Skip to main content

Betroffene erzählen

Die Corona-Pandemie wirbelt den Alltag vieler Menschen durcheinander

Ein Anruf bei einer vierköpfigen Familie in Weingarten, die gerade schwierige Zeiten durchmacht. Daniel Hartmann (Name geändert – d. Red.) klingt aufgewühlt. „Die Bevölkerung wird damit beruhigt, dass der Virus für die Jungen und Gesunden kein großes Risiko darstellt“, sagt der 42-jährige Marketingmanager. „Aber was ist mit den chronisch Kranken?“ Um ihren Sohn zu schützen, haben Hartmann und seine Frau sich von der Außenwelt teils abgeschirmt.

Händedesinfektionsmittel. Foto: Daniel Karmann/dpa/Archivbild

Die E-Mail an unsere Redaktion liest sich wie ein Hilfeschrei. „Ich bin Vater eines schwer herzkranken, siebenjährigen Sohnes“, schreibt der Verfasser. Und weiter: „Wir haben viele Operationen mit ihm überstanden. Kinderkardiologen gehen davon aus, dass mein Sohn und Tausende weitere betroffene Kinder in die Hochrisikogruppe fallen und eine Coronavirus-Infektion mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben werden.“

Ein Anruf bei einer vierköpfigen Familie in Weingarten, die gerade schwierige Zeiten durchmacht. Daniel Hartmann (Name geändert – d. Red.) klingt aufgewühlt. „Die Bevölkerung wird damit beruhigt, dass der Virus für die Jungen und Gesunden kein großes Risiko darstellt“, sagt der 42-jährige Marketingmanager. „Aber was ist mit den chronisch Kranken?“ Um ihren Sohn zu schützen, haben Hartmann und seine Frau sich von der Außenwelt teils abgeschirmt.

Keine Besuche von Freunden mehr

Seit Beginn der Epidemie in der Region hat Simon keine sozialen Kontakte mehr. Keiner seiner Freunde darf zu dem Siebenjährigen nach Hause. Auf den Spielplatz geht er nur, wenn er leer ist. Zu groß ist die Angst der Eltern, dass jemand den Kleinen anstecken könnte – mit fatalen Folgen. Mit Erlaubnis der Schule bleibt Simon dem Unterricht fern. Sein Bruder geht nicht in den Kindergarten, und der Vater arbeitet vorerst von daheim.

Ich kann gar nicht so viel einkaufen, dass es garantiert ausreicht.
Vater eines herzkranken Jungen

Sie wollen sich von der allgemeinen Corona-Verunsicherung nicht mitreißen lassen. Wegen Simon hat die Familie ohnehin einen Vorrat an Medikamenten und Desinfektion daheim, und von Hamsterkäufen hält sie nichts. „Das Ding wird lange dauern“, ist der Vater überzeugt. „Ich kann gar nicht so viel einkaufen, dass es garantiert ausreicht“.

Trotzdem empfinden die Hartmanns ein Leben im Ausnahmezustand ohne klare Perspektiven als schwer erträglich. „Obwohl der Herzfehler meines Sohnes nur palliativ korrigiert wurde, konnten die Ärzte ihm ein fast normales Leben schenken“, sagt Daniel Hartmann. Er möchte nun nicht daran denken, welchen Gefahren Simon ausgesetzt wäre, wenn die Familie einmal von der strikten Routine abweicht.

Kann die "Nies-Etikette" in Kindergärten funktionieren?

Den Weingartener treiben viele Fragen um, etwa nach den bislang nur allgemein formulierten offiziellen Empfehlungen für Menschen mit Vorerkrankungen? „Wie soll die Corona-Hygiene in Kindergärten aussehen, wo die Abstandsregeln und die „Nies-Etikette“ nicht verlässlich eingehalten werden können?“ fragt er.

Mehr Klarheit wünscht sich Hartmann auch darüber, wie man eine lange Isolation mit dem Arbeitgeber regeln könnte. Er hat versucht, sich bei den Behörden schlau zu machen. „Sie sagen nur, dass niemand die Sicherheit unseres Sohnes garantieren kann“.

Schreck am Donnerstagmorgen

Auch Chris Cacavas ist unsicher, seit er die knappe Nachricht eines Freundes auf dem Handy gesehen hat: „Shit“ (Mist). Als der 58-jährige US-Amerikaner am Donnerstagmorgen in Karlsruhe aufwacht, hat er ein Riesenproblem: Ein Erlass von Präsident Trump macht Reisen aus Europa in die USA unmöglich.

Cacavas ist Rockmusiker, er lebt seit Jahren in Deutschland. Am Wochenende müsste er jedoch nach Texas fliegen. Seine Band „The Dream Syndicate“ sollte ursprünglich beim berühmten Festival „South by Southwest“ in Austin auftreten, nach der Absage des großen Events mit 70.000 Besuchern Anfang März wurde sie für sechs kleinere Konzerte gebucht.

Keine Lust auf grundlose Quarantäne

Fieberhaft fragt Cacavas also am Donnerstag zunächst herum, ob er doch irgendwie die Schutzmaßnahme der US-Regierung umgehen könnte. „Es ist hoffnungslos“, sagt er später. „Zwar können Amerikaner einreisen, aber ich müsste nachweisen, dass ich Corona-frei bin. Ich will aber nicht vielleicht grundlos unter Quarantäne gestellt werden“.

Der Musiker ist sauer. Vielleicht sei die Sperre sinnvoll, aber man könne sie doch nicht auf ganz Europa ausdehnen, sagt er: „Das ist bescheuert“. Cacavas bleibt jedoch nichts anderes als zu warten und hoffen, dass das nächste Festival in Norwegen in drei Monaten, auf dem seine Band spielen soll, nicht auch noch abgesagt wird.

Der Amerikaner hat nach eigenen Worten keine Angst vor Corona. „In den letzten Tagen habe ich mich aber dabei ertappt, dass ich in der Straßenbahn nichts anfasse“, sagt er und lacht. „Ein bisschen Paranoia ist wohl doch dabei“.

Keine Panik wegen der Pandemie

Nur mit dicken Wollhandschuhen fasst Ingrid Schmid derzeit ihren Einkaufswagen an. Mehr als ihr halbes Leben leidet die 74-Jährige an Asthma. Durch die chronische Krankheit ist ihre Lunge angeschlagen, eine Infektion könnte schlimme Folgen haben. „Das kenne ich seit Jahren. Da mache ich mich wegen Corona nicht verrückt“, erzählt die Rentnerin.

Dabei hat sie aktuell doppelten Grund zur Vorsicht. Wegen der schlechten Blutwerte nach einer Knie-Operation Ende 2019 konnte sich Schmid nicht wie sonst gegen die Grippe impfen lassen. Dazu kommt nun die Corona-Ausbreitung.

"Ich werde mich nicht in den Schrank stellen und warten, bis es vorbei ist"

Abstand halten, Berührungen vermeiden und Kernseife – so schützt sich Ingrid Schmid. „Aber ich werde mich sicher nicht in den Schrank stellen und warten, bis es vorbei ist“, sagt sie. Jeden Tag geht die 74-Jährige eine halbe Stunde spazieren. Regelmäßig geht sie zur Wassergymnastik. Und auch das Kartenspiel mit den Freundinnen will sie sich von der Pandemie nicht verderben lassen.

„Angst habe ich nicht“, erzählt Schmid. Schutzmaßnahmen, die viele zum ersten Mal ergreifen, sind für die Asthmatikerin seit Jahrzehnten Routine. Um das Immunsystem zu stärken, das nach der OP angeschlagen war, schwört sie auf eine Suppe aus Zwiebeln, Ingwer, Möhren, Paprika und roten Linsen. „Die koche ich zwei bis drei Mal pro Woche. Das tut gut.“ Wenn wie an diesem Tag die Enkel vorbeischauen, landen eher Nudeln im Topf. Die Besuche gehören für Schmid zur Lebensqualität.

Wie wir über die Auswirkungen des Coronavirus berichten

Auf bnn.de berichten wir zurzeit verstärkt über die wichtigsten Entwicklungen rund um Corona in der Region rund um Karlsruhe, Bretten, Pforzheim, Rastatt und Bühl. Jeden Tag schränken Kliniken die Besuchszeiten ein, Schulen schließen, Firmen schicken Mitarbeiter nach Hause. Es ist selbst für unsere Redaktion zeitweise schwierig, den Überblick zu behalten. Deshalb filtern wir für unsere Leser aus der Flut an Informationen, welche der vielen Corona-Meldungen wichtig sind – unter anderem in dieser Übersicht .

Alle Informationen prüfen wir, um keine Falschinformationen zu verbreiten. Viele Menschen, auch in unserer Redaktion, machen sich ohnehin Sorgen. Wir möchten sie informieren und nicht verunsichern.

Zwei unserer Kollegen befassen sich ausschließlich mit dem Thema Corona – als unsere internen Experten. Viele weitere BNN-Redakteure recherchieren täglich zu den Auswirkungen von Covid-19 in den Städten und Gemeinden der Region. Unsere Autoren sprechen mit Entscheidern in den Landratsämtern, Krankenhäusern und in Firmen. Gleichzeitig telefonieren sie (Betroffene treffen wir derzeit nicht persönlich) mit Menschen, die Cafés schließen, Veranstaltungen absagen oder zu Hause bleiben müssen.

So möchten wir dazu beitragen, dass Menschen in der Region sich auf dem aktuellsten Stand halten können, um die richtigen Entscheidungen für ihren Alltag und ihre Gesundheit zu treffen.

nach oben Zurück zum Seitenanfang