das zum Glück funktioniert, denn es gab damals noch keine Möglichkeit, sich gegen einen Ausfall zu versichern. Hätten wir den Dreh für zwei Wochen unterbrechen müssen, hätten wir das selber zahlen müssen.

Ist jetzt, wo der Film fertig ist, alles in trockenen Tüchern?
Holthof

Noch ist ja wegen Corona die Frage offen, ob der Film tatsächlich einen Kinostart haben wird. Das wäre uns sehr wichtig – nicht nur wegen der finanziellen Kalkulation, sondern weil er für die große Leinwand gemacht ist. Das gilt für die Bilder und die Ruhe der Erzählung, auch für die Intensität mancher Szene und den Aufbau der Geschichte. Auf all das lässt man sich im Kino anders ein als zuhause vorm Bildschirm.

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