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Mama, Papa: Was bedeutet eigentlich Krieg?

Der Krieg im Kinderbuch: Kinder vertragen mehr, als man denkt

Kinderbücher zum Thema Krieg, Vertreibung und Flucht verlangen jungen Lesern einiges ab. Aber soll man das Thema deshalb aussparen? „Nein”, meint die Kinderbuchexpertin Christine Kranz von der Stiftung Lesen.

Mutet Kindern ruhig was zu! Dafür plädiert Christine Kranz als Expertin für Kinder- und Jugendliteratur bei der Stiftung Lesen. Mit einer entsprechenden Begleitung geht das, findet sie. Foto: Christine Kranz

„Die letzten Kinder von Schewenborn” von Gudrun Pausewang war in der 80er Jahren eines der ersten Jugendbücher, das jungen Lesern das Thema der nuklearen Bedrohung näherbrachte. Viel zu drastisch, wie manche bis heute finden.

Wie man schwere und angsterfüllte Themen auch einem jungen Publikum vermitteln kann, darüber sprachen wir mit Christine Kranz von der Stiftung Lesung.

Vor 75 Jahren fiel die Atombombe auf Hiroshima. Zur Erinnerung an dieses entsetzliche Ereignis haben mehrere Kinder- und Jugendverlage thematische Bücher herausgegeben. Halten Sie das für eine sinnvolle Sache?
Christine Kranz

Auf jeden Fall. Kinder können schwierigen und auch belastenden Themen heute kaum noch entgehen. Krieg ist überall. In den Nachrichten, auf dem Computer und in den Spielen. Sie stellen Fragen, wollen wissen, wie Dinge und Situationen entstehen. Ich finde es sehr wichtig, dass die Kinder- und Jugendliteratur solche Fragen nicht ausklammert.

In den 80er/90er Jahren gab es Jugendliteratur über den atomare Bedrohung, die manche von uns bis heute nicht vergessen haben. Gibt es da eine Entwicklung?
Christine Kranz

Bücher, wie „Die letzten Kinder von Schewenborn“ von Gudrun Pausewang zum Beispiel, waren auch eine Reaktion auf die Kinderliteratur, die es davor gab. Die hatte oft etwas Märchenhaftes, Träumerisches und manche warfen ihr, meines Erachtens zu Unrecht, sogar Eskapismus vor. In den 80-er und 90-er Jahren hat man sich dann häufig problematischer, „schwerer“ Themen angenommen. Das war damals neu, aber auch ganz wichtig! Heute hat sich das wieder ein Stück weiterentwickelt. Schwierige Themen wie Krieg oder Tod werden z.B. in spannende Geschichten eingebettet und sind damit auch für eine breitere Zielgruppe zugänglich.

Krieg ist also auch für Kinder kein Tabuthema mehr. Ab welchem Alter kann man es angehen?
Christine Kranz

Krieg muss ja nicht gleich Krieg im Sinne eines echten historischen oder aktuellen Konflikts bedeuten. Man kann das Thema auch zunächst einmal auf seinen Kern zurückführen. Am Ursprung jeden Kriegs steht ein Konflikt, aus dem eine Auseinandersetzung erwächst. Jeder hat eine Haltung und nun muss man versuchen, eine Lösung zu finden, mit der alle leben können. Dieses Prinzip können schon ganz kleine Kinder verstehen. Das Thema wird spätestens dann relevant , wenn sie in den Kindergarten kommen und lernen müssen, sich in eine Gruppe einzufügen. Es gibt sehr gute Bilderbücher, die für dieses Thema sensibilisieren und die Konflikte und ihre Lösung ganz spielerisch zum Thema machen.

Wie viel Realismus verträgt ein Kind?
Christine Kranz

Das ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Es gibt Kinder, die fürchten sich z.B. vor Märchen und andere, die stört es überhaupt nicht, dass da abgeschlagene Pferdeköpfe vorkommen, die noch sprechen können oder junge Frauen, die sich die Zehen abschneiden, um in einen Schuh zu passen.

Wie viel kann ich einem Kind zumuten?
Christine Kranz

Das muss man ausprobieren. So lange man sein Kind beobachtet, auf es eingeht und es einfühlsam begleitet, kann man da nicht viel falsch machen. In einer geborgenen Situation vertragen Kinder oft mehr als man denkt. Ein Buch kann ein Katalysator sein für Gedanken, Fragen und vielleicht Ängste, aber auch für Wünsche und Träume natürlich. In der Literatur können sich Kinder gefahrlos auch mit ansonsten belastenden Themen beschäftigen.

Muss man auf jeden Fall darüber sprechen?
Christine Kranz

Es ist wichtig, dem Kind jederzeit die Möglichkeit zum Austausch zu geben. Aber wenn es sich alleine damit beschäftigen möchte, ist es auch gut. Ich würde empfehlen zu warten, bis das Kind bestimmte Themen selbst zur Sprache bringt. Trotzdem sollten Kinder immer auf das Interesse ihrer Eltern setzen können - auch an ihrem Lesestoff.

Gibt es gerade einen Trend in der deutschsprachigen Jugendliteratur?
Christine Kranz

Derzeit gibt es sehr viele Bücher, die erzählend ein „großes“ Thema aufgreifen und dabei gleichzeitig Informationen vermitteln. Diese Mischung aus Fakten und Fiktion finde ich sehr gut. Es geht darum Interesse zu wecken, Emotionen anzusprechen und - ganz nebenbei - gut recherchiertes Wissen zu vermitteln.

Was ist für Sie das beste Buch zum Thema Krieg?
Christine Kranz

Das beste Buch kann es nicht geben. Es gibt immer das richtige Buch für ein bestimmtes Kind in einer bestimmten Phase seines Lebens. Jedes Kind ist anders - und jedes Kind liest anders. Ich empfehle daher immer, mit Kindern in die Bibliothek zu gehen und sie dort ganz eigenständig stöbern und auswählen zu lassen.

Was ist das nächste große Thema?
Christine Kranz

Rassismus ist gerade in aller Munde und ich würde mal behaupten, dass es demnächst eine Vielzahl von Titeln zur Thematik geben wird.

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