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Corona-Verordnung

Pforzheimer demaskieren sich als Hamsterkäufer

Die Änderungen der Corona-Verordnung des Landes tragen in Pforzheim noch keine Früchte. Kaum jemand trug am Montag in der Fußgängerzone eine Maske. Stattdessen stürzte man sich lieber auf Toilettenpapier.

Freundliche Ermahnung: Ein Mitarbeiter der Pforzheimer „City-Streife“ erinnert an die neue Maskenpflicht in der Fußgängerzone. Foto: Jürgen Müller

Vielleicht hätten die Straßenmusiker, die wie selbstverständlich an Tag eins der verschärften Corona-Verordnung in die Pforzheimer Fußgängerzone gelaufen kamen, ein anderes Lied singen sollen. „Shiny happy people“ von R.E.M. wäre ein treffender Kandidat für den Tag gewesen. Strahlende, fröhliche Leute, die lachen. Das konnte man überraschend gut beobachten. Überraschend deshalb, weil kaum jemand in der Fußgängerzone eine Maske trug, verschärfte Maskenpflicht hin oder her.

Wenngleich es am Montag landesweit zu einer Kontroverse kam, wie viel Maskenpflicht nun in der Fußgängerzone herrscht, gaben die Pforzheimer dennoch ein schlecht informiertes Bild ab. Denn zu dritt oder viert in der Fußgängerzone im Abstand von vielleicht zehn Zentimetern und ohne Maske durch die Gegend zu laufen, geht in jedem Fall nicht mehr. Zumal Oberbürgermeister Peter Boch in einer Videoansprache die Bürger der Stadt auf die neuen Maßnahmen einzuschwören gedachte.

„Einen zweiten Lockdown darf es unter keinen Umständen geben“, sagte das Stadtoberhaupt. In Pforzheim seien demnach vor allem die Fußgängerzonen in der Innenstadt und in Brötzingen von der neuen Direktive betroffen und auch die Wochenmärkte. Die Stadt werde in den kommenden Tagen noch einmal Schilder zur besseren Information aufstellen. Das Corona-Bürgertelefon ist wieder aktiv und von 9 bis 12 Uhr unter (07231)393339 erreichbar – wenn man denn durchkommt.

Wunsch nach mehr Informationen

Dass mehr Information nötig ist, konnte man am Montag nur allzu gut beobachten. Zum großen Bußgeldeintreiben ist es nicht gekommen. Die Stadt Pforzheim erklärt auf Nachfrage, man sei „mit Augenmaß“ vorgegangen, immerhin gehe es um eine neue Verordnung. Man werde die Kontrollen aber künftig intensivieren.

Und auch die Polizei hatte für Montag keine Schwerpunktkontrolle geplant. Wie viel ansonsten noch kontrolliert wurde, das konnte man bei Redaktionsschluss noch nicht sagen. Nur, dass die Lage ruhig blieb. „Bereits durchgeführte Kontrollen zeigen, dass ein Großteil der Bürger die Maßnahmen akzeptiert“, so ein Polizeisprecher. Ähnliches berichten auch Stadt Pforzheim und Enzkreis über die Erfahrungen der Ordnungsämter.

Kaum noch Klopapier: Die Hamster in Pforzheim sind seit einigen Tagen wieder unterwegs, wie hier bei Edeka Berger im Stadtteil Huchenfeld. Foto: Sebastian Kapp

Derweil gibt es an der eigentlichen Corona-Front keine guten Nachrichten. Wenngleich in den weiterführenden Schulen nun auch im Klassenraum die Maskenpflicht gilt, hat das Coronavirus gleich an drei Schulen wieder Einfluss auf den Betrieb genommen. An der Otterstein-Werkrealschule wurde eine Lehrkraft positiv getestet, am Hebel-Gymnasium und an der Osterfeld-Realschule waren es jeweils ein Schüler. Wie Stadt und Gesundheitsamt mitteilen, wurden die entsprechenden Kontaktpersonen in Quarantäne geschickt. Weiterer Hygienemaßnahmen oder gar einer Einstellung des Schulbetriebs bedürfe es nicht.

In der Fußgängerzone allerdings herrscht weiterhin eitel Sonnenschein. Außer bei Claudia Preuss, Mitarbeiterin der Stadtapotheke in der Fußgängerzone. „Ich verstehe es nicht. Da hält sich kein Mensch dran“, schimpft sie. „Man kommt sich richtig albern vor, wenn man mit Maske rausgeht. Ich tue es trotzdem.“ Ganz anders als eine Passantin, die sich wild bei einer Polizeistreife beschwert.

Sie sei Querdenkerin, lebe „in einem freien Land“ und weigere sich, die Maske aufzusetzen. Dabei war die Streife gar nicht wegen einer Kontrolle gekommen, sondern um die Straßenmusiker aus der Fußgängerzone zu verbannen. Weil sie keine Masken trugen? Nein, weil sie keine Genehmigung hatten. Auch das gibt es noch in Zeiten von Corona.

Geht man allerdings in die Supermärkte der Stadt, dann ist es mit der Corona-Gelassenheit vorbei. Beim Edeka in Huchenfeld etwa gibt es kaum noch Toilettenpapier in den Regalen. „Das geht schon seit letzten Montag bei uns so“, sagt die Marktleiterin, die anonym bleiben möchte. Schlangen beim Fleisch, bei Backwaren und eben dem Toilettenpapier sind wie schon beim Lockdown vor einem halben Jahr wieder die Regel. „Ich warte nur darauf, dass es bald wieder Personen-Beschränkungen gibt“, sagt sie.

Noch spöttischer beobachtet Bernhard Pischzan, Inhaber des gleichnamigen City-Supermarkts, die „Hamster“. „Die Welt ist verrückt“, meint er. „Wir alle wissen doch, wie viel Toilettenpapier wir in einem Monat brauchen. Aus welchem Grund kaufen die Leute gleich fünf oder sechs Pakete?“ Zumal der Lockdown ja gezeigt habe, „dass die Lebensmittelgeschäfte weiterhin offen waren. Wann bekommt das der Endverbraucher endlich mal in seine Birne?“ Tatsächlich komme es nun wieder zu Verknappungen.

„Und die Leute werden dann auch noch unverschämt und fordern Lieferservice für ihre Hamsterkäufe!“ Spöttisch merkt er an, wenn der Kunde so ticke, dann könne er ja zwei Wochen schließen und nur an wenigen Tagen verkaufen. „Dann können sie regelmäßig ihre Hamsterkäufe machen.“ Zumindest Probleme mit Maskenverweigerern habe er nicht mehr. „Das ist bei den Kunden jetzt wie Unterwäscheanziehen. Da haben wir weniger Ärger.“

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