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Verleger kritisieren BDZV-Vorsitzenden

Präsident im Abseits: Wie der Fall Reichelt Springer-Chef Döpfner in Bedrängnis bringt

Eine Textnachricht von Mathias Döpfner sorgt für scharfe Kritik im Bundesverband der Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV). Die Frage ist, ob Döpfner als BDZV-Präsident haltbar ist. Er hatte nicht nur die Bundesrepublik mit der DDR verglichen, sondern auch die gesamte Journalisten

Es wird einsamer um BDZV-Präsident Mathias Döpfner. Nach der Kritik an einer Textnachricht sieht er sich der Kritik zahlreicher Verleger ausgesetzt. Foto: Marijan Murat/dpa

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, da stand Mathias Döpfner unumstritten an der Spitze. Döpfner war gerade einstimmig als Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) wiedergewählt worden.

Er blickte zuversichtlich auf die Zukunft der Branche, die vor „riesigen Herausforderungen“ stehe. Gemeinsam werde man das nun anpacken, sagte er zum Start in seine zweite Amtszeit. Und er war dabei sehr gut gelaunt.

Ein Jahr später hat das Vertrauen der Verleger in den Springer-Chef stark gelitten. Und Döpfners Laune auch. Von Gemeinsamkeiten ist gerade keine Rede mehr. Es gibt Unmut, Kritik und Unverständnis. Döpfner ist für den BDZV selbst zu einer Herausforderung geworden. Wie konnte es soweit kommen?

Eine private SMS von Döpfner bringt die Sache ins Rollen

Im Mittelpunkt dieser Affäre steht eine Textnachricht, die Mathias Döpfner an den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre schickte, mit dem er befreundet war.

Zu lesen war diese Nachricht vor zwei Wochen in der „New York Times“. Döpfner schrieb, „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt sei „halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeits-Staat aufbegehrt.“

Die allermeisten anderen Journalisten seien Propaganda-Assistenten. Döpfner verweist in der Nachricht auf einen Kommentar Reichelts in der „Bild“. In dem Kommentar bezeichnete Reichelt die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung als Beleg für einen willkürlichen Staat.

Wie genau diese Nachricht den Weg an die Öffentlichkeit fand, ist nicht klar. Stuckrad-Barre hat sich bisher zu dieser ganzen Geschichte nicht geäußert, die eigentlich im Frühjahr schon ihren Anfang genommen hatte.

Die Vorwürfe gegen den „Bild“-Chef

Damals war bekannt geworden, dass es bei der „Bild“-Zeitung Vorwürfe gibt gegen Chefredakteur Julian Reichelt. Interne Ermittlungen wurden eingeleitet, weil es Hinweise darauf gab, dass Reichelt seine Machtposition insbesondere gegenüber Frauen ausgenutzt haben soll. Er soll dabei Berufliches und Privates vermischt haben.

In einem Fall soll er etwa eine jüngere Kollegin eine verantwortungsvolle Position verschafft haben, für die sich die Frau selbst gar nicht geeignet sah. Mit ihr soll es dann auch zu einer Beziehung gekommen sein. Und die Frau musste sich dann im Kollegenkreis anhören, dass sie den Job ja nur habe, weil sie etwas mit dem Chef hat. Die Frau soll unter der Situation so gelitten haben, dass sie sich in psychologische Behandlung begeben habe. Das alles war im Frühjahr aber noch nicht bekannt.

Über Reichelts Beziehungen zu Mitarbeiterinnen – die immer einvernehmlich gewesen sein sollen – kursieren wilde Gerüchte. Was davon stimmt, ist unklar. Der „Spiegel“ berichtete, rund ein halbes Dutzend Frauen hätten dem Medienhaus „Vorfälle“ aus den vergangenen Jahren gemeldet.

Reichelt war damals, im März, von seinem Posten vorübergehend freigestellt worden. Der Medienkonzern teilte mit, man werde prüfen, was an den Vorwürfen dran sei. Reichelt wies die Anschuldigungen vehement zurück.

Der damalige „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt ist von Axel Springer von seinen Aufgaben entbunden worden. (Archivbild) Foto: Michael Kappeler/dpa

Zwei Wochen später kehrte der Chefredakteur zur „Bild“ zurück. Der Springer-Konzern teilte mit, es habe „keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung“ gegeben. Reichelt habe die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt, die Vorwürfe des Machtmissbrauchs jedoch bestritten und „dies auch eidesstattlich versichert“.

Der Konzernvorstand sei zu dem Ergebnis gekommen, dass Reichelts Fehler in der Amts- und Personalführung eine Abberufung vom Posten des Chefredakteurs nicht rechtfertigten.

Die Kehrtwende in der Personalie Reichelt

Damit sah es eigentlich so aus, als würde Reichelt die Sache überstehen. Doch es kam anders. Am Montag, dem 18. Oktober, teilte der Axel-Springer-Verlag mit, dass Reichelt mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden sei. Es habe „neue Erkenntnisse“ gegeben.

Der Verlag wies darauf hin, dass Reichelt den Vorstand belogen hatte. Reichelt soll mindestens eine Beziehung weiterhin geführt haben, obwohl er zugesichert habe, diese zu beenden.

Hintergrund dieser „neuen Erkenntnisse“ dürfte vor allem die Recherche eines Investigativ-Teams des Ippen-Verlags sein. Die Journalisten hatten weiter recherchiert zur Causa Reichelt. Aber Ippen-Verleger Dirk Ippen stoppte die geplante Veröffentlichung. Der Ärger darüber war bei den Journalisten groß, die Entscheidung wurde auch in der Medienbranche scharf kritisiert.

Es liegt nahe, dass es die Recherchen des Ippen-Verlages waren, die zum Umdenken im Springer-Vorstand führten. Die Informationen waren offenbar auch Grundlage für den Artikel in der „New York Times“. Dass sich die bekannte US-Zeitung mit internen Vorgängen der „Bild“-Zeitung beschäftigt, ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass der Springer-Konzern auf dem US-Markt weiter vordringen will.

Im August hatte Springer die Übernahme von „Politico“ gemeldet, der Kauf des Nachrichtenunternehmens soll laut „Handelsblatt“ die größte Investition des Konzerns in der Firmengeschichte sein. Ein großer Schritt also für Springer und Vorstandschef Döpfner. Die internen Querelen bei „Bild“ rückten dabei die gesamte Unternehmens- und Führungskultur des Medienkonzerns in ein schlechtes Licht.

Der Springer-Chef versucht eine Erklärung

In der „New York Times“-Geschichte war die Nachricht von Döpfner an Stuckrad-Barre eigentlich nur ein Detail. Aber beim BDZV war der Unmut groß. Dass der Präsident praktisch alle Journalisten außer Reichelt als Propaganda-Assistenten abkanzelt, konnten viele kaum glauben. Döpfner selbst versuchte sich in Erklärungen.

In einem Schreiben an die Verlage bedauerte er, dass der Ruf der Branche Schaden genommen habe. Seine Nachricht sei mit Ironie und Übertreibung zu verstehen. Außerdem betonte Döpfner, dass die Äußerung aus einer privaten Mitteilung stammte, man dürfe seine Worte nicht auf die Goldwaage legen. Wer ihn kenne, der wisse, dass sein „Herz für den freien Journalismus schlägt, und ebenso für den Rechtsstaat“.

So richtig überzeugend ist diese Erklärung für viele Verleger aber nicht mehr

Eine Stellungnahme zum Thema von Klaus Michael, Baur, Verleger von BNN und BT, lesen Sie hier.

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