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Verorgungslücke

Was der Ärztemangel in Pforzheim für Patienten bedeutet

Einen Hausarzt in Pforzheim zu finden gleicht für viele Zugezogene einer Odyssee. Denn der Arztmangel ist längst nicht mehr nur ein Land-Thema. Ärzte stoßen an die Belastungsgrenze - und selbst Pforzheims Krankenhäuser klagen.

Die Plätze sind rar bei Hausärztin Nadine Haist (links). Vor einem halben Jahr hat sie ihre Praxis in der Leopoldstraße gegründet – und im zweiten Quartal bereits knapp 600 Patienten behandelt. Foto: Wacker

Mit einem solchen Andrang hatte Nadine Haist nicht gerechnet. Als die Hausärztin vor einem halben Jahr in der Pforzheimer Innenstadt eine Praxis neu gründete, ganz ohne Bestandspatienten, da hatte sie einen deutlich ruhigeren Start erwartet. Doch der Hausarztmangel trifft längst auch die Stadt. Wodurch Haist und Partnerin Marlene Schachner im zweiten Quartal bereits knapp 600 Patienten aufweisen können.

Patienten rufen manchmal mehr als zehn Ärzte für einen Termin an

„Es kommen auch viele zu mir, die zugezogen sind“, berichtet Haist. „Die haben zehn, zwölf Kollegen vorher angerufen. Manchmal frage ich mich auch, ob das okay war, die einfach wegzuschicken.“ Viele Praxen sind überlaufen, wer stichprobenartig ohne Hausarztbindung versucht, einen Termin zu bekommen, wird sehr oft teils schroff am Telefon abgewiesen. Das sei kein böser Wille, erklärt Haist. „Laut Kassenärztlicher Vereinigung behandelt ein Arzt im Quartal 650 Patienten. Ich kenne aber Kollegen, bei denen sind es 800 bis 1.200“, sagt Haist. Irgendwann sei einfach Schicht im Schacht.

Aufnahmestopp nun auch in Huchenfeld

So wie bei Nicola Buhlinger-Göpfarth aus Huchenfeld. Nachdem im nahen Schellbronn eine Praxis schloss, habe sie 500 Patienten übernommen, seit dem 1. Januar „herrscht nun Aufnahmestopp“. Besserung ist kaum in Sicht. Das Renommee habe unter Hausärzten massiv gelitten, weshalb kaum jemand nachkomme und die raren Hausärzte im Schnitt überaltert seien, sagt Buhlinger-Göpfarth. „Die Generation, die nachkommt, ist nicht niederlassungswillig.“ Finanzielle Risiken und Bürokratie schrecken ab.

Über 10.000 Menschen ziehen im Jahr nach Pforzheim

Zur Überfüllung tragen aber auch die Patienten selbst bei. „Der gelbe oder rosa Zettel ist eines unserer Probleme“, sagt Markus Haist, Vorsitzender des Ärzteverbandes Pforzheim/Enzkreis und Ehemann von Hausärztin Nadine. „Wenn wir da Karenzzeiten hätten, würde das die Praxen entlasten.“ Das Problem: Wer sich krankmeldet, muss in einer bestimmten Frist ein Attest nachweisen – vom Hausarzt. 10.681 Menschen sind allein im Jahr 2018 gemäß Zahlen der Stadt Pforzheim ins Stadtgebiet gezogen – drei Viertel kommen von außerhalb des Enzkreises, brauchen also einen Hausarzt. „Da fehlt ein Steuerungsmechanismus, also ein echter“, klagt Markus Haist.

Notaufnahmen sind überlastet - und überfordert

Dabei begehen die Patienten bei der Suche auch Fehler, was unter anderem die Notaufnahmen der Krankenhäuser spüren. „In Zeiten der Erkältungs- und Grippewellen teilen uns Patienten in der Zentralen Notaufnahme mit, dass sie zu uns kommen, weil sie keinen Hausarzt finden“, berichtet Silke Bentner, Sprecherin des Helios-Krankenhauses. Zehn bis 20 Prozent der Patienten mache das aus und wirke sich auch auf „wirkliche Notfälle“ aus. Manchmal kann die Klinik zudem gar nicht helfen. „Sollte eine Kontrolluntersuchung notwendig sein oder eine Krankmeldung, sind wir verpflichtet, den Patienten an den Hausarzt zurückzuweisen“, so Bentner.

KV fordert Politik zum Handeln auf

Dabei gibt es ja Mittel und Wege, so etwas wie ein Patienten-Arzt-Management in die Wege zu leiten. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg etwa vermittelt per Telefon Praxistermine und Hausärzte. Doch das wüssten immer noch zu wenige, klagt Martin Haist. „Die Unsicherheit in der Bevölkerung ist sicherlich gestiegen“, sagt auch Kai Sonntag von der KV, der seit langem ein energisches Handeln der Politik fordert. Im Dezember hat zumindest die Landesregierung Weichen gestellt und eine Landarztquote im Studium beschlossen. Wer bereit ist, Landarzt zu werden, soll dabei einen Bonus auf die Bewerbung bekommen. Nur gelte das ja nicht für Großstädte wie Pforzheim, so Sonntag. Und es wirke sich erst in zwölf Jahren aus, nach abgeschlossener Ausbildung der neuen Erstsemester.

Dann ist wohl auch Nadine Haist längst mit ihrer Praxis am Anschlag. Wenn sie dann überhaupt noch vor Ort ist. Denn Haist wäre dann 67 Jahre alt.

Zahlen und Fakten

In Pforzheim gibt es 83 Hausärzte, im Enzkreis 117. Insgesamt sind 325 Ärzte in Pforzheim registriert und 247 im Enzkreis. Die ärztliche Versorgung beträgt laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) 97,2 Prozent in Pforzheim und dem westlichen Enzkreis, 93,4 Prozent im Raum Mühlacker und 101,9 Prozent im Raum Bad Wildbad. Bis zur Sperrung durch die KV könnten sich im Raum Pforzheim entsprechend noch 21 Hausärzte niederlassen – also ein knappes zusätzliches Viertel. In Mühlacker wäre noch Platz für weitere sechs Ärzte und in Bad Wildbad für weitere zwei. Als unterversorgt gilt keine der drei Regionen. Sorgen bereitet der KV auch die Altersstruktur der Hausärzte. In Pforzheim und im Enzkreis sind je 28 Prozent der Hausärzte älter als 60 Jahre. In Stuttgart sind es sogar 40 Prozent, in Karlsruhe 39 (Stadt) und 32 (Land).

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