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Bezirksjugendwart Reiner Nold im Interview

„Der Fußball hat nicht mehr den Stellenwert, den er vor zwanzig Jahren noch hatte“

Immer am Ball: Bezirksjugendwart Reiner Nold war zuvor lange Jahre als Jugendleiter im Fußballverein tätig. Foto: Dominik Ralser

Reiner Nold aus Steinmauern ist seit vergangenem Jahr Jugendwart im Fußballbezirk Baden-Baden. Diesen bezeichnet er als „gute Truppe”, die sich im Vereinsleben gut auskenne. Nold selbst war lange als Jugendleiter tätig. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Dominik Ralser schildert er Probleme im Jugendfußball, versprüht jedoch auch Optimismus und Tatendrang.

Sie sind seit einem Jahr als Jugendbezirkswart im Amt. Was hat sich in jüngster Zeit im Jugendfußball geändert?
Reiner Nold

Es hat sich im Vergleich zu den vergangenen Jahren nicht allzu viel geändert. Wir hatten das Problem mit Covid-19, wir mussten zum ersten Mal eine komplette Runde abbrechen. Als Spielsystem kam das „Norweger Modell” hinzu.

Können Sie das Modell kurz erläutern?
Reiner Nold

Ein Verein kann eine Mannschaft auch mit neun Spielern melden, nicht mehr mit elf. Wenn die Mannschaften dann aufeinandertreffen und es ist im Voraus bekannt, dass der Verein das Norweger Modell spielt, dann spielt der andere Verein mit der gleichen Anzahl von Spielern. Das hat den Vorteil, dass auch Mannschaften gemeldet werden können, die nicht mit elf Spielern antreten können. Wir hatten in diesem Jahr das Problem, dass wir in der A-Jugend in der Kreisliga nur vier Mannschaftsmeldungen hatten: Mit vier Mannschaften brauche ich keine Staffel bilden. Die vier Kreisligisten nahmen wir dann hoch in die Bezirksliga, mit den Vereinen hatten wir das abgeklärt. Die Vierzehner-Staffel wurde in zwei Staffeln, Nord und Süd, eingeteilt. Die Vereine sind auf den Vorschlag eingegangen und so haben wir zum ersten Mal zwei Staffeln Bezirksliga mit acht Mannschaften mit Quali-Runde und zur Rückrunde eine Doppelrunde.

Welche Bedeutung hat der Fußball für die Jugendarbeit?
Reiner Nold

Man darf das nicht generell auf Fußball beziehen. Jugendliche, die im Verein eingebunden sind, haben ein ganz anderes Gesellschaftsverhalten. Wenn die Jungs von der Straße weg sind, kommen sie nicht auf blöde Gedanken. Man lernt im Verein das Umgehen miteinander, Aufgaben zu übernehmen, Pflichtbewusstsein, auch jüngere zu unterstützen. Da ist es ganz egal, ob das Fußball, Handball, Tennis oder Ju Jutsu ist. Der Fußball hat nicht mehr den Stellenwert, den er vor zwanzig Jahren noch hatte. Damals hatte man drei Vereine in der Ortschaft. Papa hatte kein Auto und dann hieß es: „Such dir was in der Ortschaft.” Heutzutage werden die Kinder überall hingefahren. Wenn sie nach Karlsruhe ins Ballett wollen, werden sie hingebracht. So verteilen sich die Kinder auf ganz viele andere Aktivitäten.

Welche Rolle spielt der Jugendfußball bei ausländischen Jugendlichen? Wie funktioniert die Kommunikation?
Reiner Nold

Die Kommunikation im Fußball ist einfacher. Es ist ein Bubensport, das heißt egal woher sie kommen, sie hatten alle schon mal einen Ball zwischen den Füßen. Oftmals war es leider so, auch beim Integrationsprogramm des SBFV, dass Spieler, die sich im Verein integriert hatten und sich wohl fühlten, wieder zurückgeschickt wurden oder umgesiedelt werden mussten. Es gibt jedoch auch gute Beispiele hier in Steinmauern und anderswo, wo Kinder mit Migrationshintergrund gut eingesetzt werden.

Wie kann der Verein Jugendliche im Allgemeinen halten?
Reiner Nold

Meines Erachtens nur durch gute Vereinsarbeit und gute Jugendförderung. Man wird nie alle Spieler halten können. Da spielt der Vereinswechsel eine Rolle. In vielen Vereinen kommt auch irgendwann der Ausdruck: „Wir spielen leistungsorientiert.” Da gibt es dann Spieler, die gern Fußball spielen, die auch immer im Training da sind, und dann aber nicht zum Einsatz kommen. Wenn diese dann immer nur auf der Bank sitzen und sehen: „Mensch, der kommt nur halb so oft wie ich ins Training und ist trotzdem immer beim Spielbetrieb dabei.” Dann sagen sich viele: „Da habe ich keine Lust mehr.”

Wie kann das verhindert werden? Der Verein will nach oben und will alle mit einschließen – ist das lösbar?
Reiner Nold

Man muss den Schwächeren auch die Möglichkeit für einen Spielbetrieb geben. Sicher will jeder Verein Bezirksliga oder Landesliga spielen, wichtig ist aber die Jugendarbeit im Verein, weil der Verein nur durch die Jugend lebt. Viele Vorstände sagen: „Was interessiert mich die Jugend?” Die kaufen sich dann Spieler zusammen. Diese sind aber genauso schnell wieder weg. Ich selbst war lange Jugendleiter und habe gemerkt, dass die Jugend, die aus der Ortschaft kommt und die im Verein integriert ist, auch da bleibt, wenn mehr Geld auf sie wartet.

Wer erkennt die jungen Talente im Verein?
Reiner Nold

Nicht jeder Trainer hat das gleiche Potenzial. Nicht jeder Trainer hat eine Trainerausbildung. Die Trainer der A-, B-, und C-Jugend erkennen qualifizierter, wer technisch gut spielt. Ein Auge hat bestimmt jeder dafür, wenn er einen Jungen sieht, dem der Ball am Fuß klebt.

Wie reagiert der Verein, wenn Spieler noch in die Schule gehen, eine Ausbildung oder Abitur machen?
Reiner Nold

Ich kenne es aus dem Verein, dass sich viele nach dem Abi oder während der Ausbildung etwas zurückziehen. Schule kommt klar an erster Stelle, eine Zeit lang gab es im Verein auch eine Hausaufgabenbetreuung. In heutiger Zeit wurde das jedoch nicht mehr praktiziert.

Wann beginnt die Laufbahn idealerweise im Verein?
Reiner Nold

Man muss das unterteilen: Die Laufbahn beginnt ab der D-Jugend. Das Fußballspielen beginnt schon bei den Jüngsten, so mit sechs Jahren, der G- und F-Jugend. Dort wird erst mal ans Fußballspielen herangeführt. Erst ab der E-Jugend werden die Kleinen ans Regelwerk gewöhnt. In D- und C- Jugend soll die Technik beherrscht werden. Auf den „Sichtungstagen” des SBFV können sich Vereine mit Mannschaften anmelden. Die Spieler werden dann gesichtet. Die besten Spieler kommen ins Sichtungstraining nach Steinbach. Sie erhalten danach auch spezielle Förderung.

Gilt das auch für Mädchen und Frauen? Was ist der Unterschied zum Jungenfußball?
Reiner Nold

Das gilt für Mädchen und Frauen genauso. Der gravierendste Unterschied ist die Anzahl der Spieler. Es sind weitaus nicht so viele Mädchen bereit, Fußball zu spielen. Wir haben keine A-Jugend, bei den B-Juniorinnen haben wir nur sechs Mannschaften, bei den D-Juniorinnen nur fünf, bei den E-Juniorinnen haben wir nur eine Mannschaft, diese lassen wir bei den F-Juniorinnen mitspielen. Wir müssen als Verband aktiv auf Mädchen und Frauen zugehen. Im Moment stellen einzelne Vereine wieder Mädchenmannschaften. Wir hoffen, dass es noch mehr werden, wir als Verband setzen alles daran, dass mehr Mädels zum Fußball hinkommen.

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