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"Keine Ressentiments erfahren"

Gaggenauer Pfarrer spricht über die Reaktionen auf seine Ehe mit einem Mann

Der 59-jährige Pfarrer Alexander Kunick aus Gaggenau ist mit einem Mann verheiratet. Im BNN-Interview spricht er über die positiven Reaktionen, die er erfahren hat – an der „Basis“ und schon zuvor von der Kirchenleitung. Kunick sagt auch, dass er katholische Pfarrerkollegen kennt, die den Zölibat nicht leben.

Offene Türen hat die evangelische Markuskirche in Gaggenau. Offen geht auch Pfarrer Alexander Kunick mit seiner Ehe mit einem Mann um. Foto: Dorscheid

Der evangelische Pfarrer Alexander Kunick aus Gaggenau, der mit einem Mann verheiratet ist, ging seit seiner öffentlichen Vorstellung sehr offen mit seiner persönlichen Situation um. Im BNN-Interview spricht der 59-Jährige über die positiven Reaktionen, die er erfahren hat – an der „Basis“ und schon zuvor von der Kirchenleitung.

Im September vergangenen Jahres stellte Jutta Walter, die Vorsitzende des evangelischen Kirchengemeinderats in Gaggenau, die drei neuen Pfarrer (alle aus Pforzheim kommend) vor: Das Ehepaar Nicola und Hartmut Friedrich sowie Alexander Kunick. Auch Kunick ist verheiratet – mit seinem Ehemann Wolfgang Kunick.

Sie wohnen seit November im Pfarrhaus neben der Markuskirche – haben Sie und Ihr Ehemann Wolfgang Kunick sich in Gaggenau gut eingelebt?

Kunick: Ja, wir haben uns sehr gut eingelebt. Wir sind von der Gemeinde freundlich begrüßt worden. Mein Mann ist jeden Sonntag im Gottesdienst präsent und bringt sich auch sonst, wann immer er Zeit hat, mit ein.

Ich habe keinerlei Ressentiments oder gar Ablehnung erfahren.

Sie haben hier in Gaggenau schon bei Ihrer öffentlichen Vorstellung im September 2019 auf Ihre gleichgeschlechtliche Ehe hingewiesen – sind Sie gut mit Ihrer Offenheit von Beginn an gefahren beziehungsweise welche Reaktionen haben Sie und Ihr Mann in Gaggenau bisher erhalten?

Kunick: Eigentlich nur positive Reaktionen. Ich habe keinerlei Ressentiments oder gar Ablehnung erfahren, es war durchweg angenehm. Meine Erfahrung: Je offener man mit der Situation umgeht, desto besser können die Menschen, mit denen man zu tun hat, damit umgehen.

Wenn die Leute jemanden kennen und schätzen, können sie mit dem Thema gleichgeschlechtliche Beziehung viel besser umgehen.

Sind sie an Ihrem vorherigen Dienstort Pforzheim ähnlich offen mit dem Thema umgegangen?

Kunick: Es war ein Weg, den ich beschritten habe. Zu Beginn in Pforzheim habe ich zwar gesagt, dass ich einen Freund habe, ich bin aber nicht weiter darauf eingegangen. Auch weil es damals eine andere Situation war: Mein damaliger Freund lebte nicht in Pforzheim, und wir haben uns nicht so oft gesehen.

Ab dem Moment, wo ich meinen Mann geheiratet habe – im Juni 2018 – war es dann etwas Anderes. Ich bin offensiv damit umgegangen und habe es öffentlich gemacht. Auch in meinem Dienstbereich in Pforzheim in einer teils sehr konservativen Gemeinde – viele Aussiedler aus Russland, viele AfD-Wähler – habe ich nie eine ablehnende Reaktion verspürt.

Wieder meine Erfahrung: Wenn die Leute jemanden kennen und schätzen, können sie mit dem Thema gleichgeschlechtliche Beziehung viel besser umgehen als wenn es in einer rein theoretischen Diskussion um ein solches Thema geht.

War oder ist Ihre persönliche Situation auch ein Thema bei Pfarrerkollegen oder im Oberkirchenrat?

Kunick: Die Hierarchie geht wesentlich unbefangener damit um als es vielleicht noch in einigen Gemeinden der Fall ist. Bei einem Personalgespräch im Oberkirchenrat war ich verblüfft, dass man um meine persönliche Situation wusste und sehr offen damit umgegangen ist. Und das war noch vor dem Beschluss der Landessynode im Jahr 2017, wonach die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare möglich ist – was ja auch für die Pfarrer selbst gilt. Auch die Kollegen gehen offen mit dem Thema um, wie oft höre ich: Wie geht es Dir und Deinem Mann?

Konservative katholische Kreise haben wohl einen stärkeren Einfluss als man denkt.

Eine große Toleranz auf evangelischer Seite ist zu erkennen, während in der katholischen Kirche mit dem aktuellen Lehrschreiben von Papst Franziskus zur Amazonas-Bischofssynode noch nicht mal ein verheirateter Priester im entferntesten Regenwald erlaubt wird – beim Thema Pfarrerehe besteht ein Riesenunterschied zwischen den beiden Kirchen. Wie fällt Ihre Bewertung aus?

Kunick: Zunächst weiß ich, dass es auch im evangelischen Bereich Gruppierungen gibt, die gleichgeschlechtliche Beziehungen rundweg ablehnen. Ich hätte mich nicht für eine Gemeinde beworben mit dem Gefühl, dass ich dort nicht glücklich werde. Auch der Synodenbeschluss 2017 war ein langer Weg – mit heftigem Widerstand bis zuletzt.

Was die katholische Seite angeht: Ich glaube, dass mindestens an der Basis viele akzeptieren können, dass Menschen eine gleichgeschlechtliche Beziehung haben. Auf der Ebene der Kirchenleitungen gibt es wohl tatsächlich Unterschiede: Da ist unsere Kirchenleitung glücklicherweise sehr offen; bei unserer Hochzeit hat Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh einen persönlichen Gruß geschickt, was ich als sehr wertschätzend empfand.

Ich denke, dass auf katholischer Seite der Wunsch nach Veränderung hierzulande auch auf Leitungsebene vorhanden ist, aber konservative katholische Kreise haben wohl einen stärkeren Einfluss als man denkt. Ich bedaure das, auch mit Blick auf meine katholischen Pfarrerkollegen; ich kenne etliche, die den Zölibat nicht leben und eine Beziehung haben.

Generell wünsche ich mir Toleranz gegenüber Lebensentwürfen und Beziehungsstrukturen, die mir möglicherweise fremd sind. Man kann sich doch von außen gar nicht in jemanden hineinversetzen, der sich beispielsweise in einem fremden Körper fühlt und eine Geschlechtsumwandlung anstrebt – darf ich den beurteilen oder sogar verurteilen? Ich meine nein.

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