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„Nicht warten, bis Bauwerke kaputt gehen“

KIT-Professor plädiert für bessere Pflege der öffentlichen Infrastruktur

Die Brücke von Genua ist das schlimmste Beispiel der jüngeren Vergangenheit. Die Behörden haben gewartet, bis das Bauwerk einstürzt. Andreas Gerdes, Professor für Bauchemie, beschäftigt sich mit der Vermeidung von Bauschäden und setzt auf Prävention.

Neue Ideen: Andreas Gerdes ist Professor für Bauchemie. Er erklärte dem Bühler Gemeinderat, wie Kommunen teure Bauschäden vermeiden können. Foto: Ulrich Coenen

Der Unterhalt der beinahe zahllosen öffentlichen Gebäude war der öffentlichen Hand jahrzehntelang lästig, weil teuer. Das gilt vor allem auch für Kommunen. Bei den Hochbauten gehe die Stadt mitunter bis an die „Schmerzgrenze“, räumte Wolfgang Eller, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung – Bauen – Immobilien im Bühler Rathaus, am 18. Februar 2014 gegenüber dieser Redaktion ein. Für jeden Haushaltsplan steht ein neuer Kampf um die Finanzmittel an.

Offensichtlich gibt es aber jetzt ein Umdenken bei den Kommunen. Andreas Gerdes, Professor für Bauchemie an der Hochschule Karlsruhe und Abteilungsleiter für Chemie mineralischer Grenzflächen am Institut für Funktionelle Grenzflächen im Karlsruher Institut für Technologie (KIT), referierte im Bühler Gemeinderat über Prävention.

Was der Chemiker zu sagen hatte, fand in der Stadtverwaltung und im Gemeinderat großes Interesse. Oberbürgermeister Hubert Schnurr hatte den Vortrag vorab bei einer Pressekonferenz mit großen Vorschusslorbeeren bedacht. Er versprach nicht weniger als einen neuen Denkanstoß.

Anti-Aging für Hoch- und Tiefbau

Gerdes und sein Team wollen den Alterungsprozess von Bauwerken des Hoch- und Tiefbaus gemeinsam mit Industriepartnern den Alterungsprozess verlangsamen und deren Lebensdauer verlängern. Der Hochschullehrer forderte ein radikales Umdenken im Bauwesen. Statt die anfänglichen Baukosten so niedrig wie möglich zu halten, sollten die Kommunen die Kosten für den gesamten Lebenszyklus betrachten.

Auf Dauer sei das die preiswerteste Lösung. Das Interesse der Städte und Gemeinden an seiner Arbeit wächst nach Gerdes Auskunft seit etwa fünf Jahren. Vorher war es offenbar überschaubar, widerspricht es doch der seit Jahrzehnten üblichen Praxis der öffentlichen Hand. „Wir müssen bei Bauwerken weg von den Begriffen kaputt oder nicht kaputt“, forderte der Professor.

Gerdes forderte eine nachhaltige kommunale Infrastruktur vom Kanal bis zur Schule. „Die gemeinsame Größe dafür sind die Werkstoffe“, stellte er fest. „Beton spielt dabei eine zentrale Rolle.“ Er berichtete über einen Investitionsstau von 160 Milliarden Euro in der Bundesrepublik. „Mit dem klassischen Ansatz kommen wir nicht weiter, sonst würden wir nicht in diesem Schlamassel stecken“, warnte er.

So lange haben aber nur die Brücken der alten Römer gehalten
Andreas Gerdes, Professor für Bauchemie

Eigentlich seien Bauwerke wie Brücken oder Tunnel für eine Lebensdauer von 80 bis 120 Jahren geplant. „So lange haben aber nur die Brücken der alten Römer gehalten“, stellte Gerdes fest. Schäden treten schon noch wenigen Jahrzehnten auf. „Die Prüfingenieur prüft eine Brücke nur alle sechs Jahre“, berichtet der Wissenschaftler.

„Er reagiert dabei nur auf Schäden. Wir agieren also nicht. Wir müssen in Zukunft vorausschauend handeln. Wir müssen wissen, in welchem Zustand sich jedes Bauwerk befindet. Nur dann können wir Prioritäten setzen.“

Gerdes stellte fest, dass die öffentliche Hand keine Prävention kennt, sondern schlichtweg und ergreifend wartet, bis ein Gebäude kaputt ist, bis sie handelt. Das wird dann regelmäßig sehr teuer. „Wir kontrollieren bis zum Versagen der Bauwerke“, klagte er.

Nicht nur Erstellungskosten spielen eine Rolle

Das will der Chemiker ändern. Er will in Zukunft nicht mir nur mit den Erstellungskosten, sondern dem gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks rechnen. „Instandsetzungen sind extrem aufwendig und versagen meist nach wenigen Jahren erneut“, kritisierte er die heutige Methode. Stattdessen sollen die Bauwerke gepflegt werden, bevor sie kaputt sind.

„Der Ansatz ist die Verlängerung der tatsächlichen Lebensdauer“, sagte Gerdes. „Dabei müssen alle Akteure vom Baustoffhersteller an einbezogen werden.“ Die Prävention gibt es nicht gratis. Gerdes rechnet mit fünf Prozent der Entstehungskosten eins Bauwerks. „Wenn man an den richtigen Stellen ansetzt“, meinte er. „Frühzeitig analysieren und geeignete Maß nahmen ergreifen, bevor die Schäden eintreten ist der richtige Weg.“ Malsch ist übrigens eine Modellgemeinde, mit der Gerdes bereits zusammenarbeitet.

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