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Wo die Bilder laufen lernten

Acherner Kino „Tivoli“ ist älter als gedacht

Die Geschichte des Acherner Kinos ist um einige Facetten reicher: Das „Tivoli“ ist nicht 100, sondern 110 Jahre alt. Am 11. Dezember 1910 lief hier der erste Film.

Ein Bild mit Seltenheitswert: In diesem Gebäude begann die Acherner Kinotradition. Zu sehen sind die Pächter Karl und Magdalena Paulus mit ihren Töchtern, die das „Tivoli“ von 1912 bis 1915 gepachtet hatten. Foto: Archiv Acker-Häfner

Eigentlich wollte man in diesen Tagen den 100. Geburtstag des Acherner Kinos „Tivoli“ mit einem Festakt groß feiern. Bereits angelaufen war das Jubiläumsprogramm mit ausgewählten cineastischen Glanzlichtern der Filmgeschichte. Doch dann kam Corona. Und nun steht fest: Das heute von einem Verein geführte Filmtheater ist nachweislich älter als bislang bekannt.

Ein Hinweis zur Korrektur der Acherner Kino-Geschichte kam aus dem fernen Frankenland: Birgit van Acker-Häfner aus Altdorf meldete sich bei Hans-Joachim Fischer, dem Vorsitzenden des Vereins Kommunales Kino Tivoli. Sie schreibt, dass es mindestens 1912 schon Filmvorführungen in der damaligen „Restauration mit Saalbau“ gab.

Es waren Birgit van Acker-Häfners Großeltern Magdalena und Karl Paulus, die das „Tivoli“ zwischen 1912 und 1915 gepachtet hatten. Die Enkelin erinnert sich, dass der Großvater regelmäßig nach Straßburg fuhr, um dort von einem Filmverleih Stummfilme zu besorgen, die dann im Saalbau des „Tivoli“ gezeigt wurden. Ein dem Brief beigefügtes Foto zeigt das „Tivoli“ in der Fautenbacher Straße. Zu sehen ist das Ehepaar Paulus mit zwei Töchtern.

„Lebende Photographien“

Dank weiterer Recherchen von Andrea Rumpf als Leiterin des Acherner Stadtarchivs steht mittlerweile auch der genaue Tag fest, an dem im Acherner „Tivoli“ die Bilder laufen lernten. Es war der 11. Dezember 1910, ein Sonntag, an dem es um 15 Uhr und um 20.30 Uhr Vorstellungen gab. Tags zuvor hatte der Wirt Adolf Wurz mit einer Anzeige im „Acher- und Bühler Bote“ die Bürgerinnen und Bürger auf das neue Unterhaltungsangebot in Achern aufmerksam gemacht.

Über Weihnachten wurden „lebende Photographien“ gezeigt, das folgende Programm enthielt Filme aus der Natur und über ferne Länder ebenso wie „dramatische Aufführungen“ und Filme aus dem Bereich der Komik. Kinder unter 14 Jahren durften nur in Begleitung Älterer ins Kino.

Tradition und Moderne: Hans-Joachim Fischer mit dem gut fünf Jahrzehnte Filmprojektor des „Tivoli“. Gleich daneben ist aktuelle Digitaltechnik im Einsatz. Foto: Michael Moos

Eigentümer war seinerzeit Adolf Berger aus Sasbach. Er hatte das „Tivoli“ 1897 als „Wirtschaft“ an der Fautenbacher Straße errichtet und 1907 Veränderungen am Saalbau vorgenommen. Im gleichen Jahr übernahm Adolf Wurz aus Leiberstung zusammen mit seiner Frau Chlothilde als Pächter das Anwesen.

Unter seiner Regie erlebte das „Tivoli“ seine erste Blüte und warb unter anderem mit folgenden Hinweisen für die Vorstellungen: „Der Saal ist so eingerichtet, dass kein Lichtschein von außen eindringen kann und deshalb die Bilder in voller Schärfe und Schönheit zu sehen sind“. Gezeigt wurden Streifen wie „Die Weltreise des deutschen Kronprinzen und „Das ewige Meer“, letzteres in einer kolorierten Fassung.

Geschichte ist eng mit dem Namen der Familie Neuber verbunden

Nach dem Ersten Weltkrieg begann eine neue Ära: Kurz vor Weihnachten 1918 eröffnete Karl Neuber das Acherner „Kinematographentheater“, im Januar 1919 erwarb er das Anwesen. Die Geschichte des 1945 beim Luftangriff auf Achern zerstörten „Tivoli“ ist eng mit dem Namen der Familie Neuber verbunden: Karl Neubers Tochter Else Belikan war es, die 1956 den Neubau in der Ratskellerstraße eröffnete.

Nach ihrem Rückzug Mitte der Sechziger Jahre führten Josef Laier (1964 bis 1970), die Eheleute Gerd und Ursula Bauer (1970 bis 2001) sowie Uwe Bauer (2001 bis Ende 2017) das 1991 von der Familie Siegfried Stinus erworbene Kino als Pächter. Im September 2018 übernahm der Verein das nunmehr kommunale Kino.

Mit großem Erfolg: Er genießt durch sein Programm mit einem hohen Anteil an Arthouse-Filmen und seinem ebenso treuen wie anspruchsvollen Publikum hohes Ansehen in der Branche. In der kommenden Woche kann er im Wettbewerb um den Kinopreis des Kinematheksverbundes mit einer Auszeichnung rechnen.

Welch guten Ruf sich das Kommunale Kino in Achern erworben hat, zeigen nicht zuletzt auch Besuche von Filmschaffenden wie der Regisseurin Conny Walther, die hier ihren Film „Die Rüden“ präsentierte oder Jean Paul Salomé („Eine Frau mit berauschenden Talenten“), dem in Achern der rote Teppich ausgerollt wurde.

Wie lange überlebt das „Tivoli“ die Corona-Einschränkungen?

Allerdings steht der im Gegensatz zu seinem traditionsreichen Kino noch junge Verein vor ganz neuen Herausforderungen: Zwar kann der Betrieb entsprechend den Corona-Vorgaben in eingeschränkter Form noch aufrecht erhalten werden - die Frage ist nur, wie lange noch.

„Bei einer Auslastung von höchstens 25 Prozent unserer Plätze können wir nicht ewig davon leben“, sagt Hans Joachim Fischer. Er schätzt, dass der Verein gegenwärtig pro Monat rund 500 Euro zuschießen muss: „Wir leben von der Substanz.“

An Ideen mangelt es dem Verein keineswegs: Am Freitag, 13. November, gibt es eine zweite Auflage von „Achern goes Slapstick“: Der renommierte Stummfilm-Experte Günter A. Buchwald kommt erneut nach Achern und wird an diesem Abend Stummfilme von Buster Keaton sowie Stan Laurel und Oliver Hardy musikalisch begleiten.

Außerdem feiert an diesem Samstag die neue Reihe „Klassik im Tivoli“ Premiere. Bis im Juni 2021 laufen Aufzeichnungen von Opernaufführungen der Salzburger Festspiele - von „La Traviata“ bis „Aida“.

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