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Museen in der Corona-Krise

Karlsruher Museums-Chef fürchtet existenzbedrohende Spardiskussionen nach der Pandemie

Ungewiss ist die Zukunft der Museen in der Coronakrise. Eckart Köhne leitet das Badische Landesmuseum und den Deutschen Museumsbund. Er warnt vor Symbolpolitik auf Kosten der Kultur.

Bildungsangebote als Option für Museumsöffnungen: Für dieses Szenario plädiert Eckart Köhne, Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe und Präsident des Deutschen Museumsbundes. Foto: ARTIS - Uli Deck ARTIS - Uli Deck

Museen bereiten, oft über Monate und sogar Jahre hinweg, Ausstellungen vor – und nun können viele davon wegen der Corona-Schließungen nicht gezeigt werden.

Das ist ein ideeller Verlust, der aber auch große materielle Einbußen bedeutet. Sorgen bereitet dem Deutschen Museumsbund zudem die Aussicht auf Spardebatten nach der Krise angesichts der Lage der öffentlichen Haushalte.

Der Präsident des Museumsbundes und Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe Eckart Köhne sprach mit unserem Redaktionsmitglied Andreas Jüttner über die Auswirkungen der Schließungen, die Rolle der Museen im Bildungswesen sowie über die Chancen und Grenzen der Digitalisierung.

Herr Köhne, als Präsident des Deutschen Museumsbundes haben Sie darauf hingewiesen, dass viele Häuser infolge der Corona-Krise in ihrer Existenz bedroht seien. Wo sehen Sie diese Gefahr am meisten?
Eckart Köhne

Gefährdet sind vor allem Betriebe, die ihr Budget überwiegend selbst erwirtschaften – beispielsweise Stiftungen, GmbHs oder touristische Hotspots wie Freilicht- oder Technikmuseen. Die zweite gefährdete Gruppe sind kommunale Häuser. In vielen städtischen Haushalten ist die Verschuldung hoch. An der Kultur zu sparen, die als freiwillige Leistung gilt, hilft meistens wenig, denn sie macht in den meisten Haushalten weniger als ein Prozent aus. Wenn nun eine Stadt wie Bamberg, deren Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, ihren Kulturetat um 25 Prozent kürzt, dann drohen Einrichtungen zum Opfer einer Symbolpolitik zu werden. Denn unter Sparauflagen leiden immer die Budgets für die kreative Arbeit, weil die Mittel für die Infrastruktur gebunden sind.

Wie sieht es bei Ihnen im Badischen Landesmuseum aus?
Köhne

Wir werden für 2020 mit einem blauen Auge davonkommen, auch wenn das Jahr in der Bilanz wirtschaftlich schlecht ausfallen wird. Große Einschnitte waren, dass wir im Frühjahr die Große Landesausstellung „Kaiser und Sultan“ knapp eineinhalb Monate früher als geplant schließen mussten und im Herbst die Ausstellung „Der Räuber Hotzenplotz“ schon eine Woche nach der Eröffnung vom zweiten Lockdown unterbrochen wurde.

Wie viele Besucher haben Sie dadurch verloren?
Köhne

Allein für die sechs Wochen, die „Kaiser und Sultan“ noch gelaufen wäre, könnten das rund 25.000 Besucher sein. 2019 hatten wir über das ganze Jahr hinweg rund 150.000 Besucher im Schloss, das wäre also ein spürbarer Anteil der Jahresbilanz. Abgesehen von den entgangenen Eintrittseinnahmen konnten auch weniger Kataloge und Souvenirs im Shop verkauft werden. Da kommt schnell eine kleine sechsstellige Summe zusammen. Und das sind nur die Verluste, die uns direkt betreffen.

Welche gibt es denn noch?
Köhne

Man muss bedenken, dass die Bildungsarbeit im Museumsbereich oft über frei schaffende Kulturvermittler erfolgt. Bei „Kaiser und Sultan“ sind durch die Schließung sicher 100 Führungen weggefallen, die ansonsten honoriert worden wären. Durch den Ausfall von neuen Ausstellungen brechen im Museumsbereich auch Aufträge für Messebauer weg, ebenso die Aufträge für Security-Unternehmen. Und der Transport von Exponaten wird zumindest komplizierter: „Kaiser und Sultan“ ging mitten im ersten Lockdown zu Ende. Normalerweise wird der Abtransport von Leihgaben durch Kuratoren der Leihgeber begleitet – aber viele davon durften zunächst mal gar nicht anreisen.

Wird durch solche Erfahrungen auch die Planung in der Museumsarbeit erschwert?
Köhne

In der Tat sind wir derzeit zurückhaltender mit Anfragen für Exponate. Zum Beispiel für die Jugendstil-Ausstellung, die wir für Herbst geplant haben: Normalerweise wäre da zu diesem Zeitpunkt alles geregelt, nun aber haben wir einige Anfragen noch gar nicht gestellt. Etliche Zeitpläne verschieben sich auch, weil viele Museen versuchen, ihre derzeit geschlossenen Ausstellungen zu verlängern. Bei manchen könnte es sonst ja passieren, dass sie aufgebaut und wieder abgebaut werden, ohne dass sie jemand außerhalb des Museumspersonals gesehen hat.

Droht dieses Schicksal auch der „Hotzenplotz“-Schau?
Köhne

Die konnten wir in der Tat bereits verlängern. Sie war bis zum 25. April angesetzt und bleibt nun sechs Wochen länger bei uns. Ich hoffe sehr, dass der Museumsbetrieb an Ostern wieder normal läuft. Aber um zu wissen, was kommen wird, bräuchte man, um bei Hotzenplotz zu bleiben, wohl die Kristallkugel der Witwe Schlotterbeck.

Auch wenn uns diese leider nicht zur Verfügung steht: Welche Optionen für eine Wiederöffnung der Museen sehen Sie derzeit?
Köhne

Der zweite Lockdown wurde ja beschlossen, weil die Infektionswege nicht mehr nachzuvollziehen waren. Diese politische Entscheidung verstehen wir. Was wir allerdings nicht verstanden haben, war, dass die Museen so schnell und ohne weiteres Nachdenken geschlossen worden sind. Man hat intensiv über Bildungsstätten gesprochen, von Kitas bis zu Bibliotheken, ohne hier die Museen mit zu bedenken. Sicher, wir bieten auch Unterhaltung. Aber ein Museum ist auch ein Ort, an den jährlich Hunderte von Schulklassen und Kitas kommen. Daher könnte ich mir als Öffnungsszenario vorstellen, dass man mit Bildungsangeboten beginnt.

Aufgrund der Schließungen sind viele Kulturangebote ins Internet ausgewichen. Das Landesmuseum hat sich unter Ihrer Leitung bereits zuvor stark aufgestellt. Welche Chancen sehen Sie in der Digitalisierung, und wo stößt die virtuelle Kulturpräsentation an ihre Grenzen?
Köhne

Man kann digital unglaublich gut erzählen und Hintergründe vermitteln. Wir entwickeln derzeit die App „Mein Objekt“, die es ermöglicht, gewissermaßen mit Objekten zu chatten. Bislang ist Kultur ja vor allem durch Filme oder Präsentationen im Internet aktiv. Im interaktiven Aspekt sehe ich noch viel Potenzial. Im Zentrum steht für uns Museumsleute aber immer das echte Objekt und die sinnliche Erfahrung damit. Gerade in unserer Abteilung „Archäologie in Baden“, die digital stark aufgestellt ist, können Sie normalerweise die Objekte sogar haptisch erfahren. Dass dieser Aspekt derzeit fehlt, das schmerzt uns sehr. Denn wenn man eine römische Öllampe anfasst, oder einen zehntausend Jahre alten Faustkeil, dann ist das eine Erfahrung, die sich nicht übers Netz vermitteln lässt. Die Museen bewahren ein kulturelles Erbe. Und was das bedeutet, kann man nur durch direkte Begegnungen mit den Objekten verstehen.

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