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Stille Nacht, einsame Nacht

Warum Valentin Weihnachten alleine in Gaggenau verbringt

Valentin Kasper lebt im Obdachlosenheim in Gaggenau. Weihnachten verbringt der junge Mann alleine. In der Benz-Stadt hat er keine Freunde. Sein einziges Hobby: Foto-Touren mit dem Fahrrad. Das Porträt eines Mannes, der an Weihnachten keine Geschenke erwarten kann.

Freudloses Fest: Valentin Kasper hat oft ein Lächeln auf den Lippen. Heiligabend wird der junge Mann aber alleine verbringen. Foto: Körner

Valentin Kasper ist einsam. Auch an Weihnachten. „Ich kenne hier niemanden“, sagt der 38-Jährige. Seit mehr als zwei Jahren lebt er in einem Obdachlosenheim in der Waldstraße. Seine Eltern sind gestorben. Kontakt zu anderen Familienmitgliedern hat er nicht. „Vielleicht gehe ich an Heiligabend kurz ins Restaurant am Waldseebad“, sagt Valentin, „aber die meiste Zeit bin ich alleine.“

Als ich das Obdachlosenheim betrete, weiß ich nicht, was mich erwartet. Die Haustür steht offen, der triste Flur wirkt wenig einladend. Stimmengewirr im ersten Obergeschoss. Es klirren Flaschen. Valentin wohnt unten. Als ich klopfe, blickt er unsicher aus dem Türspalt.

Wie er Weihnachten feiere und ob er mir seine Geschichte erzählen wolle, frage ich. Valentin öffnet die Tür: „Komm‘ rein.“ Im Haus gebe es oft Ärger, erzählt er. Alkohol und Vandalismus. „Hier lasse ich niemanden rein“, sagt Valentin, „außer dir.“

Wenn Valentin spricht, lachen seine Augen

Seine Wohnung ist spartanisch eingerichtet, aber auffällig sauber: „Das ist mir wichtig.“ Wir setzen uns in die Küche. Durch das kleine Fenster fällt wenig Licht. Valentin trägt Jeans und eine schwarze Jacke, in der Wohnung ist es kühl. Er ist klein, zierlich, trägt kurze Haare und Dreitagebart. Wenn Valentin spricht, lachen seine braunen Augen.

„Am liebsten fahre ich mit dem Rad durch das Murgtal und fotografiere die Landschaft“, erzählt er und zeigt mir seine Bilder auf dem Handy. Sein blaues Fahrrad, es steht in der Küche, ist sein bester Freund. „Bis nach Forbach fahre ich“, sagt er, „das bringt mir Abwechslung.“

Die Miete kostet 180 Euro

Die Unterkunft in der Waldstraße liegt abseits, Freunde hat er hier keine. Manchmal, erzählt er, übernehme er kleinere Arbeiten oben am Restaurant. Geld will er dafür nicht: „Ich freue mich über ein warmes Essen und eine Spezi.“ Valentin bezieht Hartz IV. Die Miete für seine Unterkunft kostet 180 Euro.

Als Kind kam er mit seinen Eltern aus Kasachstan nach Deutschland. Bis heute ist sein Deutsch brüchig. Eine Berufsausbildung hat er nicht. In Ettlingen arbeitete er als Landschaftsgärtner, bis zu seiner Kündigung vor drei Jahren. „Seither suche ich einen neuen Job“, sagt Valentin. 30 Bewerbungen habe er geschrieben – ohne Rückmeldung.

Einzelgänger im Wohnheim

Was Valentin nicht erzählt: Bei den Murgtal-Werkstätten in Ottenau flog er raus. „Er galt als nicht integrierbar“, heißt es dazu aus der Stadtverwaltung. Auch im Obdachlosenheim ist Valentin unbeliebt. Oft schwärzt er seine Mitbewohner bei der Polizei an. Wegen kleinerer Sachbeschädigungen und Streitereien. „Mit denen da oben“, er zeigt zur Decke, „will ich nichts zu tun haben.“ Valentin will ausziehen, eine teurere Wohnung kann er sich aber nicht leisten.

Ich kann mich daran nicht erinnern.
Valentin spricht nicht gerne über seine Kindheit.

Über seine Kindheit spricht er ungern. Wie er Weihnachten mit seinen Eltern gefeiert habe, will ich wissen. Valentin zögert, er schaut zur Seite. „Ich kann mich nicht daran erinnern“, sagt er schließlich. Er ist freundlich, aber scheu. Nur wenn er über seine Fotografien spricht, taut Valentin auf. Immer wieder zeigt er mir seine Bilder: „Schau‘ her. Schön, oder?“ In diesem Momenten wirkt er auf mich wie ein Kind, das Bestätigung sucht. Unsicher. Liebenswert.

Einsame Festtage

Als wir uns verabschieden, frage ich, ob ihn die Einsamkeit an Weihnachten bedrückt. Valentin zuckt mit den Schultern: „Ich habe mich daran gewöhnt.“

Obdachlosen-Unterkünfte in Gaggenau:

Die Stadt Gaggenau beherbergt 21 Obdachlose in drei Unterkünften. Zwei Objekte sind angemietet, eines gehört der Kommune. Die Unterbringung ist auf Kurzfristigkeit ausgelegt: Die Betroffenen sind gehalten, sich zügig eine neue Wohnung zu suchen. Viele Bewohner sind jedoch Dauergäste geworden. Bei den meisten handelt es sich um Langzeitarbeitslose. Dazu kommen Menschen mit Behinderung oder geringer Rente. Auf die Straße setzt die Stadt niemanden.

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