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Gespräch mit drei Experten

Erholt sich die Natur wegen der Corona-Beschränkungen?

„Endlich kann sich die Natur erholen“, „Jetzt heilt die Natur“: Solche Aussagen tauchen derzeit immer wieder im Gespräch und in sozialen Medien auf. Aber was ist dran an solchen Aussagen? Gespräche mit drei Fachmännern zeigen: Nicht viel.

Die Natur hat Gelegenheit zu heilen: Das ist derzeit eine gängige Aussage in Gesprächen und sozialen Medien. Im Hintergrund steht die Annahme, Tiere und Pflanzen müssten eindeutig von den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den menschlichen Alltag profitieren. Foto: Symbolfoto: ysbrandcosijn / stock.adobe.com

„Endlich kann sich die Natur erholen“, „Jetzt heilt die Natur“: Solche Aussagen tauchen derzeit immer wieder im Gespräch und in sozialen Medien auf. Als Beleg dienen Tiere, die auf Wegen, in Städten oder Häfen gesichtet werden, der klare Himmel, der strahlende Sonnenschein. Alles dank der Ausgangsbeschränkungen wegen des Coronavirus, der reduzierten Produktion, des geringeren Luft- und Straßenverkehrs. Aber was ist dran an solchen Aussagen? Gespräche mit drei Fachmännern zeigen: Nicht viel.

Das Problem beginnt schon bei der Frage, was mit einer „erholten“ Natur überhaupt gemeint ist. „Das pauschal in den Raum zu werfen, finde ich falsch“, sagt der Wildbiologe Peter Sürth. Es handle sich schließlich um ein hochkomplexes System mit vielen ineinandergreifenden Elementen.

Einen Ansatzpunkt für die Frage nach der Erholung sieht er im Stichwort „Artenvielfalt“. „Das Ökosystem ist insgesamt geschwächt“, erklärt Sürth. „Je vollständiger ein ökologisches System ist, desto stabiler ist es.“

Der Wildbiologe Peter Sürth hat unter anderem das Leben von Wölfen, Bären und Luchsen erforscht. Sein Schwerpunkt sind Konflikte zwischen Mensch und Tier in einem gemeinsamen Lebensraum. Er vermittelt sein Wissen als Referent (unter anderem bei Vorträgen im Gernsbacher Infozentrum Kaltenbronn), als Autor und bei offenen Exkursionen in Länder wie Rumänien und Spanien.

Der Ökologe Marc Förschler leitet den Fachbereich Ökologisches Monitoring, Forschung und Artenschutz im Nationalpark Schwarzwald.

Der Biologe Martin Klatt ist Referent für Arten- und Biotopschutz beim Nabu Baden-Württemberg und Vorsitzender des Kreisverbands Rastatt.

Doch um Artenreichtum zu fördern, nützt es nichts, sich einige Wochen daheim aufzuhalten, das Auto stehenzulassen und Betriebe dichtzumachen. „Ich glaube nicht, dass das einen nachhaltigen Einfluss hat“, sagt Sürth. „Sobald wir in den normalen Rhythmus zurückgehen, haben wir die normale Belastung wieder.“

Menschen haben mehr Muße, ihre Umwelt wahrzunehmen

Möglicherweise können Pflanzen und Tiere vorübergehend ungestörter wachsen, fressen und sich vermehren. Füchse laufen vielleicht etwas früher oder später als üblich durch Siedlungen, Rehe naschen in Gärten Sprößlinge, Hasen hopsen munter durch Wiesen.

Dass Menschen sie dabei häufiger bemerken, ist kein Beleg, dass es ihnen besser geht als sonst. „Wir haben verschiedene Wildtiere, die ständig durch unsere Siedlungsbereiche laufen“, sagt Sürth. Nur hat man mehr Gelegenheit und Muße, sie wahrzunehmen.

Keine Effekte in Corona-Krise im Nationalpark Schwarzwald

Auch der Ökologe Marc Förschler findet die Bilder aus aller Welt von Delfinen in Häfen, Hirschen in Gärten und Nashörnern auf exotischen Straßen wenig aussagekräftig. Dass Tiere Gebiete erkunden, in denen ausnahmsweise wenig los ist, überrascht ihn nicht. Solche Fotos kursieren im Internet immer wieder. „Das wird jetzt alles rausgekramt und damit in Verbindung gebracht.“

Im Nationalpark Schwarzwald beobachtet Förschler keine nennenswerten Auswirkungen für die Natur. Der Wald ist nach wie vor ein beliebtes Ziel für Wanderer und Radfahrer. Die Tier- und Pflanzenwelt ist insofern derselben Belastung ausgesetzt wie üblich.

Das hat nicht die Effekte, die sich manche hier erhoffen.
Marc Förschler, Nationalpark Schwarzwald

Anders sehe das womöglich in Gebieten aus, die derzeit komplett abgeschlossen sind, wie Inseln im Wattenmeer oder Gebiete im Hochgebirge. „Das sind aber auch nur kurzfristige Effekte“, sagt Förschler.

Dasselbe gelte für bessere Luftqualität. Langfristig wird wieder Alltag einkehren – und mit ihm Smog und Feinstaub. „Das hat nicht die Effekte, die sich manche hier erhoffen.“

Langfristige Verbesserungen erfordern nachhaltiges Handeln

Was also kann man tun, wenn man auf lange Sicht etwas verbessern möchte? Die große Lektion, die die Biologen mit auf den Weg geben, ist: Man muss sich bewusst werden, welchen Einfluss das eigene Handeln auf alle Organismen im Ökosystem hat.

Sprich: Es läuft auf das vielfach geforderte nachhaltige, ressourcenschonende Leben und Wirtschaften hinaus. Und auf den Willen, anderen Lebewesen Platz im gemeinsamen Lebensraum zuzugestehen.

Gute Lebensräume sind ein zentrales Thema

„Wichtig für den Fortbestand von Tier- und Pflanzengemeinschaften sind die Ressourcen, die ein Lebensraum zu bieten hat – oder eben nicht“, sagt der Biologe Martin Klatt. Also zum Beispiel Nahrung, Unterschlupf, Artgenossen.

„Worunter Tiere und Pflanzen heute vor allem leiden, ist weniger das Alltagsverhalten von uns Menschen. Es sind die massiven Lebensraumveränderungen, die wir über Jahrzehnte bewirkt haben. Die intensive Landnutzung, die stetig gewachsenen Wohn- und Gewerbegebiete, das immer dichter geknüpfte Verkehrswegenetz, begradigte Bäche, gerodete Hecken haben die Landschaftsqualität drastisch verschlechtert.“

Es sind die Mini-Bausteine, die am Ende helfen.
Peter Sürth, Wildbiologe

Wer jenseits der politischen und wirtschaftlichen Bühne etwas verbessern will, kann im Kleinen beginnen. Er kann nachhaltige Produkte einkaufen oder im Garten Wildblumen als Nahrung für Insekten zulassen.

Bäume nicht unnötig zu fällen, Pflastersteine ohne chemische Mittel zu reinigen, sich aus Rücksicht an die Waldwege zu halten: „Das sind alles Kleinigkeiten, auf die man achten kann“, sagt Peter Sürth. „Es sind diese Mini-Bausteine, die am Ende helfen.“

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