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Corona-Wirrwarr

Angekündigte Grundschulöffnungen stellen Schulen und Lehrpersonal vor neue Herausforderungen

Für Eltern ist die Ankündigung der Grundschulöffnungen bis Ende Juni die erste Perspektive nach langer Zeit. Doch nicht alle sind darüber glücklich. Schulleiter und Lehrpersonal bemängeln den Organisationsaufwand und die Informationspolitik.

Abstand ade: Schon Ende Juni sollen die Grundschulen im Land wieder weitgehend öffnen. Anstatt auf Abstandsregeln und Masken will die Landesregierung dann auf feste Gruppen setzen. Foto: dpa

Die Nachricht aus dem Kultusministerium hat Anfang der Woche eingeschlagen wie eine Bombe: Nicht nur die Kitas – auch Grundschulen sollen „bis Ende Juni“ geöffnet werden – für alle Schüler und zur Freude vieler Eltern, die seit über 70 Tagen zwischen Homeoffice und Homeschooling schwimmen. Für sie ist die angekündigte Öffnung die erste Perspektive nach langer Zeit.

In den baden-württembergischen Grundschulen haben die dynamischen Entwicklungen der Lockerungen, die zum Teil widersprüchlichen Ergebnisse wissenschaftlicher Studien über Kinder und das Coronavirus und die immer neuen Verlautbarungen aus der Landesregierung derweil für ordentlich Verwirrung gesorgt.

Nur noch zwei Wochen rollierendes System

Die Fakten: Stand jetzt werden nach den an diesem Samstag beginnenden Pfingstferien die Grundschulen zunächst in ein rollierendes System übergehen, das in dieser Form eigentlich für die sieben Wochen bis zu den Sommerferien vorgesehen war – und von den Schulen auch so geplant wurde. Nun soll nach Aussage von Kultusministerin Susanne Eisenmann zwei Wochen nach Start dieses Systems der Wechsel zur Öffnung anstehen.

Wir werden alles ermöglichen, was geht.
Susanne Eisenmann, Kultusministerin von Baden-Württemberg

„Wir werden alles ermöglichen, was geht“, sagte die Kultusministerin den BNN. So sollen dann für Grundschüler keine Abstandsregeln und keine Maskenpflicht mehr gelten. Stattdessen würden die Klassen inklusive ihrer Lehrer als feste Gruppe betrachtet, die etwa durch unterschiedliche Pausenzeiten unter sich bleiben. Auch beim Sport- und Musikunterricht werde es Abstriche geben. „Klar ist, wir sind nach wie vor in einer Pandemie, die von uns allen Einschränkungen verlangt. Das lässt sich leider nicht ändern“, so Susanne Eisenmann. Auch interessant:

Die plötzliche Änderung im Plan wird von den Schulen nicht uneingeschränkt begrüßt. „Das rollierende System ist wahnsinnig schwer zu organisieren“, sagt Martin Miester, Schulleiter der Osterfeld-Grundschule in Pforzheim, die von über 300 Kindern besucht wird. Zwölf Gruppen hat er täglich versetzt über den Vormittag zu verteilen. Eine aufwändige Planungsarbeit, die nun für lediglich zwei Wochen gilt.

Vor anderen logistischen Problemen stand bei der Planung die viel kleinere Grundschule im Acherner Stadtteil Mösbach, die von Sabine Schulte geleitet wird: „Unser komplettes Lehrpersonal sind Teilzeitkräfte, die selbst kleine Kinder haben“, sagt die Schulleiterin. Es sei ein Kraftakt, dieses Personal zwischen Notbetreuung und Präsenzunterricht einzuteilen.

Rund 20 Prozent Risikopatienten unter den Lehrern

Dann wäre da noch die Sache mit den Risikopatienten: „Niemand hat etwas dagegen, dass 100 Prozent der Schüler wiederkommen“, sagt Rüdiger Stein, Leiter des Karlsruher Schulamtes, „aber das Lehrpersonal wird mit dem hohen Anteil an Risikopatienten ein Problem werden.“ Dieses Problem sieht auch die Kultusministerin, die den Anteil unter den Lehrern auf etwa 20 Prozent schätzt, was eine einschränkende Komponente sei. Wie auch das Thema Schulpflicht, denn nicht alle Eltern seien von der Öffnung begeistert.

Auch darüber werde man laut Eisenmann noch sprechen müssen und es gehöre zu den Gründen, warum man den zweiwöchigen Vorlauf brauche und die Grundschulen nicht direkt nach den Pfingstferien öffnen können. „Eine Einrichtung zu schließen ist eben immer einfacher, als den Betrieb dort wieder hochzufahren“, so die Kultusministerin.

Eine Einrichtung zu schließen ist eben immer einfacher, als den Betrieb dort wieder hochzufahren.
Susanne Eisenmann, Kultusministerin von Baden-Württemberg

Unzufrieden sind viele Lehrer auch mit der Kommunikation von Seiten der Landesregierung. „Die Informationspolitik ist sehr schwierig“, sagt Gernot Ries, Schulleiter an der Johann-Peter-Hebel-Grundschule in Bruchsal. Man erfahre alles erst hinter vorgehaltener Hand oder aus der Zeitung. „Erst Tage später kommen dann die genauen Informationen“, so Ries.

„Es ist ein großer Ärger für die Schulen, dass sie durch die Medien erfahren, was mit ihnen als nächstes passiert“, spitzt es Doro Moritz, Vorsitzende der baden-württembergischen Bildungsgewerkschaft GEW, zu. Auch wenn die GEW großes Interesse daran habe, dass die Kinder wieder in die Schule gehen können: „Die genauen Konditionen sind noch absolut unklar“, so die Vorsitzende.

Einen eigenen Weg, damit umzugehen, hat Wolfgang Mees, Schulleiter der Schillerschule in Bretten, gefunden: „Fakt ist: Ich habe nichts schriftlich vorliegen. Bis sich das ändert, sind wir im rollierenden System“.

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