Coronavirus in China
Das Coronavirus breitet sich in China weiter aus. | Foto: Xue Yuge/XinHua/dpa

„Das Dunkle in uns“

Die „globale Corona-Verschwörung“: Fake News um die Epidemie

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In einer E-Mail an die Redaktion dieser Zeitung schreibt ein Leser, dass die Coronavirus-Epidemie das „Dunkle in uns“ offenbare und sich mit der „Saturn-Pluto-Konjunktion“ erkläre. Es ist eine der unzähligen, abstrusen Theorien über Ursprung und „Zweck“ der Infektion, die seit Wochen im Internet, den Messaging-Diensten und sozialen Medien kursieren.

Zu lesen ist da von geheimen Biowaffenlabors, die das Virus ausgesetzt hätten, um mit den Impfungen viel Geld zu machen. Mal soll der Milliardär Bill Gates in die gigantische Verschwörung verwickelt sein, mal die Gegner von US-Präsident Trump, die mithilfe von Corona dessen Wiederwahl verhindern wollten.

Ein geheimes „Manöver der Eliten“?

Manche sind überzeugt, dass das Virus gar nicht existiere, sondern ein Nebeneffekt der Strahlung von 5G-Mobilfunkmasten sei – oder ein „Manöver der Eliten“, um von dringenden Problemen der Welt abzulenken. Andere glauben, dass Corona eingesetzt wird, um China in die Knie zu zwingen. Und stimmt es etwa, dass Flüssigkeiten die „Lebenskraft“ des Virus verlängern können, wie es in einem viel geklickten Youtube-Video behauptet wird?

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Nein. Derlei Falschnachrichten und Verschwörungstheorien sind auch nicht neu, wie die Experten auf diesem Gebiet bestätigen. „Die Idee, dass Krankheiten speziell in Labors entwickelt wurden, um als Biowaffen gegen die ganze Welt eingesetzt zu werden, gab es schon bei der Sars-Pandemie vor 17 Jahren“, sagt die Sozialpsychologin Pia Lamberty, die an der Universität Mainz den „Verschwörungsglauben“ erforscht.

Verschwörungstheorien gab es schon vor Jahrhunderten

„Diese Theorien gibt es seit Jahrhunderten, sie waren früher sogar noch populärer. Neu ist deren hohe Sichtbarkeit, die leichtere Verbreitung durch das Internet und die rasante Geschwindigkeit, mit der solche Behauptungen weltweit aufgegriffen und geteilt werden“, erklärt Michael Butter, Amerikanist an der Uni Tübingen, der das europäische Forschungsnetzwerk zur Vergleichenden Analyse von Verschwörungstheorien (Cost) koordiniert.

Butter sieht deren Ursprung in einer vernetzten „Gegenöffentlichkeit“, die entweder geschäftliche Interessen an der Verbreitung von Fake News habe oder aus echter Überzeugung handele: „Das sind Leute, die zum Beispiel davon überzeugt sind, dass die Machteliten einen Teil der Weltbevölkerung auslöschen wollen. Um dies zu beweisen, werden alte Theorien herausgeholt und mühelos für den neuen Zweck angepasst“.

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„Unsicherheit erzeugen, Verwirrung stiften und einem Gegner Schaden zufügen“

Manchmal steckten auch politische oder wirtschaftliche Motive dahinter, sagt der Fachmann. „Wer solche Theorien verbreitet, will vielleicht Unsicherheit erzeugen, Verwirrung stiften und einem Gegner Schaden zufügen, indem er Unwahrheiten verbreitet“.

Nach Darstellung der Sozialpsychologin Lamberty können soziale Krisen bei Menschen ein Gefühl von Kontrollverlust erzeugen und so den Falschnachrichten wie Verschwörungstheorien einen starken Auftrieb geben. „Manche Menschen empfinden dann alles als bedrohlich und sehen Muster, wo es sie nicht gibt. Behauptungen, die längst entkräftet worden sind, tauchen wieder auf“.

Die Fake News um Corona folgen alten Mustern

Auch die aktuelle Corona-Falschnachrichtenwelle folge den gleichen Mustern, wie sie bei früheren Notlagen beobachtet wurden. „Es ist wichtig, den Fake News entgegenzuwirken“, betont Lamberty. Zwar könne man „hochideologisierte Personen“ in der Regel nicht vom Gegenteil überzeugen, dafür aber oft die Menschen in ihrem Umfeld und die Zweifler.

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Lambertys Rat: „Machen Sie sich über die Verschwörungstheoretiker nicht lustig und bleiben Sie sachlich. Achten Sie zudem darauf, sich nicht in Klein-Klein zu verzetteln, sondern die generelle Linie infrage zu stellen“.

Eine Impfung gegen Falschnachrichten

Michael Butter hält eine sogenannte „Impfung“ (pre-bunking) für die beste Lösung: Dabei würden „frische“ Verschwörungstheorien aufgegriffen und durch Fakten entkräftet, noch ehe viele Menschen damit in Berührung kämen – das mache andere Menschen immun gehen die Fälschungen. Der Experte ist aber nicht sehr optimistisch: „Angesichts der schnellen Nachrichtenströme kämpft man da auf verlorenem Posten“.

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Das Land Baden-Württemberg nennt in seinem aktuellen Pandemieplan die Gerüchte und Falschmeldungen „eine besondere Herausforderung“. Es sei wichtig, das Vertrauen der Bevölkerung in die von den Behörden getroffenen Maßnahmen zu gewinnen, heißt es in dem Dokument. Die Empfehlung lautet: „Wichtige Informationen weitergeben und Unsicherheiten offen kommunizieren“.