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Erstes Erdgas-Kreuzfahrtschiff

Aida Nova: Ein Küsschen für die Umwelt

Es hat funktioniert. Der Kreuzfahrttourismus boomt. Das neueste Schiff des Marktführers, die Aida Nova, hat Platz für 6 600 Gäste. Aida Cruises lud Journalisten an Bord des weltweit ersten Kreuzfahrtschiffes, das umweltfreundlich mit Flüssiggas angetrieben wird, ein.

GUTEN GEWISSENS AUF SEE: die Aida Nova. Der deutsche Marktführer prescht mit diesem Schiff für 6 600 Passagiere weltweit voran. Die 83 970-PS-Maschinen werden mit Flüssiggas angetrieben. Umweltfreundlicher geht es derzeit nicht. Foto: Aida Cruises
Diese Kleinstadt schwimmt auf hoher See: Sie hat 23 Bars und 17 Restaurants, darunter sogar eine Hausbrauerei, deren Chef Fabian Gabriel täglich 1 200 Liter Bier ausschenken lässt. Die 337 Meter lange, 42 breite und 63 Meter hohe Stadt hat ein Hospital, eine Wäscherei – unter anderem für allein 36 000 Beach-Handtücher – und eine Bäckerei an Bord. Zu ihr gehören ein Minigolfplatz, ein Fitnessstudio, ein Klettergarten, 3 500 Quadratmeter Wellnesslandschaft, ein Schwimmbad mit 14 Pools und drei Riesenrutschen – und bei schlechtem Wetter wird einfach an der überdachten „Beach“ gebadet, wo abends Sänger wie Sasha („If You Believe“) oder Nico Santos („Rooftop“) auftreten. Wer will, der geht shoppen, schlendert durch die Kunstgalerie, in der ein Rizzi, Lindenberg oder Miles für Tausende Euros verkauft wird. Oder er schaut im TV-Studio vorbei, im Theater, im Spielcasino und tanzt danach bis spät in der Nacht in den Discotheken.

Diese Kleinstadt heißt Aida Nova. Sie ist mit Platz für 6 600 Passagiere und 1 422 Mitarbeiter derzeit mit bis zu 39 Stundenkilometern zwischen den Kanaren und Madeira unterwegs. Es ist eines der größten Kreuzfahrtschiffe weltweit – und das grünste, wie sogar der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) lobt: Die 83 970 PS-Maschinen werden so gut wie ausschließlich mit Liqueified Natural Gas (LNG) angetrieben. Die Reederei mit dem Kussmund gibt der Umwelt also einen Schmatz – obwohl sie die ab 2020 geltenden Umweltauflagen der IMO – sie ist Teil der UNO – auch günstiger hätte erreichen können. „LNG ist der sauberste fossile Brennstoff“, sagt Aida Cruises-Pressechef Hansjörg Kunze, „vergleichbar mit einem Erdgasauto.“

Die Aida Nova kostete eine Milliarde Euro

Die Kosten für den Kreuzfahrtriesen gibt das Management mit einer Milliarde Euro an. In wie vielen Jahren sich so ein Schiff amortisiert? „Die meisten sagen nach 20 Jahren“, meint Aida-Produktentwickler Michael Stendebach. Als Mehrkosten für die Maschinen in der Aida Nova nennt er 30 Millionen Euro. Bis zu 300 Millionen Euro seien es, wenn man die LNG-Entwickungskosten mit einkalkuliere – Aida Cruises ist bereits seit zehn Jahren am Thema dran.

Doch die amortisierten sich relativ schnell. Grund: Die amerikanische Carnival-Gruppe, zu der Aida Cruises gehört, hat bis 2025 weitere zehn LNG-Schiffe bestellt, darunter zwei weitere Aida-Exemplare. Bis 2023 soll über die Hälfte der Aida-Passagiere umweltfreundlich mit Erdgas auf Reisen gehen. Auch Konkurrenten wie Disney oder MSC ordern LNG-Antriebe. Der deutsche Konkurrent TUI Cruises hat auch sein jüngstes „Mein Schiff 2“ als Alternative mit Katalysatoren ausgestattet.

FLÜSSIGGAS-NACHSCHUB: Alle 14 Tage kommt das Tankschiff zur Aida Nova. Foto: Aida Cruises

Unter den 69,6 Millionen deutschen Urlaubern im Jahr 2017 waren 2,2 Millionen auf Kreuzfahrtschiffen. Entsprechend groß sei noch das Potenzial, sagt Aida-Chef Felix Eichhorn. „Erfolgreiches Wachstum ist aber nur möglich, wenn man nachhaltig ist“, schwört er seine Mannschaft ein. Man forsche schon jetzt an Brennstoffzellen oder Batterie-Technologie für den nächsten Entwicklungsschritt.

Ein Blick in den Bauch der Aida Nova: Dort lagern drei U-Boot-große Tanks mit zusammen 3 650 Kubikmetern auf 163 Grad Celsius abgekühltem LNG. Nur alle 14 Tage muss in Teneriffa von einem Tankschiff des Aida-Partners Shell aufgefüllt werden. Dieses Bunkerschiff hat in Rotterdam 20 Ladungen für die Aida an Bord genommen und wartet auf den Kanaren, bis der Kreuzfahrtriese Nachschub braucht.

Anders als beim billigen Schweröl, einem Abfallprodukt der Raffinerien, können bei LNG die Stickoxidemissionen um bis zu 80 Prozent und der CO2-Ausstoß um weitere 20 Prozent reduziert werden. Emissionen von Feinstaub und Schwefeloxiden werden nach Aida-Angaben nahezu vollständig vermieden. „Kucken Sie sich nur mal den Schornstein an“, fordert Sven Blohm, der Chef im Maschinenkontrollraum der Aida Nova, die Gäste auf.

„Bislang ist die Aida Nova zu 99,4 Prozent mit LNG gefahren“, erläutert Martina Reuter von der Aida-Pressemannschaft. Denn nur bei unerwartet nötigen kurzfristig starken Beschleunigungen werde Diesel in die vier Dual-Fuel Motoren der Firma Caterpillar eingespritzt. „Ich muss die Maschinen etwas sanfter fahren“, erklärt Kapitän Vincent Cofalka den Unterschied zum klassischen Antrieb.

Von dieser Hightech zwischen Bug bis Heck bekommt der Gast auf hoher See natürlich nichts mit. Er erlebt dafür die Vielfalt dieser schwimmenden Stadt. Damit er sich zurechtfindet, sind deren Wege optisch und auch durchaus künstlerisch unterschiedlich gestaltet.

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