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Preisvergabe

ARD-Hörspieltage in Karlsruhe: „Kleines Stück“ machte den größten Eindruck

Bei den ARD-Hörspieltagen im ZKM Karlsruhe wurde über die Zukunft dieses Radio-Genres debattiert. Der Hauptpreis ging allerdings an eine herausragende Arbeit mit historischer Perspektive.

Der Hauptpreis der ARD-Hörspieltage ging im ZKM Karlsruhe an Noam Brusilovsky und Ofer Waldman für ihr Stück „Adolf Eichmann. Ein Hörprozess“. Foto: SWR/Uwe Riehm

Er habe eigentlich nur ein „kleines Stück“ schreiben wollen, sagte Noam Brusilovsky mit hörbarer Rührung in der Stimme. Denn zu dem Thema, dem er sich gewidmet hat, gebe es schon „so viele gute Hörspiele“.

Doch ihm ist gemeinsam mit seinem Co-Autor Ofer Waldman ein Werk gelungen, über das die Jury der ARD-Hörspieltage gar nicht aufhören konnte zu reden, wie die Juryvorsitzende Maryam Zaree bei der „Nacht der Gewinner:innen“ erklärte.

„Sogar nach unserer einstimmigen Entscheidung, beim Schreiben der Begründung, haben wir noch über all die Bedeutungsebenen gesprochen, die deutlich werden, je öfter man dieses Stück hört.“

Gewinnerstück mit besonderem Ansatz

Das Stück, um das es geht und das am Samstagabend im ZKM Karlsruhe mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet worden ist, trägt den Titel „Adolf Eichmann. Ein Hörprozess“ (Produktion: Radio Bremen/Deutschlandfunk Kultur). Entstanden ist es anlässlich des 60. Jahrestags des Prozesses gegen Adolf Eichmann, der in Deutschland zur NS-Zeit den Holocaust organisiert hatte und hierfür 1961 in Israel angeklagt und hingerichtet wurde.

Doch sein besonderer Ansatz ist: Es erzählt nicht primär von dem Prozess, sondern vor allem von dessen Vermittlung über das Radio und die Bedeutung dieser Übertragung für die damals noch junge israelische Gesellschaft.

Den virtuosen Einsatz „genuin radiophoner Mittel“, den die Laudatio hervorhob, hatte die Jury bereits in ihrer öffentlichen Diskussion zum Festivalauftakt gelobt. Das Hörspiel verbindet O-Töne des Prozesses mit Stimmen damaliger Hörerinnen und Hörern und Spielszenen aus dem Leben einer Familie.

Ein tiefgründiges Hörspiel, das einen mit Bewunderung erfüllt.
Maryam Zaree, Vorsitzende der Jury

Es erinnert an die tiefgreifende gesellschaftliche Wirkung, die Radio entfalten kann und hinterlässt selbst großen Eindruck. Die Produktion sei „ein tiefgründiges Hörspiel, das einen mit zunehmender Bewunderung erfüllt, je öfter man es gehört hat“, so Zaree in der Laudatio.

Enttäuschendes Live-Hörspiel

Diese Preisvergabe unterstrich als würdiger Schlussakkord des Festivals, das coronabedingt als zweitägige Kurzausgabe stattfand, wie relevant Radiokunst auch oder gerade dann sein kann, wenn sie nicht primär auf Aktualität ausgerichtet ist. Letzteres hatte am Abend zuvor das diesjährige Live-Hörspiel versucht.

Unter dem Titel „Unerhörter Sound“ wollte der Musiker und Theaterregisseur Schorsch Kamerun die Balance der Mitspracherechte zwischen Demokratie und Dichtmachen hinterfragen.

Das Ergebnis geriet leider nur mäßig inspiriert: Elektronisches Brummen und Knarzen umspülte repetitive Klaviermuster und halb gesungene, halb rezitierte Texte gegen Krieg und Populismus, die in ihrer Offensichtlichkeit schon während des Zuhörens wieder in Vergessenheit gerieten.

Podium zur Zukunft des Genres

Spannender klangen einige Projekte, die bei der Podiumsveranstaltung „Hörspiel. Next Generation“ vorgestellt wurden. Beim „Tatort interaktiv“ etwa lässt sich ein Stück über Sprachassistenten wie Alexa oder Google hören und mitbestimmen (spiel- und hörbar auch über die Web-Adresse www.tatort.de/interaktiv).

Podcasts ermöglichen neue Formate

Mit zahlreichen Audiofiles, die online je nach Hörerentscheidung verknüpft werden, nutzt dieses Format den digitalen Raum noch mehr als Podcasts, die ebenfalls Einzug in die Hörspiellandschaft gehalten haben und manches neue Format erst ermöglichen.

So wäre der nur online pubizierte True-Crime-Podcast „Shit happens“ (SWR) in der unterschiedlichen Länge seiner 13 Folgen im Radio als „großer Schrank mit vielen formatierten Schubladen“, wie es Festivalleiter Walter Filz ausdrückte, kaum unterzubringen gewesen.

Räume fürs Hörspiel werden enger

Erkennbar wurde aber auch: Insgesamt werden die Räume für das Hörspiel nicht größer. Wie die Medienjournalistin Diemut Roether in ihrem Impulsvortrag ausführte, gab es 2020 in allen ARD-Anstalten zusammen 268 Neuproduktionen. Sieben Jahre zuvor seien es noch 518 gewesen, also etwa doppelt so viele.

Die Zahl der Sendeplätze sei nicht ganz so stark zurückgegangen (von 2.226 auf 1.838), es werde daher häufiger mit Wiederholungen gearbeitet.

Das könnte von Hörspielmachern den Spagat fordern, einerseits langlebige Stoffe zu bieten, die andererseits möglichst aktuell podcast-tauglich vermarktet werden können.

Viele Preisträger nach starkem Wettbewerb

Welche Qualität das Genre freilich nach wie vor hervorbringt, zeigten die vielen starken Produktionen im jüngsten Wettbewerb. Prämiert wurden neben „Adolf Eichmann. Ein Radioprozess“ folgende Stücke: „Ihre Geister sehen“ von Rabea Edel (rbb, Publikumspreis, 2.500 Euro), „Atlas“ von Thomas Köck (MDR, Darstellerpreis für das Ensemble, 3.000 Euro), „Herr der Lügen“ von Thilo Reffert (DLF Kultur, Deutscher Kinderhörspielpreis, 5.000 Euro), „Ich will kein Engel sein“ von Frauke Angel (rbb, Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe, 2.000 Euro, in diesem Jahr vergeben durch die Klasse 4a der Hans-Thoma-Schule) und „Die goldene Börse der Sehnsucht“ von Carsten Brandau („ARD-PiNball“ für die beste Produktion der freien Szene, 1.000 Euro).

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