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Mehr Aktivität nach warmem Winter

Anstieg bei FSME-Krankheit im Südwesten: Das sind die Zecken-Hochburgen

Die Zahl der von Zecken übertragenen Virus-Erkrankung FSME hat im Südwesten deutlich zugenommen. Doch zwischen einzelnen Regionen gibt es große Unterschiede. Ein Landkreis sticht besonders negativ hervor.

ARCHIV - 07.09.2020, Brandenburg, Sieversdorf: Im Gegenlicht ist der Schatten einer Zecke (Ixodida) auf einem Blatt zu sehen. Das Tier wartet auf Beute. Viele Zeckenarten sind bedeutende Krankheitsüberträger. (zu dpa: „Vorsicht vor Zecken bei coronakonformen Treffen draußen“) Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Parasitologen zufolge sind Zecken in diesem Sommer besonders aktiv. Foto: Foto: Patrick Pleul/mag

Sie lauern im Unterholz und auf Grashalmen. Man bemerkt sie oft erst, wenn es zu spät ist. Wenn die Angreiferin ihr Opfer schon mit Speichel lokal betäubt hat. Wenn ihre Klauen die Haut aufgerissen und ihr Stechrüssel schon im Gewebe ankert. Tagelang kann sie sich am Blut ihres Wirts gütlich tun.

Die Zecke gehört zu den heimtückischsten Arten, denen man auf einem Sommerspaziergang begegnen kann. Und zu den gefährlichsten, denn die winzigen Spinnentiere aus der Ordnung der Milben gelten als bedeutende Krankheitsüberträger, insbesondere von Lyme-Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).

Dieses Jahr sind die kleinen Blutsauger im Südwesten besonders verbreitet. Zecken-Experte Alexander Lindau sagt: „In den von uns untersuchten Gebieten in Süddeutschland ist die Aktivität auf einem hohen bis sehr hohen Niveau.“

Der Parasitologe forscht an Universität Hohenheim über Zecken. Ihm zufolge liegt das verstärkte Aufkommen in diesem Jahr vor allem am milden Winter.

Das wirke sich aber nicht immer auf die Zahl der Erkrankungen aus. „Nur, weil es viele Zecken gibt, heißt es nicht, dass es auch viele FSME-Erkrankungen gibt.“ Denn anders als die Borreliose-Bakterien kommen FSME-Viren nicht flächendeckend vor, so der Experte. Manchmal sei es nur die Fläche von ein bis zwei Fußballfeldern, wo FSME-Zecken hausen.

Ganz Baden-Württemberg ist Risikogebiet – bis auf eine Stadt

Borreliose ist eine Infektionskrankheit, die von Bakterien ausgelöst wird und Nervensystem, Gelenke und Organe schädigen kann. Ein bekannter Betroffener ist der US-Sänger Justin Bieber, der 2019 an Borreliose erkrankte und über Lähmungen im Gesicht klagte. Das Positive: Borreliose lässt sich im Frühstadium gut mit Antibiotika behandeln.

Keine Heilmethode gibt es für die von Viren ausgelöste FSME. Die Krankheit verläuft oft grippeähnlich und harmlos, kann aber auch zu schwerwiegenden Entzündungen von Gehirn und Rückenmark führen.

Immerhin kann man sich gegen FSME impfen lassen, was laut der Ständigen Impfkommission einen 99-prozentigen Schutz bietet. Die Stiko empfiehlt die Impfung für diejenigen, die in sogenannten FSME-Risikogebieten leben und „Zecken exponiert sind“, also sich häufig in Wald und Wiesen aufhalten.

Zecken und welche Gefahr von ihnen ausgeht
Zecken und welche Gefahr von ihnen ausgeht Foto: BNN

Wo diese Risikogebiete sind, kann man sich im Südwesten besonders gut merken. „Ganz Baden-Württemberg außer dem Stadtkreis Heilbronn ist FSME-Risikogebiet“, erläutert Pascal Murmann vom Stuttgarter Gesundheitsministerium.

Wie der Sprecher von Minister Manfred Lucha (Grüne) auf Anfrage dieser Redaktion mitteilt, ist die Zahl der FSME-Fälle in Baden-Württemberg im ersten Halbjahr deutlich um rund 40 Prozent gestiegen.

„Seit Jahresbeginn wurden dem Landesgesundheitsamt insgesamt 75 FSME-Fälle aus 28 Land- und Stadtkreisen Baden-Württembergs übermittelt, das sind 20 Fälle mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres“, so Murmann.

Schwankungen seien aber nichts Ungewöhnliches. Die Krankheit ist seit 2001 meldepflichtig, die Dunkelziffer dürfte dennoch deutlich über den offiziellen Zahlen liegen, da milde Verläufe oft nicht erkannt werden.

FSME: Ostalbkreis ist besonders stark betroffen

Was Zecken-Forscher Lindau zur unregelmäßigen Verteilung der FSME-Gebiete sagt, bestätigt auch die Datenbank des Landesgesundheitsamtes. Demnach ist der Landkreis Ravensburg mit 13-FSME-Fällen besonders betroffen.

Es folgen der Ostalbkreis mit sechs Fällen sowie Calw, Ortenau, Rottweil und Zollernalb mit jeweils vier. Jeweils nur einen FSME-Fall wurde in Stadt- und Landkreis Karlsruhe, in Pforzheim sowie im Enzkreis gemeldet.

Bundesweit war zuletzt noch ein Rückgang der Fälle verzeichnet worden. Das Robert Koch-Institut (RKI) verzeichnete vergangenes Jahr 390 FSME-Erkrankungen, im Jahr 2020 waren es noch 712 FSME-Erkrankungen.

Nicht meldepflichtig ist Borreliose. Zu Erkrankungsfällen gibt es nur Schätzungen. „Bundesweit geht man von 60.000 bis 80.000 Neuerkrankungen im Jahr aus. Das bedeutet für Baden-Württemberg etwa 8.000 bis 10.500 Fälle“, rechnet Lucha-Sprecher Murmann vor.

Tropenzecken können Fleckfieber übertragen

Ähnlich wie auch bei Stechmücken beobachten Forscher Einwanderungen aus südlicheren Gefilden. Die Parasitologen der Uni Hohenheim haben in einer unlängst abgeschlossenen Studie einige Tropenzecken der Gattung Hyalomma nachgewiesen.

Sie sind viel größer als die heimischen Zecken und haben gestreifte Beine. Sie können durch Zugvögel nach Deutschland eingetragen werden und in Afrika beheimatete Erreger wie das Zecken-Fleckfieber übertragen.

Zecken-Platzhirsch ist deutschlandweit der Gemeine Holzbock, der Borreliose und FSME übertragen kann. Stark ausgebreitet hat sich in den vergangenen Jahren die Auwaldzecke, die laut Landesgesundheitsamt in Karlsruhe, am Rhein und im Kinzigtal besonders gut vertreten ist. Sie bevorzugt als Wirte vor allem größere Weidetiere und Wildtiere. Übertragungen des FSME-Virus’ auf den Menschen sind RKI-Angaben zufolge sehr selten.

Und was schützt? Experten raten beim Wandern durch Wald und Wiesen zur Kombination von Präventionsmaßnahmen: geeignetes Anti-Zecken-Spray und schützende Kleidung: lange Hosen in die Socken stecken und festes Schuhwerk anziehen.

Kleinere Kinder sollten einen Hut tragen. Kam es schon zum Stich, ist Ruhe bewahren angesagt. Mit einem Zeckenpinzette oder Zeckenkarte aus der Apotheke kann der Blutsauger kontrolliert und vollständig entfernt werden, anschließend sollte die Wunde desinfiziert werden.

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